
Sie machen schnelles Geld, und sie lieben schnelle Autos - die jungen Kapitalisten in der chinesischen Volksrepublik. Wie überall, wo Börsenkurse und Absatzkurven in die Höhe schnellen, wächst deshalb auch in Peking die Gruppe jener Kunden, deren Auto genauso schnell sein muss wie ihr sonstiger Lebensstil.
Das hat mittlerweile auch Mercedes-Benz erkannt und im vergangenen Jahr mit dem Vertrieb der potenten AMG-Modelle begonnen. „Wir wollten abwarten, bis sich der Markt richtig entwickelt und gefestigt hat”, sagt Mercedes-Manager Thomas Buehler, der in China den Werkstuner populär machen soll. „Nachdem die Mercedes-Organisation etabliert war, schien uns die Zeit reif.” Seit dem Frühjahr 2007 gibt AMG im Reich der Mitte buchstäblich Vollgas: In nur 13 sogenannten Performance-Centern haben die Schwaben im vergangenen Jahr mehr als 300 Sportmodelle verkauft.
Luxus für den Wochenendausflug
Das Interesse an der Marke sei gewaltig, berichtet er. Als AMG im Frühjahr zusammen mit einem Medienunternehmen eine Art chinesischer Oscar-Verleihung präsentiert hat, seien allein an diesem Abend 20 Autos verkauft worden. Schon ein Jahr nach dem Start der Marke sei China nach Amerika der zweitgrößte Markt für den Mercedes-Benz S65 AMG. Das Flaggschiff der Schwaben kostet im Reich der Mitte 2,98 Millionen Yuan oder umgerechnet fast 300.000 Euro - und trotzdem beträgt die Lieferzeit mittlerweile fast ein halbes Jahr.
Dass die Kunden, deren Alter zwischen 30 und 40 Jahren liegt, auf ihr Auto ein bisschen länger warten müssen, wird sie kaum stören. „Denn wer einen AMG kauft, hat immer auch noch eine normale S-Klasse in der Garage”, weiß Verkäufer Sunny Tan, der auf einen entscheidenden Unterschied zwischen China und dem Rest der Welt aufmerksam macht: „Überall sonst sind AMG-Modelle Alltagsautos, mit denen die Kunden jeden Tag unterwegs sind. Hier in China lässt man sich lieber chauffieren und nimmt den AMG nur am Wochenende.”
Nur mit allen Extras
Dass AMG in China so einen Blitzstart hingelegt hat, geht zu einem Gutteil auch auf das Konto des freundlichen Mittfünfzigers mit dem kurzen Haar und dem festen Blick. Denn er ist Chefverkäufer in der größten und ältesten der sechs Mercedes-Filialen der Hauptstadt. Sein Showroom, nur einen Steinwurf entfernt vom Platz des Himmlischen Friedens und der Verbotenen Stadt, ist der einzige, in dem die Besserverdiener von Peking ein AMG-Modell kaufen können. Und das tun sie ziemlich oft: Allein 2007 hat er deshalb 55 Kraftmeier aus Affalterbach verkauft. Dabei gibt es in China derzeit nicht einmal die gesamte AMG-Palette: Die richtig sportlichen Modelle wie der SLK, der SL oder der CLS würden erst im Laufe dieses oder nächsten Jahres eingeführt, sagt Buehler. „Bislang verkaufen wir nur E 63, S 63, ML 63, S65 und G55”, erzählt Tan weiter und macht auf ein weiteres Kuriosum des chinesischen Marktes aufmerksam.
Anders als die AMG-Kunden in Deutschland oder den Vereinigten Staaten müssen die Chinesen allerdings nehmen, was sie angeboten bekommen. „Bis auf die Farbe gibt es hier keine Ausstattungsoptionen”, erläutert Sunny Tan. Und auch da sei die Auswahl stark eingeschränkt. Denn viel mehr als Schwarz und Silber werde in China nicht verlangt. Verzicht muss deshalb aber keiner üben: Sowohl die normalen Mercedes-Benz-Modelle als auch die AMG-Fahrzeuge werden grundsätzlich voll ausgestattet. „Wer sich diese Autos leisten kann, der muss auch bei den Extras nicht sparen”, erläutert Tan das einfache Maximum-Prinzip.
Die Geschichte vom schnellen Geld
Was die Chinesen mit den Boliden aus Affalterbach wollen, wenn man in der Stadt selbst am Sonntagmorgen oder Freitagnacht mehr steht als fährt und draußen auf der Autobahn ein Tempolimit von 120 km/h gilt? „Ihren Spaß haben und die Leistung genießen”, sagt Tan und lächelt über die Polizeikontrollen. Die seien zwar häufig, aber die Strafen werden die meisten Besserverdiener allenfalls als Trinkgeld empfinden: „Umgerechnet 20 Euro für Tempo 200.” Viel mehr muss man dazu gar nicht mehr sagen.
Die Geschichten vom buchstäblich schnellen Geld hört man aber nicht nur bei Sunny Tan und AMG, sondern auch die anderen Kollegen der Vollgasfraktion freuen sich in China über einen rasanten Anstieg des Umsatzes. Allerdings bestellt das Feld bislang noch keiner so konsequent wie die Mercedes-Benz-Tochter AMG. Zwar ist die M GmbH von BMW schon seit 2006 in China präsent. Doch bieten die Bayern dort nur M5 und M6, von denen immerhin schon eine Flotte „im dreistelligen Bereich” verkauft wurde, sagt Produktmanager Carsten Pries. Und die Einführung des M3 ist erst noch geplant.
Auch die S-Modelle von Audi finden nur langsam ins Reich der Mitte. Lediglich ihr Flaggschiff A8 bieten die Bayern dort bislang als Sportler an und haben davon nach Angaben von Pressesprecher Udo Rügheimer etwa 130 Exemplare verkauft. Als Platzhalter für den neuen A5 und zugleich als Appetitanreger für eine weitere Modellausweitung hat Audi auf der Automesse in Peking schon mal den S5 ins Rampenlicht gerollt, und auch den neuen TTS könnten sich die Bayern gut in China vorstellen, „allerdings sicher nicht mehr in diesem Jahr”.
Hauptsache teuer
Ebenfalls vom schweren Gasfuß der chinesischen Oberschicht profitiert Porsche: Zwar macht man 80 Prozent des Geschäfts mit dem Geländewagen Cayenne, doch immerhin jeder fünfte Porsche in China ist ein echter Sportwagen, sagt Marketing-Vorstand Klaus Berning.
Aber am zufriedensten ist das Lachen auf dem Gesicht von Lamborghini-Chef Stefan Winkelmann, der den ersten Showroom in Peking 2004 eröffnet hat. Schon im vergangenen Jahr haben seine mittlerweile drei chinesischen Händler 30 Gallardo und MurciĆ©lago verkauft. „China besitzt ein außergewöhnlich hohes Wachstumspotential. Hier haben wir in diesem Jahr die Chance, unsere Verkaufszahlen im Vergleich zum Vorjahr zu verdreifachen.” Anders als in Europa oder Amerika sind diese Kunden allerdings keine Sammler mit Benzin im Blut und einer Garage voller PS-Pretiosen, sagt Winkelmann. Sondern es seien vor allem Menschen, die von der Uhr bis zum Auto einfach alles haben müssten: „Hauptsache, es ist schön teuer.”
F.A.Z.
Tom Debus