24. Juli 2008

Lampenfieber

Aufgeregt? Na prima!

Von Anne Jacoby




08. März 2004 
Ein bißchen Lampenfieber muß sein, sagen die Stars. Nur dann ist man konzentriert, engagiert und voll dabei. Zu viel ist aber nicht gut: Das lähmt und läßt stottern - dadurch entsteht ein ziemlich unprofessioneller erster Eindruck. Zum Glück gibt es Mittel gegen Lampenfieber. Recruiter, Profi-Musiker und Sportler verraten ihre besten Tricks.



Plötzlich rast der Puls. Die rechte Hand, die Sie doch dem Personaler reichen wollten, ist schweißnaß. Der Atem wird flach, die Knie zittern. In Ihrem Kopf macht sich eine schwarze Leere breit, die alles verschlingt, was sie eben noch wußten: den Namen des Recruiters, den Satz, der Ihr grandioser Einstieg werden sollte.



Ein gesundes Lampenfieber gehört immer dazu. Schließlich ist ein Vorstellungsgespräch keine alltägliche Situation", beruhigt Simone Spacke, Recruiting Specialist bei Accenture. Ihr Tip: Der Bewerber fühlt sich in der Regel sicherer, wenn er sich über das Unternehmen informiert und sich auch bereits erste Fragen zurechtgelegt hat, mit denen er in ein Gespräch einsteigen und das Interesse des Personalers wecken kann." Auch Inken Lewerenz, Recruiting Manager bei der IDS Scheer AG, hält ein gewisses Maß an Lampenfieber durchaus für hilfreich". Gemeinhin erhöhe es die Konzentration. Wenn die Bewerber gut vorbereitet kommen und sich so geben, wie sie wirklich sind, dann seien ihrer Einschätzung nach die größten Hindernisse schon aus dem Weg geräumt.



Lampenfieber ist eine Form von Angst: Adrenalin durchflutet den Körper, das Großhirn schaltet ein paar Gänge herunter - wir sind bereit zum Angriff oder zur Flucht. Dies ist zwar im Falle eines Bewerbungsgespräches unpassend, mobilisiert aber unsere Energiereserven so sehr, daß wir zu Höchstleistungen fähig werden - rein verbal und ohne loszurennen. Der Frankfurter Musiker Gerhard Mantel ist diesem Phänomen in seinem Buch Mut zum Lampenfieber - Mentale Strategien für Musiker zur Bewältigung von Auftritts- und Prüfungsangst" (Schott Verlag, 12,95 Euro) auf den Grund gegangen. Er empfiehlt, Tage großer Auftritte mit Ritualen zu gestalten: Zum Beispiel immer das gleiche zu Mittag essen, immer den gleichen Anzug zu tragen etc. Denn Regeln können Sicherheit geben und beruhigend wirken. Spitzensportler helfen sich mit ganz ähnlichen Tricks: Manche tragen bei wichtigen Wettkämpfen immer das gleiche Outfit, bestehen auf bestimmten Startnummern oder nehmen Maskottchen mit auf den Sportplatz. Das wirkt zwar irrational, scheint aber zu funktionieren. Hilfreich sind auch Entspannungsübungen, die blitzschnell und unbemerkt durchgeführt werden können. Wer gut mit reinen Mentaltechniken umgehen kann, der stellt sich zum Beispiel vor, wie ein heftiges Gewitter über ihm niedergeht und der kalte Regen auf ihn prasselt - das senkt den Puls. Richard F. Estermann, Trainer und Gründer des psychologischen Instituts zur Leistungssteigerung im Sport, empfiehlt, die linke Hand zur Faust zu ballen, einzuatmen und sich ganz auf die Anspannung im Körper zu konzentrieren. Dann die Augen zu schließen, tief auszuatmen und sich ein Auslöserwort wie Ruhe" zu sagen. Wer diese Methode immer wieder benutzt, mache sie zu seinem persönlichen Ritual und könne seine Nervosität damit schnell und zuverlässig abstellen, ist Estermann überzeugt.



Jeder Bewerber, jeder Musiker und jeder Sportler muß seine persönliche Anti-Lampenfieber-Technik herausfinden, weiß Mantel. Manche sprechen auf kognitive Methoden an: Im Falle der Musik ist das die gründliche strukturelle Analyse eines Werks, in der Bewerbungssituation wäre das eine genaue Recherche über die Struktur und Entwicklung eines Unternehmens, seine Produkte und Dienstleistungen sowie die Lage seiner Branche insgesamt. Andere kommen mit Yoga, Muskelentspannung oder Atemübungen besser zurecht. Eigenartigerweise tendieren viele Menschen zu einer fast sektiererischen Einstellung zu ihrer Methode", hat Mantel festgestellt. Aber das müsse vielleicht so sein: Der Glaube an die Methode ist, wie beim Placebo-Effekt in der Medizin, ein Teil, hier vielleicht sogar der wichtigste Teil, der Therapie." Warum auch immer die Methode wirkt: Die körperliche wie auch psychische Befindlichkeit verbesserten sich tatsächlich. Und falls Sie mit diesen Techniken überhaupt nichts anfangen können: Denken Sie einfach daran, daß auch Ihr Gesprächspartner in früheren Jahren einmal in der Haut eines nervösen Bewerbers gesteckt hat.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 71, 2004
Bildmaterial: labor