07. Juni 2003 Nach dem tödlichen Fallschirm-Absturz des früheren FDP-Spitzenpolitikers Jürgen Möllemann ist eine Debatte über eine mögliche Mitverantwortung der Parteispitze entbrannt. Mehrere FDP-Politiker kritisierten am Samstag, in der Affäre Möllemann seien Parteifreunde zu hart mit dem früheren NRW-Landesvorsitzenden und Bundes-Vize umgegangen. Die FDP-Führung will indes ungeachtet aller Differenzen der vergangenen Monate für ihren ehemaligen Minister und Vize-Kanzler einen Staatsakt im Bundestag herbeiführen.
Generalsekretärin Cornelia Pieper wies Vorwürfe zurück, die Parteispitze habe eine Hetzjagd auf Möllemann betrieben. Die FDP müsse sich im Zusammenhang mit seinem Tod nichts vorwerfen, sagte sie der Märkischen Oderzeitung. Der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionschef und langjährige Möllemann-Freund Wolfgang Kubicki gab zwar keinem FDP-Politiker Schuld an Möllemanns Tod. Aber sicherlich werden einige Herren aus der Führungsspitze meiner Partei es heute bereuen, daß sie nicht nur den Politiker, sondern auch die Persönlichkeit Jürgen Möllemann so massiv in Frage gestellt haben, sagte Kubicki der Bild am Sonntag. Gleichzeitig äußerte Kubicki Zweifel an der Freitod-Theorie: Für einen Selbstmord gibt es keinen nachvollziehbaren Grund, sagte Kubicki der Zeitung. Er glaube eher an einen Unfall - auch Fremdverschulden schloß er nicht aus.
Das richtige Maß in der Auseinandersetzung
Auch der frühere NRW-Landesschatzmeister der FDP, Andreas Reichel, warf der Parteiführung vor, mit unangemessener Härte gegen Möllemann vorgegangen zu sein. In der Berliner Führungsspitze der Partei gibt es Leute, die sich heute fragen lassen müssen, ob sie eigentlich in der Auseinandersetzung mit ihm das richtige Maß behalten haben, sagte er der Zeitung Die Welt. Ähnlich hatte sich am Freitag nach Angaben des stellvertretenden Münsteraner FDP-Kreisvorsitzenden Hans Varnhagen auch Möllemanns Witwe, Carola Möllemann-Appelhoff, geäußert. Er wisse von mindestens drei Beileidsbriefen von FDP- Mitgliedern, deren Annahme die Familie Möllemann verweigert habe.
Möllemann war kurz vor der Bundestagswahl 2002 in die Kritik geraten, weil er ein FDP-Flugblatt mit Attacken gegen Israels Regierungspolitik und den Vizepräsidenten des Zentralrates der Juden, Michel Friedman, herausgegeben hatte - ohne Absprache mit der Partei bei bislang ungeklärter Finanzierung. In der Folge startete die FDP interne Ermittlungen sowie zwei Auskunftsklagen gegen Möllemann und drängte ihn im März schließlich zum Parteiaustritt.
Nach Angaben Möllemanns hat ihn dieses Vorgehen tief getroffen. Dennoch äußerte Kubicki Zweifel an der Freitod-Theorie: Für einen Selbstmord gibt es keinen nachvollziehbaren Grund. Er glaube eher an einen Unfall - auch Fremdverschulden schloß er nicht aus. Wenige Tage vor seinem Tod hatte Möllemann in einem Zeitungsinterview noch optimistisch in die Zukunft geblickt. Gesundheitlich sei er okay, sagte er der Welt am Sonntag. Zu seiner politischen Zukunft meinte Möllemann, eine Entscheidung falle erst nach dem Sommerurlaub mit der Familie. Die staatsanwaltliche Durchsuchung in Büro- und Wohnräumen zeitgleich in vier Ländern am Donnerstag - kurz vor seinem Tod - sei keine Überraschung für Möllemann gewesen, meinte Kubicki.
Durchsuchungen beendet
Außer im Münsteraner Wohnhaus Möllemanns sind alle Durchsuchungen beendet. Johannes Mocken, Sprecher der Staatsanwaltschaft Düsseldorf, sagte am Samstag, insgesamt seien kistenweise Akten sowie Hard- und Software von Computern beschlagnahmt worden. Die Sichtung laufe derzeit an. Wir müssen vor allem aber neu nachdenken, welche Komplexe wegen des Todes Möllemanns wegfallen können und welche wir wegen der anderen fünf Verdächtigen weiterverfolgen müssen. Die Parteispitze in Berlin will einen Staatsakt für Möllemann. FDP-Chef Guido Westerwelle habe ein solches Gedenken im Parlament bei der Bundesregierung angeregt, sagte ein FDP-Sprecher am Samstag der dpa. Bei allen Differenzen stünden nun Möllemanns Verdienste im Vordergrund. Den Antrag werde die Fraktion Anfang der Woche stellen.
FDP-Spitze will Staatsakt für Möllemann
Die Parteispitze in Berlin will einen Staatsakt für Möllemann. FDP-Chef Guido Westerwelle habe ein solches Gedenken im Parlament bei der Bundesregierung angeregt, sagte ein FDP-Sprecher am Samstag der dpa. Bei allen Differenzen stünden nun Möllemanns Verdienste im Vordergrund. Den Antrag werde die Fraktion Anfang der Woche stellen. Es habe aber bereits Gespräche gegeben, hieß es. Die Regierung werde gegebenenfalls Möllemanns Familie befragen, ob sie ein solches Begräbnis wünscht, sagte die Sprecherin von FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt. Erst danach werde das Anliegen an Bundespräsident Johannes Rau herangetragen.
Möllemann war am Donnerstag bei einem Fallschirmsprung am westfälischen Flughafen Marl-Loemühle in den Tod gestürzt. Inzwischen verdichten sich die Anzeichen für einen Freitod des 57-Jährigen. Die technische Untersuchung an den Fallschirmen ergab nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft weder einen Fehler noch eine Manipulation. Der Hauptschirm habe sich aus noch nicht geklärter Ursache in einer Höhe von tausend Metern gelöst, anschließend habe Möllemann den Reserveschirm nicht betätigt. Am Samstag gab die Polizei die Suche nach einem noch fehlenden Metallteil des Fallschirms am Flughafen Marl auf.
Text: dpa
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