Von Christian von Hiller
12. Juli 2005 Manchmal gewinnt man schon, indem man eine Niederlage abwendet. Dies gilt in diesen Wochen auch für Christine Licci, Privatkundenvorstand der Hypo-Vereinsbank. Dabei sah ihr beruflicher Werdegang lange danach aus, als sei ihre Karriere ein einziger Aufstieg. Und auch als die italienische Großbank Unicredit nach der Hypo-Vereinsbank griff, schien es zunächst, als sei sie die natürliche Gewinnerin der neuen Situation. Schließlich stammt ja die Sympathieträgerin im deutschen Bankwesen aus Italien, genauer aus Südtirol. Während man sich in der Hypo-Vereinsbank noch im Scherz fragt, ob man nicht besser einen Italienisch-Kurs besuchen sollte, beherrscht Licci die Sprache der künftigen Herren im Konzern perfekt.
Aber Sprachkenntnisse reichen nicht, um sich oben zu halten. Und so zogen plötzlich Wolken über der Star-Bankerin auf. Sie habe Ambitionen auf den Vorstandsvorsitz der Hypo-Vereinsbank, wenn diese der deutsche Arm der Unicredit geworden sei, hieß es. Dann kursierte, sie werde sich wohl überhaupt nicht behaupten können. Oder auch, daß sie das Privatkundengeschäft des gesamten Konzerns leiten wolle. Nun hat der Noch-Vorstandschef der Hypo-Vereinsbank, Dieter Rampl, etwas Klarheit in die Personalie gebracht: Auch nach der Übernahme durch die Italiener solle Licci das deutsche Privatkundengeschäft führen. Das war am Montag. Tags darauf relativierte die Bank die Meldung: Dies sei noch keine formale Entscheidung. Wer welchen Posten bekomme, werde erst in den nächsten Wochen zwischen Rampl und Unicredit-Chef Alessandro Profumo entschieden. Ohnehin kann Rampl solche Entscheidungen nicht mehr allein fällen.
Rampls Aussage stärkt Licci aber den Rücken. Denn um ihren Posten hat sie genauso gekämpft, wie sie sich auch in dem von Männern dominierten Bankgeschäft mit zielstrebiger Hartnäckigkeit, Machtbewußtsein und Charme durchgebissen hat. Mehr als es bei einem Mann der Fall gewesen wäre, mußte sie sich gegen Anfeindungen zur Wehr setzen. Was aber bei Männern als Durchsetzungsstärke positiv gewertet wird, gilt bei Frauen rasch als Kälte. Manche wiederum hatten sie für zu leicht empfunden und, in Anspielung auf ihren Geburtsort, als "Kastelruther Spatz" bezeichnet.
Sicher ist jedenfalls, daß Licci eine Karriere gelungen ist, um die sie viele beneiden. 1964 wurde sie in eine Hoteliersfamilie geboren und träumte von einem Leben als Konzertpianistin. Doch sie studierte Betriebswirtschaft an der Universität Luigi Bocconi in Mailand. 1990 hatte sie ihr Diplom und wurde bei der Dresdner Bank in Mailand als Trainee eingestellt. Dann ging sie nach Frankfurt, erst zur UBS, dann 1996 zur Citibank, wo ihr ein Jahr später der Bereich Optionsscheine anvertraut wurde. 2001 wurde sie zur Vorstandsvorsitzenden der Citibank Privatkunden in Düsseldorf befördert. Dort mußte sie die Wogen glätten, nachdem ihr ruppiger Vorgänger Willy Soquet die Bank stimmungsmäßig in desolatem Zustand hinterließ. Den kommunikativen Part der Aufgabe meisterte sie mit Bravour. Weniger Glück hatte sie im Geschäft. Anfangs forcierte sie Konsumentenkredite.
Doch dann mußte die Bank hier ungewöhnlich hohe Wertberichtigungen ausweisen. Im Mai 2004 ging sie und bekam Mitte Januar von Rampl eine neue Chance an der Spitze des Privatkundengeschäfts der Bank. Dort hat sie schnell eigene Akzente gesetzt und sich viele Gegner in der Bank geschaffen. Zu viele liebgewordene Gewohnheiten warf sie über den Haufen. Sie hat gleich begonnen, Schlüsselfunktionen mit Vertrauten zu besetzen.
Text: F.A.Z., 13.07.2005, Nr. 160 / Seite 17
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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