10. Juli 2008 China bleibt nur stabil, wenn es auch wirtschaftlich stark ist. Nur so gelingt es ihm, weitere 400 Millionen Menschen aus bitterster Armut zu befreien. Nur so kann China zu einem Faktor werden, der das restliche Asien durch Nachfrage und Investitionen fördert. Und nur so öffnet es sich auch anderen Denkansätzen.
Allerdings werden wir uns dieses starke China nicht backen können. Es wird im eigenen Tempo, nach eigenem Gusto wachsen. Denn längst haben die Chinesen das Selbstbewusstsein, einen selbst bestimmten Weg zu gehen.
Bonzen beuten Bürger aus
Bislang glänzt dieser Weg dank hoher Wachstumsraten und einer Verbesserung der Lebensverhältnisse für Millionen von Menschen. Doch ist der Preis dafür hoch: Die Umwelt wird zerstört. Unfreiheit wird von der Kommunistischen Partei als zwingende Grundlage von Stabilität betrachtet. Bonzen beuten die Menschen aus. Ein Rechtssystem gibt es, angewandt wird es aber viel zu selten.
Auch wenn uns das nicht gefällt, so stimmt die Mehrheit der Chinesen diesem Weg wohl zu, denn er hat ihnen Fortschritt gebracht. Zwar werden sich mehr und mehr Menschen des Preises bewusst, doch betrachten sie ihn zum überwiegenden Teil als notwendiges Übel, ohne das es den Aufschwung nicht gäbe. Dies nachzuvollziehen fällt dem schwer, der im relativen Wohlstand und Frieden des Westens groß geworden ist.
Um ein starkes China zu wollen, müssen wir uns nur das Gegenteil vorstellen. Ein schwaches China wird beißen wie ein Hund, der sich fürchtet. Ein schwaches China wird von Verlustängsten der Mächtigen geplagt rigide geführt werden. Die Führung eines schwachen Chinas wird ihr Überleben durch Drohgebärden sichern wollen, um die Menschen hinter sich zusammenzuschweißen.
Wir brauchen Geduld, Weitblick und Mut
Nur der allmähliche, möglichst gleichmäßig verlaufende Aufschwung Chinas sichert der dort heranwachsenden Mittelschicht eine Zukunft. Sie aber ist es, die das Land auf Dauer prägen muss, wollen wir die erwünschte Öffnung sehen. Die Mittelschicht kauft nicht nur Automobile, die im Westen entworfen und vom Westen verkauft werden. Sie fliegt mit Lufthansa, sie verzehrt Schokoriegel von Mars, sie leistet sich Uhren von Rolex.
Wichtiger noch: Sie lernt die Kultur des Westens kennen und - kommt diese überzeugend daher - auch schätzen. Sie legt Wert auf Bildung und kann es sich leisten, ihre Kinder auf Hochschulen in Australien, Großbritannien oder Amerika zu schicken. Dort lernen sie die Denkschulen und Sichtweisen des Westens kennen. Kommen sie zurück, sind sie verdorben für den geriatrischen Parteikommunismus der Betonköpfe.
Wollen wir ein offeneres China, brauchen wir Geduld, Weitblick und Mut zum Dialog. Chinas Weg an die Spitze der Weltwirtschaft wird von Rückschlägen gekennzeichnet werden und länger dauern, als uns manche Analysten verkaufen wollen. Und er wird uns kein China bringen, das wir am Reißbrett entworfen haben. Aber er könnte dazu führen, dass weniger Menschen im Elend leben und die Welt multipolarer wird, als sie je war.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: REUTERS