Interview

Vahrenholt: Nationalstaaten treten auf der Stelle

Früher im Shell-Vorstand, jetzt Berater des Kanzlers: Fritz Vahrenholt.

Früher im Shell-Vorstand, jetzt Berater des Kanzlers: Fritz Vahrenholt.

19. Juli 2001 Fritz Vahrenholt ist umweltpolitischer Berater von Bundeskanzler Schröder. Man dürfe die Privatwirtschaft nicht aus ihrer gesellschaftlichen Veranwortung entlassen. Dazu trage auch die öffentliche Kritik und das Kundenverhalten bei, sagt Vahrenholt im FAZ.NET-Interview.

Herr Vahrenholt, die Global Players, also weltweit arbeitende Unternehmen, geraten immer wieder in die Kritik der so genannten Globalisierungsggegner, sei es beim Thema Mennschenrechte oder Umweltschutz. Für die Unternehmen lästige Störfeuer oder ernstzunehmende Einwände?

Das wird schon sehr ernst genommen und zwar nicht erst seit den Schüssen von Göteborg. Seit der Diskussion um die britische Bohrinsel Brent Spar wissen die Unternehmen, dass es sträflich ist, die Emotionen der Bevölkerung nicht ernst zu nehmen. Das heißt nicht, dass man jede radikale Position aufgreift, aber sehr wohl den Kern des Ganzen: Nämlich, dass es eine große Beunruhigung vieler Menschen gibt, die das Tempo der Veränderungsprozesse nicht mit vollziehen können.

Findet denn zwischen den Unternehmen und den Stimmführern der Globalisierungsgegner ein Dialog statt?

Das ist schwer, weil es eigentlich keine Stimmführer gibt. Mit radikalen Gruppen zu sprechen, das habe ich als Politiker abgelehnt, das würde ich auch als Unternehmer ablehnen. Wer sein Gesicht nicht zeigt, mit dem spreche ich auch nicht.

Allerdings gibt es seriöse Gruppen, die zurecht auch ihre Anliegen vorbringen. Es ist ja nicht so, dass in der Unternehmenswelt alles in Ordnung ist. Beispiel Kyoto-Abkommen. Da gibt es Gesprächsrunden zwischen Umweltgruppen und Unternehmen, es gibt sie zwischen Menschenrechtsgruppen, Dritte Welt-Gruppen und Unternehmen. Wenn dann etwas Fruchtbares aus die Kritik entsteht, ist das sehr viel weitreichender als das, was Nationalstaaten untereinander vereinbaren.

In welchen Bereichen sind die Konzerne denn weiter als die Regierungen untereinander?

Schauen Sie sich das Gehampel um den Klimaschutz doch an: Die Nationalstaaten treten auf der Stelle. Da ist es schon bemerkenswert, wenn Unternehmen wie Shell, BP oder Siemens sich mit Emissisonshandel beschäftigen und so Kohlendioxid vermeiden wollen, dass sich Bayer und Dow Chemical zum Ziel gesetzt haben, keine Pflanzenschutzmittel mehr zu verkaufen, die zu Umweltproblemen führen können.

Inwiefern haben denn die Unternehmen ihre Strategie umgestellt?

Die großen Gesellschaften haben in ihre Leitgedanken das aufgenommen, was die Bevölkerung und die Menschen sich von nachhaltig wirtschaftenden Unternehmen wünschen. Man muss nicht alles machen, was die Öffentlichkeit fordert, aber man muss schon hinhören.

Bitte etwas konkreter!

Die Menschen wünschen sich beispielsweise von einem Energieunternehmen, dass es Zukunftsenergien entwickelt, die nicht die Umwelt belasten. Sie erwarten, dass große Unternehmen die Grundrechte achten. Sie erwarten, dass die Gleichstellung von Mann und Frau beachtet wird. Sie erwarten, dass sie einen Beitrag zur gesunden Nahrungsmittelproduktion leisten.

Unternehmen können es sich nicht leisten, in welchem Teil der Erde auch immer, gegen diese fundamentalen Prinzipien zu verstoßen. In einer immer deutlicher vernetzten Welt sind Informationen über Fehlverhalten von Unternehmen sehr schnell auf den Märkten Amerikas und Europas. Das führt dann zu Belastungen der Marke, zur Zerstörung der Kundenbeziehung.

Und das war früher anders?

Früher hatte man den kurzfristigen Profit im Auge. Da wurde unterhalb bestimmter Arbeitsschutzstandards gearbeitet oder mit diktatorischen Regimes kollaboriert. Wer heute auf solche Erträge schaut, wird mittelfristig scheitern, weil er abgestraft wird vom Kunden. Das ist die Ratio.

Profitdenken bleibt dennoch die Wurzel dieser neuen „Ethik“?

Die Unternehmen reagieren streng nach den Markterfolgen: Solange Umweltschutz kein Thema war, haben sie es auch nicht besetzt. Solange Menschenrechte kein Thema waren, waren sie auch nicht im Fokus der Unternehmen.

Was heißt das für die Zukunft?

Wenn es den Menschen egal ist, wie Unternehmen sich weltweit aufstellen, dann werden Themen wie Umweltschutz und Menschenrechte wieder vernachlässigen. Großunternehmen brauchen den Druck der Gesellschaft.

Fritz Vahrenholt (52) ist promovierter Chemiker. 1981 wurde er Leiter der Gruppe „Umweltverträglichkeit, Abfallwirtschaft, Immissionen“ beim Hessischen Umweltministerium. Von 1991 bis 1997 war er unter SPD-Bürgermeister Voscherau Umweltsenator in Hamburg. Gemeinsam mit dem nordrhein-westfälischen Wirtschaftsminister Clement (SPD) erarbeitete Vahrenholt 1997 das Papier „Umwelt und Innovation“, in dem unter anderem gefordert wird, die Gentechnologie auszubauen. Gut zwei Jahre lang saß der SPD-Mann im Vorstand der Deutschen Shell AG, die durch die Brent-Spar-Affäre schwer gebeutelt war. Im vergangenen Jahr berief Gerhard Schröder Vahrenholt zu seinem umweltpolitischen Berater. Vahrenholt ist bekannt dafür, Umweltpolitik nie gegen die Industrie, sondern immer in Übereinstimmung mit ihr zu machen.

Das Gespräch führte Stephan Hütig



Text: @hüti
Bildmaterial: dpa, FAZ.NET

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben

Ist die Pkw-Maut gerecht?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche