Johannesburg-Gipfel

Alternativer Nobelpreisträger: „Zeit der Mammutkonferenzen vorbei“

04. September 2002 Hermann Scheer, Träger des Alternativen Nobelpreises von 1999 und SPD-Vorstandsmitglied, ist von den Ergebnissen des Weltnachhaltigkeitsgipfels von Johannesburg nicht sonderlich enttäuscht: Der einzige konkrete Beschluss einer solchen UN-Konferenz sei in der Regel der einer Folgekonferenz, sagte Scheer zu FAZ.NET. Mehr verspricht sich Scheer von einer internationalen Energie-Konferenz. Die USA und die Opec-Staaten wären zum Mitmachen gezwungen, meint der Vorsitzende des Weltrats für Erneuerbare Energie.

Umweltverbände bezeichnen den Energiebeschluss von Johannesburg als einen Skandal. Gibt es überhaupt kein positives Signal vom Weltnachhaltigkeitsgipfel?

Es ist sehr wichtig, dass die Energiefrage im Mittelpunkt der Konferenz stand. Beim Gipfel vor zehn Jahren in Rio de Janeiro wurde sie auf Druck der Opec-Staaten praktisch ausgeklammert. Das war ein schwer wiegendes Versäumnis, zumal die meisten Umwelt- und Entwicklungsprobleme mit der Energiefrage ganz eng zusammenhängen. Wenn es nach dem Willen der Opec-Staaten gegangen wäre, wäre dieses Thema in Johannesburg wieder keines gewesen - und das sogar vor dem Hintergrund der eklatanten ökonomischen Engpässe der Entwicklungsländer, die es sich eigentlich nicht leisten können, auf den Weltmärkten dieselben Energiepreise bezahlen zu müssen wie wir. Da hat der UN-Generalsektretär - zusammen mit ein paar Regierungen und der EU-Kommission - im April noch rechtzeitig Alarm geschlagen.

Aber die Chance, mit erneuerbaren Energien Armutsbekämpfung und Klimaschutz zu betreiben, ist verpasst worden. Die Europäer konnten sich in der Energiefrage mit ihrer Forderung nach konkreten Zielen und Zeitpunkten nicht durchsetzen. Johannesburg - letztlich doch ein Gipfel der nachhaltigen Enttäuschungen?

Der entscheidende Punkt ist doch, was man von diesen Konferenzen überhaupt erwarten kann. Hier gilt der schöne Aphorismus von Stanislaw Lec: Wer das Niveau heben will, muss die Ansprüche senken. Denn diese UN-Konferenzen, von denen große Beschlüsse erwartet werden, arbeiten nach dem klassischen UN-Prinzip der Konsensbildung und sind keine wirklichen Beschlusskonferenzen. Das Motto lautet: Global reden, national aufschieben. Die größten Bremser bestimmen das Tempo. Der einzige konkrete Beschluss ist in der Regel der einer Folgekonferenz.

Was ist mit den Partnerschaften zwischen Regierungen, Privatunternehmen und
Nichtregierungsorganisationen? Sind das keine konkreten Projekte?

Das kann man nicht besonders ernst nehmen. Diese Typ-B-Maßnahmen sind nichts weiter als ein Ausfüllen des Vakuums, das nicht auf andere Weise gefüllt worden ist. Man hatte, zehn Jahre nach Rio, einfach Angst, in Johannesburg mit leeren Händen dazustehen. Deshalb hat man die Typ-B-Maßnahmen identifiziert. Dabei handelt es sich eigentlich nur um eine Dokumentation vorhandener Initiativen. Das Mindeste wäre eine Evaluierung der einzelnen Projekte gewesen - was aber nicht geschieht. Deshalb finden sich jetzt auf der Liste hervorragende Projekte neben äußerst fragwürdigen.

Halten Sie solche Konferenzen trotz der mageren Ergebnisse für sinnvoll?

Die Zeit dieser Mammutkonferenzen ist vorbei. Sie haben ihre Chance nicht nutzen können. Wir befinden uns gerade in der Energiefrage in einem Wettlauf mit der Zeit. Wenn man eine wirkliche globale Energiereform anstrebt, sind konkrete Schritte notwendig, wie wir sie im Juni bei der Konferenz des Weltrats für Erneuerbare Energien aufgeführt haben. Zu unserem Aktionsplan gehört ein Subventionsabbau für fossile Energien, eine klare Schwerpunktverlagerung der internationalen Entwicklungshilfe, die Einrichtung einer internationalen Agentur für erneuerbare Energien - um den Technologietransfer voranzutreiben - sowie eine Zollfreiheit für Umwelttechniken. Dass der Handel mit Erdöl, Kohle und Gas immer noch weniger zollbelastet ist als der Handel mit Techniken zur Nutzung erneuerbarer Energien, ist absurd. Statt über Formalitäten sollte man über konkrete Schritte sprechen.

Bringt denn eine internationale Energie-Konferenz mehr?

Absolut. Sie ist auf ein Thema konzentriert. Da gibt es kein Ausweichen. Die USA und die Opec-Staaten wären zum Mitmachen gezwungen. Da geht es nicht um die Frage des Ob, sondern ausschließlich um die Frage des Wie. Auch Initiativen, die erkennen, dass man nicht auf internationale Konventionen warten muss, wenn man den Strukturwandel einleiten will, sind meist viel wirkungsvoller als Mammutkonferenzen. Denn sie wirken ansteckend. Ein Beispiel ist unser Erneuerbare-Energie-Gesetz. Immerhin stehen im relativ kleinen Deutschland mittlerweile ein Drittel aller weltweit installierten Windkraftanlagen.

Sie haben mehrfach gesagt, Windenergie, Solarenergie und andere erneuerbare Energieformen könnten bis 2050 konventionelle Energieformen ablösen. Sind Sie auch nach Johannesburg so optimistisch?

Theoretisch wären sogar kürzere Zeiträume möglich. Schließlich handelt es sich hier nicht um ein Potenzial, das mit komplizierten Technologien aus der Erde geholt werden muss, sondern um ein Energiepotenzial, das in Hülle und Fülle vorhanden und frei verfügbar ist. Weil der Bereich der Energieförderung, wie er heute bei Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran stattfindet, bei erneuerbaren Energien nicht notwendig ist, kann diese Entwicklung ganz schnell gehen. Voraussetzung ist die richtige gesetzliche Rahmenbedingung und natürlich der politische Wille.

Wie wollen Sie die Amerikaner davon überzeugen, auf erneuerbare Energie zu setzen?

Was in Amerika passiert, kann man nicht allein an den Entwicklungen in Washington ablesen. In mindestens zehn Bundesstaaten gibt es gegenläufige Entwicklungen - auch als Antwort auf die Bush-Strategie, mit der sie nicht einverstanden sind.

Das Gespräch führte Thea Bracht



Text: @tab
Bildmaterial: dpa, dpa/lnw

 
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