Hauptrolle für Schröder

Die „Gerd-Show“ ist wieder da

Von Thomas Reinhold, Berlin

Schröder startet gut gelaunt in die zweite Runde

Schröder startet gut gelaunt in die zweite Runde

23. September 2002 Mit diesem Vormittag war er zufrieden, sagt der Bundeskanzler entspannt - Kunststück als Wahlsieger. Was Gerhard Schröder nach der SPD-Präsidiumssitzung zu präsentieren hatte, war vor allem seine gute Laune. Die Nachrichten zwischen den Nettigkeiten gab´s fast nebenbei.

Einer vermeintlichen Legende wollte Schröder widersprechen, und wiederholte das Wort genüsslich: Der Legende also, "die anderen" hätten gewonnen. Am Morgen nach der Wahl hatte sich tatsächlich gezeigt, dass sich die Situation der SPD in den schillerndsten Farben zeichnen lässt, obwohl sie Stimmen eingebüßt hat. Sie stellt die stärkste Fraktion im nächsten Bundestag, dessen Präsident weiter Wolfgang Thierse heißen wird. Die PDS wird vorerst zur bundespolitischen Bedeutungslosigkeit verdammt, Rot-Grün kann weiter regieren, Schröder weiter Bundeskanzler bleiben: „Ein Ergebnis, das man kommunikativ zur Kenntnis nehmen muss", wie Schröder nicht ohne Stolz - und Erleichterung - sagte.

Verhandlungen mit den Grünen schon begonnen

Auch wenn in Berlin vieles beim Alten bleiben wird, demonstriert Schröder schon wieder Dynamik und Tatkraft. „Ganz schnell“ sollten nun die Koalitionsverhandlungen mit den Grünen aufgenommen werden, „das Telefon ist ja erfunden, man sieht sich, Sie wissen schon“, wie Schröder ganz ohne Lust auf zu viel politischen Ernst andeutete. Allenfalls der Stil der Verhandlungen wurde erkennbar. „Im Grunde haben sie gestern schon begonnen“, sagte Schröder gut gelaunt - wohl in Anspielung an die nächtliche Party im Willy-Brandt-Haus, bei der sich am Ende einer emotionalen Achterbahnfahrt doch noch die Anspannung entladen hatte.

Kurz nach Mitternacht war Joschka Fischer von der ausgelassenen Grünen-Feier im benachbarten Tempodrom zu den Sozialdemokraten gekommen. Dort gab es ein kurzes Gespräch mit Schröder unter vier Augen, und dann sei bei kubanischer Musik noch „richtig die Luzi abgegangen“, wie ein Beobachter erzählt. Das passt: Schröder betrunken vom Erfolg.

Hartz soll in den Koalitionsvertrag

Wenn bald die Arbeitsatmosphäre wieder einzieht, sollen neben Schröder und Thierse, Generalsekretär Franz Müntefering, Finanzminister Hans Eichel und Heidemarie Wiezcorek-Zeul an den Gesprächen teilnehmen. Fachpolitiker könnten hinzugezogen werden, „eine Plenumsveranstaltung wie in der ersten Legislaturperiode werden wir nicht mehr brauchen". Schröders einzige Vorgabe: Das Konzept von Peter Hartz solle Teil des Koalitionsvertrages werden.

Inhaltlich sind damit keine Überraschungen zu erwarten, personell sind noch Fragen offen. Müntefering wird nach Schröders Wunsch statt Ludwig Stiegler „der neue Partei... äh, Fraktionsvorsitzende". Ein launiger Versprecher, wie eingeübt, denn Müntefering muss für Stabilität sorgen. „Die Abstimmung zwischen Koalition und Regierung wird damit noch enger als bisher", sagte der Kanzler, der sich voll auf Müntefering verlassen kann. Der hatte schon am Wahlabend gesagt, ein knappes Ergebnis wirke disziplinierend. Nun wird er selbst disziplinierend wirken.

Im vergangenen Jahr erst bekamen die Parlamentarier eine Vorstellung von Münteferings Führungsanspruch. Ganz „General“ hatte er SPD-Abgeordnete gegen sich aufgebracht, als er ihnen drohte, niemand werde als Bundestagskandidat aufgestellt, der dem Kanzler die Gefolgschaft in der Abstimmung über den Mazedonien-Einsatz der Bundeswehr verweigere. Nicht nur bei der Linken war die Rede von Erpressung.

„Ich mache mir ständig Gedanken“

Nach dem Rückzug Herta Däubler-Gmelins aus dem Justizministerium ist auch hier noch eine Stelle frei. Ob Schröder sich schon Gedanken über die Nachfolge gemacht habe. „Was, meine?“, kokettiert der heiter. Nein, dem Fragesteller ging es um die künftige Rolle Stieglers. „Eine wunderbare Frage, wie war noch mal Ihr Name?“ Namen nennen, das kam aber nicht in Frage. „Ich mache mir ständig Gedanken, nur teile ich sie nicht immer mit.“ Und dann noch ein gespielter Lapsus: „Rolf Schwanitz soll bleiben, und zwar im Kanzleramt (als Beauftragter für den Aufbau Ost)...ach, tschuldigung, ich wollte ja nicht über Personal reden.“

Auch Englisch reden wollte er eigentlich nicht, obwohl sich gerade so viele Amerikaner für den Kanzler interessieren wie selten zuvor. „Unfortunately, I cannot understand English“, wiegelte er ironisch eine Frage ab. „Let me try it simple...“, beharrte der Fragesteller höflich. „No, this is a press conference in German. An unserer Irak-Politik haben wir nichts zu verändern.“

„Verlieren ist immer schmerzlich“

Offen ließ der Bundeskanzler, ob er bereit sein würde, an seiner Haltung zur Ökosteuer etwas zu ändern, falls die selbstbewussten Grünen das fordern würden. Schröder hat sich bisher gegen weitere Erhöhungen ausgesprochen. „Sie kennen doch meine Position, wenn nicht, rufen Sie mich an. Aber nicht die anderen, das schafft doch nur Verwirrung.“ Und so ging es weiter. Scherze ja, Festlegungen lieber nicht. Das neue Kabinett mit vier grünen Ministern, wie es auch Müntefering für möglich hält? „Bei mir war niemand, der was gefordert hat, also musste ich auch nichts ablehnen.“

Das neue Kräfteverhältnis in der Koalition leugnet Schröder nicht: „Zwei Prozent zu verlieren ist immer schmerzlich. Und ich bin persönlich verantwortlich dafür.“ Die Grünen hätten eine ungeheuer clevere Kampagne gemacht. Deshalb schnell noch ein Schwank. „Darf ich Ihnen eine Geschichte erzählen?“ Am Samstag traf er auf ein paar Fans von Hannover 96, die ihm hinterhergerufen hätten: „Zweitstimme ist Joschka-Stimme". Schröder habe entgegnet, wenn sie ihm helfen wollten, müssten sie schon die Zweitstimme der SPD geben. Darauf die prompte Antwort: „Sie kriegen doch schon die Erststimme, seien Sie doch zufrieden.“ Mit gespielter Entrüstung schließt er: „Das darf sich nicht wiederholen."

Aber wer blickt schon bis zur nächsten Bundestagswahl? Gefragt wird er dennoch. Wird er´s 2006 noch einmal wagen? „Nach dieser Wahlnacht habe ich richtig Lust."

Text: @tor
Bildmaterial: dpa

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