07. März 2006 Selten schien in einem März der Frühling so fern wie in diesen Tagen. Zumindest läßt sich das für eine überschaubare Zeit behaupten. Doch beim Winterwetter gilt, so harsch und kapriziös es sich heute auch präsentieren mag, was für meteorologische und klimatische Phänomene allgemein gilt: Ausnahmen bestätigen oft nur die statistische Regel. Und die Regel zumindest seit zwei oder drei Jahrzehnten war eher der wärmere, feuchte Winter.
Doch genau wie es sich mit vielen solcher Pseudo-Gleichförmigkeiten im Klimageschehen verhält, so zeichnet sich auch für das aktuelle Muster ein Ende ab. Das meint jedenfalls ein deutsch-skandinavisches Forscherteam, an dem Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven, des GKSS-Forschungszentrums in Geesthacht und des Hamburger Max-Planck-Instituts für Meteorologie mitgearbeitet haben. Sie erwarten für die kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte eine so grundlegende Umverteilung der Energieflüsse in der nördlichen Hemisphäre, daß der Trend eindeutig zu kalten und trockenen Wintern hierzulande gehen dürfte.
Globale Erwärmung als Auslöser

Entwicklung des Luftdrucks in der Nordhemisphäre in den kommenden 250 Jahren (rot = starker Anstieg, blau/grün = Abnahme des Luftdrucks)
Auslöser dieses Umschwungs ist die globale Erwärmung. Sie hat insbesondere in den schnee- und eisbedeckten Regionen der Arktis zu unübersehbaren Veränderungen geführt - und dürfte das noch weiter und intensiver tun bei weiter steigenden Lufttemperaturen. Zu spüren sein wird das nicht nur an den Küsten, wo die abschmelzenden Eisschilder über den Landmassen den Wasserspiegel beschleunigt steigen lassen, sondern eben auch landeinwärts.
Dort dürfte sich ein Wandel der Luftzirkulation bemerkbar machen, der nur indirekt mit dem Abschmelzen des arktischen Eises zusammenhängt. Das entscheidende Bindeglied ist die sogenannte Nordatlantische Oszillation (NAO), ein Wechselspiel zwischen dem gewöhnlich erhöhten Luftdruck über den Azoren und dem Tief über Island.
Ursache ist die Änderung der Albedo
Seit Jahrzehnten führen diese Luftdruckunterschiede zu einer verstärkten West-Ost-Strömung in der Troposphäre, vergleichsweise warme und feuchte Luft überwiegt. Die Forscher um Klaus Dethloff vom AWI haben nun ausgerechnet, daß sich diese Phase ins Gegenteil verkehren sollte, wenn das Eis im hohen Norden weiter schmilzt. Ursache ist die Änderung der sogenannten Albedo, der Rückstrahlung der Erde ins All, die wesentlich von der Eisbedeckung abhängig ist.
Schwindet das stark reflektierende Eis und wird es durch die dunklen Flächen der Vegetation und des kahlen Gesteinsuntergrundes ersetzt, wird in der Arktis allgemein mehr Energie absorbiert. Eine Verschiebung des Energiehaushaltes, die sich mittelbar auf die Luftzirkulation darüber und eben insbesondere auf die Luftdruckverhältnisse über Europa und Nordamerika auswirken könnte.
Eine der größten Unbekannten
Dieser Zusammenhang zwischen Albedo und Atmosphärenströmung gilt als eine der größten Unbekannten in den an Unwägbarkeiten ohnehin nicht armen Klimasimulationen der Wissenschaftler. Das deutsch-skandinavische Team glaubt nun, mit ihrem gekoppelten Eis-Ozean-Atmosphärenmodell die Zukunft der arktischen Albedo zumindest so realistisch einbezogen zu haben, daß sich wenigstens grobe Aussagen über die Winterluftströmungen treffen lassen.
Der Trend, so schreiben sie in der Online-Ausgabe der Zeitschrift Geophysical Research Letters, sei eindeutig: Die Nordatlantische Oszillation zeige, je länger die Erwärmung anhalte, um so klarer in Richtung der negativen Phase. Kalte und eher trockene Polarwinde aus Osten häufen sich - in 250 wie auch in 500 Jahren, von heute an gerechnet. Wenn wir uns indes vorstellen wollen, wie die Winter dann aussehen, müssen wir gar nicht so aufwendige Computermodelle bemühen. Die letzte dieser negativen NAO-Phasen war gerade einmal vor dreißig Jahre zu Ende gegangen.
Text: F.A.Z., 07.03.2006, Nr. 56 / Seite 36
Bildmaterial: Dethloff / AWI Bremerhaven, picture-alliance/ dpa/dpaweb