Tierschutz

Wale lieber anschauen als aufessen

Von Anne Schneppen

14. Juni 2003 Vor sieben Jahren machte Nanami Kurasawa erstmals von sich reden, als sie die Freilassung von hundert Delphinen aus den Treibnetzen japanischer Fischer erzwang. Sie kämpft gegen die Betreiber von Großaquarien, die auf engem Raum Wale halten, als wären es Zierfische im Kinderzimmer. Sie schreibt wütende Briefe an den japanischen Regierungschef und den Umweltminister, die Heuchelei eines sogenannten wissenschaftlichen Walfangs aufzugeben: "Es mag Ihnen gelingen, die öffentliche Wahrnehmung in Japan mit Hilfe der Medien zu manipulieren, aber Sie können mit Ihrer idiotischen Logik den Rest der Welt nicht überzeugen."

Das unauffällige Hinterhaus in Tokios Bezirk Shinjuku ist kaum zu finden. Eine Feuerleiter führt hinauf in ein enges, stickiges Büro im ersten Stock, das sich die Mieterin mit anderen teilen muß. Nanami Kurasawa hat kein Geld zu verschwenden, ihre Organisation "Ikan" lebt von dem, was sie aus eigener Tasche beisteuert, und von den kleinen Spenden einiger hundert Gleichgesinnter. Ikan steht für "Iruka & Kujira Action Network". Die vor sieben Jahren von der hauptberuflichen Tierbuchillustratorin gegründete Bürger-Gruppe hat sich dem Schutz der Delphine und Wale verschrieben. Keine leichte Aufgabe in einem Land, dessen Regierung viel Geld investiert, um die Jagd auf den Wal zu verteidigen.

Jedes Jahr, wenn die Internationale Walfang-Kommission (IWC) zusammentritt, gerät Japan ins Visier der Tierschützer und Walfanggegner. Zwar hat Japan das 1986 von der IWC beschlossene Verbot des kommerziellen Walfangs anerkannt, nutzt aber ein Schlupfloch für den "wissenschaftlichen" Walfang auf Zwergwale, seit einigen Jahren auch auf Pott- und Brydewale sowie neuerdings auf Seiwale. Unter dem Deckmantel der Forschung werden jedes Jahr etwa 500 Zwergwale, zehn Pott-, 50 Bryde- und 50 Seiwale erlegt. "Im Ausland ist ein Bild entstanden, als ob alle oder zumindest die Mehrheit der Japaner den Walfang unterstützen, was so nicht stimmt", sagt Kurasawa. "Zugleich hat es die Regierung verstanden, die Walfangkontroverse als einen Konflikt zwischen Ost und West darzustellen: Die westlichen Länder versuchen, die japanische Kultur anzugreifen und ihnen ihre eigenen Werte aufzuzwingen." Die Behauptung, der Walfang sei wie das Walessen eine urjapanische Tradition, hält sie für fragwürdig: Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs habe Japan - als Folge von Fleisch- und Proteinmangel und mit Genehmigung der Alliierten - in großem Umfang begonnen, den Walfang in der Antarktis voranzutreiben. "Heute ist Wal als Nahrung völlig bedeutungslos. Junge Japaner gehen lieber Wale beobachten als sie zu essen." Den Statistiken der Walfanglobby halten die Gegner eigene Erhebungen entgegen: zum Beispiel eine Studie aus dem Jahr 2000, wonach nur elf Prozent der Japaner den japanischen Walfang befürworteten, während fast zwei Drittel angaben, seit ihrer Kindheit kein Walfleisch mehr gegessen zu haben. "Ältere Japaner mögen noch in Nostalgie an ihre Schulkantinen zurückdenken, als Walfleisch überall auf dem Speiseplan stand. Wenn heute Schülern in einigen Gegenden Wal serviert wird, dann nur, um künstlich die Folklore am Leben zu halten", sagt Kurasawa. Tatsächlich sei Walfleisch teuer und entspreche nicht mehr dem Geschmack der Masse. Hinzu kommen die nicht eben Vertrauen erweckenden Berichte über die hohe Konzentration von Umweltgiften im Walfleisch oder falsch deklarierte Konserven im Supermarkt, die nicht Wal-, sondern quecksilberverseuchtes Delphinfleisch enthielten.

Die Handvoll Organisationen, die sich in Japan mit dem Schutz der Wale befassen, haben es dennoch nicht geschafft, die Regierungspolitik in Frage zu stellen. Bei der breiten Masse der Bevölkerung stoßen sie auf Desinteresse, bei den gewählten Volksvertretern finden sie kein Gehör. "Eine laute Opposition gegen die Walfanglobby gibt es hier nicht", bekennt die einsame Aktivistin Kurasawa, die gleichwohl das allgemeine Schweigen nicht als Zustimmung werten will. "Die Medien berichten nur, wenn die Internationale Walfang-Kommission tagt, und die Kommentare spiegeln die offizielle japanische Position." Dabei gibt es in Japan eine aktive Verbraucherbewegung, der BSE-Skandal erregte die Gemüter, und wenn ein neues Kernkraftwerk gebaut werden soll, ziehen die Anwohner dagegen zu Felde. Doch der Streit um den Wal hat für den Alltag keine Relevanz, man überläßt ihn den Politikern in Tokio, die sich schützend vor die wenigen Walfangdörfer und die Fischindustrie stellen.

Für die Walschützer stellt sich eine paradoxe Situation dar: Je mehr politischer Druck aus dem Ausland kommt, desto schwieriger ist ihre Arbeit. Vor dem Moratorium sei im Land einiges an Opposition zu hören gewesen, sagt Junko Sakurai von Greenpeace Japan. "Doch jetzt ist die Haltung defensiv und sensibel. Viele Japaner meinen, wer gegen den Walfang ist, übt Verrat an seinem Land." Die Walfangbefürworter in Tokio haben es verstanden, diese Stimmung gezielt zu schüren: Wenn die eigene Kultur angegriffen ist, wird es zur Bürgerpflicht, sie zu verteidigen. Für die Mitarbeiter der Umweltschutzorganisation, die nach dem Moratorium 1989 in Japan ihr Büro öffneten, kam erschwerend hinzu, daß viele Japaner hinter dem englischen Namen eine ausländische Organisation vermuteten, zumindest aber ein Instrument westlicher Antiwalfang-Nationen. Entsprechend diplomatisch tritt Greenpeace nun in Erscheinung: keine lautstarken Proteste, keine Großdemonstrationen vor der Fischereibehörde. Junko Sakurai nennt den Walfang eine "delikate Angelegenheit". Wie delikat, sieht man daran, daß Greenpeace das Feld bereitwillig anderen überläßt, zum Beispiel der kleinen Initiative "Ikan" oder der Verbraucherbewegung "Safety Now", die über die gesundheitlichen Risiken des Walfleischverzehrs aufklärt.

Die Gründerin der kleinen Walschutzgruppe "Ikan" sinniert derweil in ihrem bescheidenen Büro über einen Ausweg aus der gefühlsbeherrschten Debatte über Eßgewohnheiten, Traditionen und Kulturimperialismus. Sie versucht, mit Broschüren das bislang unterentwickelte Interesse für den Tierschutz zu wecken, korrespondiert mit Schulklassen über das Internet, müht sich, Abgeordnete von der Notwendigkeit eines umfassenden Tierschutzgesetzes zu überzeugen, das Wale einschließt. "Die großen Meeressäuger liegen seit langem in der Zuständigkeit der staatlichen Fischereibehörde, sie werden als ein Rohstoff angesehen. Die meisten anderen Tiere unterstehen dagegen dem Umweltministerium. Diese Abgrenzung hat mit dazu geführt, daß Wale als eine Art kommerzielles Produkt betrachtet werden, und dies müssen wir ändern", sagt Nanami Kurasawa. Tatsächlich wachse das Interesse für den Umweltschutz, und immer mehr Japaner hätten Freude daran, Wale in freier Natur zu beobachten. Die Greenpeace-Aktivistin Sakurai klingt hingegen pessimistischer: "Ich sehe nicht, daß Japan den Walfang aufgeben wird. Das Problem sind ja nicht die knapp tausend Arbeitsplätze in Fischerei und Gastronomie, sondern die Jobs der Beamten, die einen Walfang am Leben halten, der längst der Vergangenheit angehört."

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.06.2003, Nr. 136 / Seite 9
Bildmaterial: dpa

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