Bernhard Grzimek

Serengeti lebt

Von Roland Knauer, Ngorongoro

Bernhard Grzimek: Er gab den Afrikanern Stolz

Bernhard Grzimek: Er gab den Afrikanern Stolz

13. März 2007 „Das würde ihm gefallen“, glaubt Markus Borner beim Blick auf die Steinpyramide mit der schlichten Bronzetafel, die am Rande des Ngorongoro-Kraters im Norden Tansanias steht. Als Bernhard Grzimek vor 20 Jahren starb, brachte der Schweizer Zoologe die Urne mit seiner Asche aus Deutschland hierher.

Borner lebt seit 1977 in Tansania, erst als Mitarbeiter, später als Nachfolger von Bernhard Grzimek. Die Trauer vieler afrikanischer Politiker beim Staatsbegräbnis damals zeigte, dass sein Erbe wohl nirgends besser zu verstehen ist als beim Blick von seinem Grab über den riesigen Ngorongoro-Krater.

Zebras, Elefanten, Nashörner ziehen vorbei. Manchmal sitzt ein Rudel Löwen an der Steinpyramide, die an Bernhard Grzimek und seinen Sohn Michael erinnert. Ohne diese beiden gäbe es die gigantischen Tierherden aus Gnus und Zebras wohl nicht mehr, die noch heute auf ihren Wanderungen durch die Savanne ziehen.

Grzimek fütterte die überlebenden Tiere durch

In die Wiege gelegt wurde der Naturschutz Bernhard Grzimek nicht, als er am 24. April 1909 in Neiße in Oberschlesien geboren wurde. Nach dem Studium von Zoologie und Veterinärmedizin in Leipzig und Berlin kümmerte er sich erst einmal im Reichsernährungsministerium um Hühnerseuchen und Rindertuberkulose.

Im Zweiten Weltkrieg war er als Veterinäroffizier weiterhin in Berlin. Als der Luftkrieg den Zoo der Stadt zerstörte, lebten in der Wohnung der Grzimeks neben Bernhard, seiner Frau Hilde und den beiden Söhnen Michael und Rochus auch noch ausgebombte Schimpansen und ein kleiner Orang-Utan.

Auf der Flucht vor der Kriegsgefangenschaft erreichte die Familie im März 1945 Frankfurt. Auch hier war der Zoo weitgehend zerstört. Nach kurzer Zeit als Polizeipräsident der von Amerikanern besetzten Stadt fütterte Bernhard Grzimek die überlebenden Tiere durch. Schließlich baute er als Direktor den Zoo wieder auf, den er bis 1974 leitete.

Er erkannte, dass die Erde ihre Natur verlieren könnte

Schon Anfang der fünfziger Jahre war er in Afrika, um neue Tiere zu fangen und um das Verhalten der Arten besser kennenzulernen, die später in Frankfurt eine neue Heimat finden sollten. Im Osten Afrikas aber nahm die schon damals rasant wachsende Bevölkerung den Tieren immer mehr Lebensraum. Oft genug endeten die Gnus im Kochtopf und die Stoßzähne der Elefanten auf dem Markt.

Während in Europa die Begeisterung für alles Technische vom Atomkraftwerk bis zur Autobahn boomte, erkannte Bernhard Grzimek im Süden der Sahara, dass die Erde ihre Natur verlieren könnte. Borner sagt, Grzimek habe solche Zusammenhänge Jahrzehnte früher als andere erkannt.

Wenn es um Naturschutz ging „konnte er stur sein

Was tun? Bernhard Grzimek schrieb 1956 sein Buch „Kein Platz für wilde Tiere“. Der gleichnamige Film gewann in Berlin den „Goldenen Bären“ und schlug dabei sogar einen der damals populären Walt-Disney-Filme. Bernhard und sein Sohn Michael Grzimek steckten das Geld aus dem Kino-Erfolg in ein wissenschaftliches Projekt: Von einem einmotorigen Flugzeug aus, das im Zebra-Muster lackiert war, zählten sie die riesigen Tierherden, die durch die Serengeti wandern.

Als Bernhard Grzimek bei einem Flugzeugabsturz am 10. Januar 1959 seinen Sohn Michael verlor, engagierte er sich nur noch stärker. Noch im gleichen Jahr kam der Film „Serengeti darf nicht sterben“ in die Kinos, wurde zum Kassenschlager und gewann den ersten deutschen Oscar nach dem Krieg. Das gleichnamige Buch über die Entstehungsjahre des Serengeti-Nationalparks wurde in 23 Sprachen übersetzt.

Nur die Filmbewertungsstelle in Wiesbaden hatte ein Problem: Der Film könne das Prädikat „wertvoll“ nur dann erhalten, wenn Bernhard Grzimek zwei Sätze streiche. Erstens: „Es wäre besser um die Welt bestellt, wenn die Menschen sich wie Löwen benähmen.“ Zweitens: Dass die Erhaltung der letzten Zebraherden für die Menschheit ebenso wichtig sei wie die Erhaltung der Akropolis oder des Petersdoms in Rom. In mehr als sechzig Ländern hörten die Zuschauer diese Sätze in „Serengeti darf nicht sterben“ dann doch, und „wertvoll“ war der Film auch. „Grzimek“, so erinnert sich Borner, „konnte stur sein, wenn es um seinen Naturschutz ging.“

„Hilfe für die bedrohte Tierwelt“

Dabei war Bernhard Grzimek privat ein äußerst netter, wenn auch etwas altmodischer Gentleman, der Frauen noch mit Handkuss begrüßte. Allerdings fielen ihm manchmal auch Scherze ein, die nicht ganz so gut ankamen. Als er den Chef des Hwange-Nationalparks in Zimbabwe besuchte, landete wie durch Zufall eine Gottesanbeterin aus seiner Tasche im Dekolleté der Gastgeberin. Der Scherz endete mit der Ohnmacht der Frau. Bernhard Grzimek konnte nicht ahnen, dass sie panische Angst vor Insekten hatte.

Im Fernsehen dagegen trat seit 1956 ein großer, gutaussehender, freundlicher, unnahbarer Professor vor das Publikum. In fast dreißig Jahren wurden 175 Folgen von „Ein Platz für Tiere“ ausgestrahlt. Bernhard Grzimek warb für den Naturschutz - der Hinweis auf das Spendenkonto „Hilfe für die bedrohte Tierwelt“ fehlte von 1962 an in keiner Sendung.

Das Geld floss nicht nur in den Naturschutz nach Afrika, sondern auch auf die Galapagos-Inseln, nach Südamerika und in viele andere Länder. Grzimek baute die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) zu einer schlagkräftigen Naturschutzorganisation um, die heute noch die seit den sechziger Jahren fließenden Spendengelder verwaltet: Die im Jahr 2001 mit diesem Geld gegründete Stiftung „Hilfe für die bedrohte Tierwelt“ ist mit mehr als 40 Millionen Euro eine der größten Naturschutzstiftungen in Europa.

Er hat in Afrika mehr erreicht als zu Hause

Schwerpunkt der Arbeit der inzwischen von Christof Schenck geleiteten ZGF aber bleibt Afrika und dort besonders die Serengeti. Bernhard Grzimek hat Staatschefs der Region davon überzeugt, dass die Natur ihrer Länder einen unschätzbaren Wert darstellt. Einer von ihnen war Julius Nyerere, der frühere Staatschef von Tansania.

Heute hat das Land in Ostafrika 14 Nationalparks, die ein Viertel der Fläche Tansanias einnehmen. Markus Borner lacht, wenn er diese Fläche mit dem Anteil der Naturparks in seinem Heimatland, der Schweiz, vergleicht: Dort sind es weniger als ein Prozent. Nicht viel besser sieht die Lage in Deutschland und Österreich aus. Bernhard Grzimek hat in Afrika mehr erreicht als zu Hause. So wurde Tansania zum Vorbild für Mitteleuropa.

Menschen der Region werden mit einbezogen

Auch wenn die Serengeti heute unter Schutz steht, fließen immer noch große Summen der ZGF nach Tansania. Denn Schwierigkeiten treten immer wieder auf, erklärt Borner, der die gesamte Afrika-Arbeit der ZGF aus der Serengeti koordiniert. Die Wilderei ist heute dank gut funktionierender Infrastruktur der Nationalparks unter Kontrolle. Aber die Bevölkerung wächst weiter.

Grzimek erkannte schon vor vierzig Jahren, dass die Menschen der Region in den Schutz der Serengeti mit einbezogen werden müssen. Dazu sind heute die „Wildlife Management Areas“ in den Pufferzonen außerhalb der Nationalparkgrenzen da. Die Dörfer bekommen Quoten für einzelne Arten zugeteilt. Mit der Quote darf ein Dorf nach Gutdünken verfahren. Manches Gnu wird verspeist. Andernorts werden die Tiere nur aus Safari-Kameras beschossen - und ein Teil der Einnahmen der Reiseveranstalter fließt in die Dorfkasse.

Das „Räuberloch“

Gegen den Klimawandel haben auch Markus Borner und seine Kollegen noch kein Gegenmittel gefunden. Er lässt in der Serengeti die Trockenzeiten länger werden. Wenn die Niederschläge wiederum kommen, dann äußerst heftig. Danach herrscht wieder eine lange Dürre, in der auch der Mara-Fluss austrocknen könnte, der fast immer Wasser führt.

Für die Gnus wäre das fatal, zeigen Computerberechnungen der ZGF: Führt der Mara ein paar Wochen kein Wasser, könnte die Größe der Gnuherden auf unter 200.000 Tiere sinken. Sind es aber einmal so wenig Tiere, erwischen Raubtiere dann so viel Nachwuchs, dass es einfach nicht mehr aufwärtsgehen kann. Wildbiologen nennen das „Räuberloch“.

Bei einer Tigervorführung gestorben

Ein solches Räuberloch kann man verhindern, wenn man das Abholzen der Wälder im Quellgebiet des Mara verhindert. Denn Wälder speichern Wasser gut und bilden so einen Puffer, der dem Fluss auch in Dürrezeiten Wasser zuführt. Gleichzeitig versuchen die Naturschützer zu verhindern, dass zu viele Weizenfarmen entstehen und Wasser aus dem Fluss pumpen.

Markus Borner ist überzeugt, dass auch Bernhard Grzimek dieses Problem heute nicht anders angehen würde, wenn sein Herz nicht am 13. März 1987 bei einer Tigervorführung im Zirkus stehengeblieben wäre. Der große Mann des Naturschutzes in Mitteleuropa starb so, wie er es sich wohl gewünscht hätte. Tiger hatte er schließlich in jungen Jahren selbst einmal dressiert. Dass einmal Löwen an seinem Grab wachen würden, deren Lebensraum er gerettet hat - das aber hat sich Bernhard Grzimek wohl kaum träumen lassen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Cinetext/RR, ddp, dpa, F.A.Z., picture-alliance/ dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Machen Sie den Preisvergleich: Mit dem Gastarifrechner von FAZ.NET finden Sie den für Sie günstigsten Anbieter.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche