Massenflucht vor Hurrikan

New Orleans gleicht einer Geisterstadt

Von Matthias Rüb, New Orleans

Düstere Vorboten über New Orleans

Düstere Vorboten über New Orleans

01. September 2008 Das Klischee von der Ruhe vor dem Sturm ist die reine Wahrheit - jedenfalls was das Wetter vor dem Auftreffen eines Hurrikans auf die Küste angeht. Der Himmel ist klar, nur einige Zirruswolken sind ins blaue Schwarz der Nacht über der Golfküste gemalt. Es weht eine sanfte Brise. Hin und wieder fällt ein leichter Schauer, ein Sprühregen, der bald vorüber zieht. Der Lake Pontchartrain liegt spiegelglatt im matten Nachtlicht.

Längst ist der „Causeway“, die kilometerlange Brücke, die auf Betonstelzen kaum drei Meter über der Wasseroberfläche schwebt, für den Verkehr gesperrt. Am nördlichen wie am südlichen Zugang haben Polizisten nicht nur die Schranke an den Zahlstellen heruntergelassen und die Fahrbahn dahinter mit ihren Fahrzeugen blockiert, es wurden sogar zusätzlich hüfthohe Sandsackbarrieren aufgetürmt: Hier soll keiner hinüber und herüber fahren können, selbst wenn sich ein Polizist erweichen und passieren lassen würde, was aber ohnedies niemals geschehen würde.

Übertragungswagen am Fuß der Hochhäuser

Man kann aber nicht sagen, dass New Orleans menschenleer wäre. Auf der Canal Street ist besonders viel Betrieb. Allenthalben flackern die blauen und roten Lichter der Polizeiwagen. Hin und wieder erschallt die Sirene eines Einsatzfahrzeugs. Die Übertragungswagen der Fernsehsender sind in Stellung gebracht, möglichst nahe an den Fassaden der Hochhäuser geparkt, damit sie nicht von den Orkanböen ergriffen werden. Auch die Feuerwehr hat ihre Löschzüge zum Kongresszentrum am Ufer des Mississippi-Flusses gebracht: Bis dorthin steigt das Terrain von New Orleans unmerklich an, weswegen auch das unmittelbar am Mississippi gelegene „French Quarter“ bei einer Überschwemmung der sicherste Platz ist - sozusagen das Gegenteil des schwarzen Wohnviertels „Lower Ninth Ward“, wo noch jede Überschwemmung nach heftigen Regenfällen auch ganz ohne Deichbruch den größten Schaden in der ganzen Stadt anrichtet.

Freilich sind auch im French Quarter alle Bars und Restaurants geschlossen. Mancher Eigentümer und Pächter hat sich dem verbindlichen Aufruf zur Evakuierung der Stadt zwar widersetzt und hält in den Ruhestunden vor dem Sturm einen Schwatz mit dem Nachbarn. Doch unter normalen Umständen würden die Bourbon Street und die anderen Lieblingsstraßen der Touristen im French Quarter an einem Spätsommertag wie diesem von lauter Musik und lauten Menschen vibrieren. Sonntag war der Tag vor dem Feiertag „Labor Day“, die amerikanische Version des Tages der Arbeit“, und die letzten Betrunkenen wären erst lange nach der Morgendämmerung in ihr Hotel gewankt.

Plünderungen sollen diesmal verhindert werden

Gewankt wird also nicht, dafür poltert hin und wieder die Nationalgarde mit ihren „Humvee“-Jeeps und ihren Lastwagen durch die Straßen. Viele ihrer Fahrzeuge sind in sandfarbener Tarnfarbe lackiert. Man wird sogar beim Heimateinsatz der Garde - einem Zwitter aus Katastrophenschutz und Reserveeinheit zum Kriegseinsatz in Übersee - daran erinnert, wo Amerika derzeit seine Kriege zur Vorwärtsverteidigung der nationalen Sicherheit führt: im Wüstensand. Heute Abend aber stemmen sich die Nationalgardisten - alleine nach New Orleans wurden mehr als 1500 Mann zur Unterstützung der 1200 Polizeibeamten abkommandiert - gegen die Naturgewalt und gegen mögliche Plünderer.

Bei „Gustav“, so merkt man in New Orleans auf Schritt und Tritt, sollte alles anders werden als vor fast genau drei Jahren bei „Katrina“. Damals gab es sogar auf der Canal Street Plünderungen. Die Polizisten hatten sich schon fast völlig aus den Straßen zurückgezogen, als die ersten Sturmböen - und auch die ersten Steine der Plünderer - die ersten Schaufensterscheiben zersplitterten. Noch Tage nach dem Bruch der Deiche und der Überschwemmung von vier Fünfteln des Stadtgebiets von New Orleans lagen damals die zerschmetterten Flachbildfernseher, die den Plünderern in der Hast aus den Händen gerutscht waren, auf den Gleisen der Straßenbahn.

Blechlawine Richtung Oklahoma

Zwar sieht man auch jetzt auf einigen der Pressholzplatten, mit denen die Fenster und Türen der Geschäfte, Hotels und auch Wohnhäuser verrammelt sind, die Aufschrift „We Will Shoot“ (Wir schießen - nämlich auf Plünderer). Doch wüsste man nicht, auf wen hier geschossen werden sollte. Denn die größte Evakuierungsaktion in der Geschichte des Bundesstaates Louisiana war offenbar auch die erfolgreichste. 1,9 Millionen Leute verließen bis zum Sonntag auf Geheiß der Regierung unter dem energischen jungen Gouverneur Bobby Jindal in einer nicht enden wollenden Blechlawine die Küstenregion Louisianas; nur etwa 100.000 Hartgesottene blieben zurück.

Gewiss, es gab gewaltige Staus, mancher brachte es zumal am Sonntagvormittag auf den Evakuierungsrouten nach Norden auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von vielleicht zehn Kilometern in der Stunde. Doch es ging weitgehend geordnet zu. Mochte eine Tankstelle kein Benzin mehr haben, fand man ein paar Meilen weiter Zapfsäulen, die noch nicht ausgetrocknet waren. Aus New Orleans waren bis zur Sturmnacht mehr als 200.000 Menschen geflohen. Nur etwa 10.000 Einwohner wollten den Hurrikan in der Nacht zum Montag „ausreiten“, wie es heißt ,und harrten in der Stadt aus - die meisten gerade nicht in den besonders tief unter dem Meeresspiegel gelegenen Wohnvierteln der unteren Mittelschicht am Lake Pontchartrain, sondern etwa im schmucken und wohlhabenden Garden District, der etwa ebenso „hoch“ liegt wie das French Quarter.

„Mutter aller Stürme“

Etwa 30.000 Personen, die über kein eigenes Transportmittel verfügten, wurden bis Sonntagabend mit Bussen und auch mit der Bahn aus New Orleans nach Texas oder bis nach Oklahoma in Sammelunterkünfte gebracht. Die letzten Busse, die am späten Abend an der Union Station auf Passagiere warteten, fuhren fast leer wieder davon. Und als der Exodus schließlich abgeschlossen war, wurden Hunderte Schulbusse von den Parkplätzen der Stadtverwaltung geholt und in einem gewaltigen Konvoi auf der Autobahn „I-55“ nach Norden in Sicherheit gebracht.

Vor drei Jahren waren es die Bilder von den gefluteten Schulbussen auf überschwemmten Parkplätzen, während Massen verzweifelter und ausgezehrter Menschen vor dem „Superdom“ und dem Messe- und Kongresszentrum in der brütenden Hitze auf Hilfe warteten, welche das krasse Versagen der Behörden symbolisierten. Bei „Gustav“ wurde nicht nur die Evakuierung der Stadt früher in Angriff genommen, es wurden auch keine Notunterkünfte „der letzten Zuflucht“ eingerichtet. Wer sich vor einem Hurrikan, der sich nach den Worten von Bürgermeister Ray Nagin vom Freitag zum Jahrhundertsturm oder gar zur „Mutter aller Stürme“ würde auswachsen können, nicht rechtzeitig in Sicherheit bringe, sei auf sich selbst angewiesen und könne nicht mit Hilfe der Behörden rechnen, hieß es. „Versichern Sie sich, dass Sie eine Axt haben, um sich aus dem Dach ihres überfluteten Hauses herauszuschlagen“, lautete Nagins drastische Drohung.

Würden die Deiche halten?

Von zehn Uhr abends an galt am Sonntag schließlich eine Ausgangssperre. Wer ohne Sondergenehmigung angetroffen würde, sollte verhaftet, wer beim Plündern ertappt würde, gar gleich ins berüchtigte Zuchthaus „Angola“ geworfen werden, drohten Nagin und sein Polizeichef. Auch die Hotels der Stadt mussten schließen. Außer den Hilfskräften und den Journalisten sollte möglichst niemand in der Stadt bleiben. Denn ob die reparierten Deiche und Flutmauern einem weiteren Hurrikan der Kategorie 3 oder gar 4 wie „Gustav“ würden standhalten können, vermochte niemand zu sagen. Sollte der Wirbelsturm mit der erwarteten Intensität New Orleans erreichen, „würden die Dämme wohl gerade noch halten“, sagte der republikanische Gouverneur Jindal.

Noch ehe „Gustav“, der über dem warmen Wasser des Golfs von Mexiko zunächst nicht so an Wucht zuzunehmen schien wie zunächst befürchtet, die Küste von Louisiana erreichte, war weithin von den „gelernten Lektionen“ aus der „Katrina“-Katastrophe vom August 2005 die Rede. Alle klopften einander auf die Schultern: die Bundesbehörden aus Washington, die Behörden der Staaten an der Golfküste, schließlich die Kommunen. Die Behörden seien heuer „zehn Mal besser vorbereitet gewesen“ als vor drei Jahren, sagte der Gouverneur von Mississippi, Haley Barbour am Sonntagabend; was freilich noch lange nicht bedeute, dass alles gut gelaufen sei. Es war, als wolle sich Amerika beweisen, dass man besser mit einer Naturkatastrophe umgehen könne und deren Opfer nicht so schändlich im Stich lassen würde wie vor drei Jahren: „Gustav“ sollte den Schand- und Schamfleck „Katrina“ ausmerzen.

Wettstreit der Spendensammler

So sah es offenbar auch Präsident George W. Bush, der schon am Montag nach Texas reisen wollte, um sich in einem Auffanglager einen Blick über die Lage zu verschaffen. Und sobald es die Lage zulasse, werde er auch die Küstengebiete Louisianas besuchen, die voraussichtlich abermals am Härtesten getroffen werden würden. Der designierte Präsidentschaftskandidat John McCain verfügte kurzerhand, dass der erste Tag des Nominierungsparteitages in St. Paul faktisch ausfallen solle; möglicherweise werde er auch seine Rede zur offiziellen Annahme der Kandidatur nur per Video nach St. Paul in Minnesota übermitteln. Es sei angesichts einer drohenden Katastrophe an der Zeit, forderte McCain weiter, den Parteienstreit wenigstens vorübergehend auszusetzen.

„Wir müssen jetzt gemeinsam als Amerikaner auftreten und nicht als Republikaner oder Demokraten“, sagte McCain. Sein demokratischer Herausforderer Barack Obama kündigte an, sein ausgedehntes Netz von Parteispendern um Hilfe für die Geschädigten des Hurrikans zu bitten. „Wir können eine E-Mail-Liste von ein paar Millionen Menschen aktivieren“, sagte Obama.

Von so viel gutem Willen schien sich zunächst sogar „Gustav“ besänftigen zu lassen. Doch am frühen Montagmorgen zieht sich der Himmel dann doch zu. Wolken jagen immer schneller über den Himmel. Die ersten Regengüsse peitschen an die Fenster. Und der Wind beginnt zu heulen. „Gustav“ rollt über den Golf heran.

Text: DPA
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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