Ein Truppenoffizier

Der entlassene Reinhard Günzel hatte keine Generalstabsausbildung, aber soldatische Qualitäten / Von Peter Carstens

07. November 2003 

BERLIN, 7. November. "Einer unserer besten Leute", so hat der CSU-Verteidigungspolitiker Raidel den früheren Brigadegeneral Reinhard Günzel genannt. Günzel mußte in dieser Woche seine Entlassungsurkunde entgegennehmen, weil er in einem aufmunternden Kommandeurs-Brief die als antisemitisch bezeichnete Rede des Abgeordneten Hohmann (CDU) gelobt hatte. Einen "verwirrten General" nannte ihn deshalb Verteidigungsminister Struck. Daß einer "unserer besten Leute" in der Armee zugleich ein Wirrkopf sein soll, ist schwer zu verstehen. Damit man es begreife, wurde der früher hoch gelobte Günzel rasch einem Holzschnitt unterzogen, und es kam heraus, daß der Fallschirmjäger keine Generalstabsausbildung absolviert hatte, sondern sich als Truppenoffizier Stück um Stück nach oben gearbeitet habe. Unter den mehr als zweihundert Offizieren der Bundeswehr in Generalsrängen befinden sich stets einige Soldaten, mehr als fünf, sechs sind es nicht, die als Truppenoffiziere ohne Generalstabslehrgang aufgestiegen sind.

Der kurz vor Kriegsende in den Niederlanden geborene Offizier besuchte als Jugendlicher ein humanistisches Gymnasium und trat mit achtzehn Jahren den Fallschirmjägern bei, einer der Truppengattungen, die seit den neunziger Jahren wegen ihrer soldatischen Qualitäten an fast allen Auslandseinsätzen der Bundeswehr beteiligt sind. Doch Günzel war in den siebziger Jahren nicht allein Soldat, sondern auch Student der Geschichte und der Philosophie in Tübingen. Zu seinen Verwendungen zählte später auch eine Zeit, wo er als Lehrer für Taktik an der Offiziersschule des Heeres junge Soldaten unterrichtete und ein Jahr am Defense College der Nato in Rom. Doch die meiste Zeit war Günzel Offizier bei der Truppe.

In politisch unerfreuliche Zusammenhänge geriet Günzel 1997, als bei den Gebirgsjägern im sächsischen Schneeberg Fälle von angeblichem Rechtsradikalismus bekannt wurden. Der damalige Oberst wurde, ebenso wie sein damaliger Divisionskommandeur, von Scotti, von Verteidigungsminister Rühe (CDU) versetzt. Ob dies im Falle Günzels gerechtfertigt war, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Manche sagen, hier sei, wie bei Scotti, Unrecht geschehen. Die Vorfälle hatten sich vor seiner Dienstzeit dort ereignet. Andere, ehemalige Offizierskameraden, sind der Meinung, Günzel habe in der Angelegenheit zwar keine persönliche Schuld, sei aber unsensibel und nicht sehr drangvoll vorgegangen und deshalb zu Recht versetzt worden.

Daß er zweieinhalb Jahre später unter Verteidigungsminister Scharping (SPD) zum Kommandeur der im geheimen operierenden Spezialtruppe der Bundeswehr wurde, war gerechtfertigt durch Günzels überragende soldatische Leistungen. Dem spartanisch lebenden Günzel wurde nachgesagt, daß er seinen Männern auch mit neunundfünfzig Jahren ein sportliches Vorbild sein könne.

Ob Ausbildungsmängel die Ursache für Günzels Brief an Hohmann waren, mag man bezweifeln. Allerdings wird darauf hingewiesen, daß wohl nirgends in der Welt sich Generalstabsoffiziere in ihren Lehrgängen gleichermaßen tiefschürfend mit politisch-historischen Fragen beschäftigen müssen wie in Deutschland. Man lerne dort, so ein ehemaliger Oberst und Absolvent, "politisch sensibler und behutsamer zu denken". Was man daraus mache, sei am Ende aber auch Charaktersache.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.2003, Nr. 260 / Seite 4

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