25. Juli 2008

Bewerben am Messestand

Auftreten, auftrumpfen, Anklang finden

Von Anne Jacoby




08. März 2004 
Als Superstar am Messestand": Das klingt übertrieben, aber bei der zahlreichen Konkurrenz um die weniger zahlreichen Jobs ist Auffallen durchaus angesagt. Hier erfahren Sie, was geht und was nicht: vom richtigen Outfit, dem entscheidenden ersten Eindruck auf der Messestand-Bühne, über den Spannungsbogen im Gespräch bis hin zum gelungenen Abtritt.



Bloß keine Show



Der großen weiße Schal bewegt sich wie ein Leuchtpunkt durch die Menge. Volker Fleischhauer trägt ihn selbstbewußt über seinem steil aufgerichteten Vatermörder-Kragen und dem tiefschwarzen, an den Schultern ziemlich weiten Smoking. Das zeigt meinen individuellen Stil und bleibt in Erinnerung", erklärt der junge Bewerber und stolziert zum nächsten Messestand. Einen bleibenden Eindruck hinterläßt er so bei den Personalern sicherlich, aber nicht unbedingt einen guten: Mit Show-Elementen bleibt man nicht in Erinnerung. Was überzeugt, ist ein guter Lebenslauf", stellt Jürgen Lürssen klar, Professor für Wirtschaft an der FH in Lüneburg und Autor zahlreicher Karriereratgeber.



Auch wenn Deutschland im Superstar-Fieber liegt, ein Image" alleine reicht nicht aus - entscheidend ist, was jemand kann. Das gilt letztendlich auch für das Show-Biz: Das Image hat bei uns sehr viel mit dem zu tun, wer die Schauspieler wirklich sind", erklärt Mechthild Holter, Gründerin der Agentur Players", die Stars wie Moritz Bleibtreu und Corinna Harfouch vertritt. Sie rät ihren Klienten, alles wegzulassen, was nicht zu ihnen paßt: Kunstgebilde, wie sie in Amerika geprägt werden, sind bei uns gar nicht möglich, sie werden vom Publikum nicht akzeptiert", sagte sie in einem F.A.Z.-Interview. Auch Personaler wollen am Messestand nicht mit durchgestylten Kunstprodukten sprechen, sondern mit echten Menschen, die zu dem stehen, was sie können und was sie wollen. Und zu dem, was sie nicht wollen und nicht können: Es ist weniger schlimm, einen Job nicht zu bekommen, als unter Vortäuschung falscher Tatsachen einen Job zu bekommen, den man kurze Zeit später wieder verliert", unterstreicht Lürssen. Die Kunst besteht nun darin, sich am Messestand natürlich und zugleich optimal zu präsentieren. Das klingt paradox, es funktioniert aber. Es fängt bei der Kleidung an.



Das Outfit



Die Kleidung sollte dem aktuellen Busineßstil entsprechen. Das heißt für Männer: dunkler Anzug, schickes Hemd mit passender Krawatte, dunkle Socken, Lederschuhe. Wer sich unsicher ist, sollte sich in einem Kaufhaus beraten lassen. Damen sind mit dunklem Hosenanzug, heller Bluse und Pumps auf jeden Fall auf der richtigen Seite. Kostüme sind natürlich auch hoch im Kurs - allerdings ist von dem Versuch, Personaler mit viel Bein und Dekolleté beeindrucken zu wollen, dringend abzuraten. Übrigens: Auch in den günstigen Textil-Ketten gibt es mittlerweile Busineß-Outfits, die einigermaßen passabel aussehen. Sie müssen also nicht unbedingt Hunderte von Euros in Ihre Ausstattung investieren, wenn Ihr Budget das nicht hergibt. Wenn Sie es aber können, tun Sie es ruhig: Daß gutes Aussehen die Karriere befördert, haben mittlerweile sogar wissenschaftliche Untersuchungen bewiesen.



Ihr Auftritt



Nein, bleiben Sie noch einen Moment hinter dem Vorhang, beziehungsweise außerhalb des Blickfeldes Ihres Gesprächspartners. Blättern Sie in Ihren Unterlagen: Wie heißt Ihr Gesprächspartner? Welche Funktion hat er im Unternehmen? Was genau macht das Unternehmen? Welche Neuigkeiten haben Sie der Presse oder der Firmen-Website entnehmen können? Prägen Sie sich das noch einmal kurz ein. Kramen Sie die richtigen Bewerbungsunterlagen aus Ihrer Tasche. Prüfen Sie Ihre Terminabsprache und die Uhrzeit. Atmen Sie durch, nehmen Sie eine selbstbewußte Haltung an, setzen Sie Ihr sympathisches Lächeln auf, und dann: Guten Tag, Herr Meier, mein Name ist Müller". Es ist wichtig, freundlich und selbstbewußt auf die Gesprächspartner zuzugehen", legt Lürssen allen Bewerbern nahe. Sie sollten den Blickkontakt suchen, ihn halten und lächeln."



Das Gespräch



Auf die nächsten Sekunden kommt es an: Schaffen Sie es, sich in ein bis zwei Minuten überzeugend darzustellen? Das geht - wenn Sie sich auf wesentliche Punkte konzentrieren: Es ist sinnvoll, zunächst auf den Universitätsabschluß, den Studienschwerpunkt, den letzten Arbeitsplatz und vor allem auf die wichtigen Tätigkeitsinhalte dieses Arbeitsplatzes einzugehen", erklärt Inken Lewerenz, Recruiting Manager bei der IDS Scheer AG in Saarbrücken. Wer noch studiert, nennt am besten seine Semesterzahl und den Zeitpunkt seines geplanten Abschlusses. Besondere Qualifikationen, die Sie von anderen Bewerbern unterscheiden und für den gewünschten neuen Arbeitsplatz wichtig sein könnten, sollten Sie durchaus betonen, sagt Lewerenz. Die tollsten Qualifikationen nutzen allerdings nichts, wenn das Unternehmen keine Verwendung dafür hat. Schlagen Sie Brücken zwischen Ihrem eigenen Lebenslauf und dem, was das Unternehmen will", empfiehlt deshalb Axel Kersten, Leiter Personalmarketing/Recruiting der SAP AG in Walldorf. Etwa so: Sie haben drei Vakanzen im Bereich Entwicklung, genau zu diesem Thema habe ich meine Diplomarbeit geschrieben." Wichtig ist es, die eigenen Qualifikationen möglichst konkret darzustellen. Ich bin ein guter Verkäufer" - das könne jeder sagen, warnt Karriereexperte Lürssen. Ich habe den Umsatz in meinem Bezirk um 20 Prozent gesteigert" - dieses Argument hat Hand und Fuß.



Die Unterlagen



Wer Fakten präsentieren kann, der sammelt Punkte. Sehr gut funktioniert das, indem Sie Ihren schriftlichen Lebenslauf oder Ihre Bewerbungsmappe schon vor dem Gespräch auf den Tisch legen. Damit können Sie das, was Sie Ihrem Gesprächspartner sagen, auch noch einmal visuell verankern. Der Personaler muß in der Lage sein, schnell einen Überblick über den bisherigen Werdegang des Kandidaten zu gewinnen, um eventuelle Einsatzmöglichkeiten des Bewerbers im Unternehmen aufzuzeigen. Daher ist es für den Bewerber ratsam, die Studienschwerpunkte, Praktika oder Berufstätigkeiten in den Vordergrund zu stellen, die für das Unternehmen interessant sein können", sagt Simone Spacke, Recruiting Specialist bei Accenture. Umgekehrt heißt das: Für jedes geplante Gespräch muß ein eigener Lebenslauf geschrieben werden, der diese relevanten Punkte heraushebt. Ziehen Sie auf keinen Fall überall die gleichen Nullachtfünfzehn-Unterlagen aus der Tasche", warnt SAP-Recruitingchef Kersten dringend. Vor allem in den Job-Market-Hallen falle es negativ auf, wenn ein Bewerber an jedem Stand genau die gleiche Standardbewerbung abliefert und womöglich auch noch die gleichen Sätze und Fragen abspult. Also Achtung: Die Personaler haben den Blick auf die Gesamtszenerie und beobachten durchaus auch, wie Sie sich bei anderen Unternehmen vorstellen.



Die richtigen Fragen stellen



Die Selbstpräsentation ist gut gelaufen, und jetzt sollen Sie Fragen stellen? Das ist Ihre Chance: Zeigen Sie mit Ihren Fragen, daß Sie über vieles schon Bescheid wissen", rät Axel Kersten. Im Idealfall bietet die Jobbörse des Zielunternehmens Angebote, an die man im Bewerbungsgespräch anknüpfen kann", nennt IDS-Personalerin Inken Lewerenz ein Beispiel, und Accenture-Recruiterin Spacke rät zur Frage danach, wie der Einstieg in das Unternehmen abläuft". Wer nach Weiterbildungsmöglichkeiten fragt, zeigt sich offen und lernbereit. Gerne werden Recruiter auch nach Karrierestufen, Beurteilungssystemen und der Internationalität des Unternehmens gefragt.



So viel zu den guten Fragen. Es gibt aber auch welche, die man vermeiden sollte: Fragen nach dem Tätigkeitsfeld des Unternehmens während des Vorstellungsgesprächs reduzieren die Chancen eingestellt zu werden dramatisch", weiß Inken Lewerenz, und verrät noch einen Tip: Die Frage nach dem Gehalt steht ganz am Ende eines Gespräches und auch nur dann, wenn der Personaler signalisiert, daß das Unternehmen wirklich interessiert ist!" Bewerber sollten sich immer bewußt sein, daß Personalgespräche während einer Messe nur dem ersten Kennenlernen dienen - vertiefende Gespräche werden, wenn Unternehmen und Bewerber harmonieren - zu einem späteren Zeitpunkt geführt. Absolut tabu sind natürlich solche Ausreißer wie Was kostet das Kantinenessen?", aber auch Wann kann ich Führungsverantwortung übernehmen?" Alles schon vorgekommen, sagt Kersten: Aber nur, wer im Job auf der inhaltlichen Ebene überzeugt, hat gute Chancen, Führungsverantwortung übernehmen zu können."



Abtritt - und Applaus



Kein gelungener Auftritt ohne perfekten Abtritt. Beim Bewerbungsgespräch auf einer Messe kann die Übergabe einer Visitenkarte dazugehören - die allerdings nicht aus dem heimischen Tintenstrahldrucker oder aus dem Automaten stammen sollte. Wer keine Karten drucken lassen möchte, sollte sich zumindest die Karte seines Gesprächspartners geben lassen. Damit weiß er genau, mit wem er gesprochen hat, außerdem schafft diese Geste ein zumindest kleines Maß an Verbindlichkeit. Ob eine vollständige Bewerbungsmappe übergeben werden soll? Das handhaben die Recruiter unterschiedlich. Inken Lewerenz von IDS Scheer findet einen ausführlichen Lebenslauf und eine ausführliche Tätigkeitsbeschreibung des letzten oder derzeitige Jobs oder des wichtigsten Praktikums für den ersten Messekontakt ausreichend. Alle weiteren Unterlagen können nach der Messe auf dem Postweg oder per E-Mail nachgereicht werden." Accenture-Recruiterin Spacke sieht neben dem Lebenslauf gerne einige wenige Zeugnisse, zum Beispiel den aktuellen Notenspiegel sowie Arbeitszeugnisse des letzten Arbeitgebers beziehungsweise längerer Praktika" und fordert von interessanten Bewerbern nach der Messe vollständige Unterlagen an. Wir wollen nicht möglichst viele Mappen einsammeln, sondern möglichst gute und qualifizierte", sagt auch SAP-Personaler Kersten. Seiner Erfahrung nach schicken nach dem Messegespräch von 100 Kandidaten nur 30 tatsächlich ihre Unterlagen: Da trennt sich Spreu vom Weizen", findet er. Die einen klemmen sich dahinter, die anderen sind dann doch zu träge. Aber ohne Fleiß kein Preis - das ist wie im Show-Biz. Zumindest wie bei den wirklichen Stars.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 71, 2004
Bildmaterial: labor