13. August 2004 Seit einigen Wochen irrt ein Pottwal vor der deutschen Küste in der Ostsee herum. Klaus Harder, Biologe am Deutschen Meeresmuseum in Stralsund, hält die Überlebenschancen des Tieres für gering.
Vergangene Woche wurde abermals ein Pottwal in der Ostsee gesichtet. Nun, am Freitag nachmittag, besagen die letzten Meldungen, er sei angeblich schon tot.
Das ist wohl nicht der Fall. Nach Meinung aller Walforscher handelt es sich bei dem Tierkadaver, der vor der schwedischen Küste gefunden wurde, um einen anderen Wal. Es scheint ein Finnwal zu sein. Unser Pottwal wurde hingegen Anfang der Woche gleich noch einmal gesichtet - und zwar vor Bornholm.
Also schon zum wiederholten Mal, denn bereits Mitte Juli hatten Angler den Wal vor Darßer Ort gesichtet.
Ja, und am vergangenen Freitag hat ihn dann ein Dorschangler in der Wismarer Bucht gesehen. Plötzlich tauchte ein Schwarm Heringe auf und gleich dahinter der Pottwal, der auf der Suche nach Beute war. Der Fischer hat allerdings erst in dieser Woche angerufen. Ich habe ihm ein Bild von einem Pottwal gezeigt, und er hat ihn eindeutig als solchen erkannt.
Woran erkennt man denn - als Information für alle Segler und Fischer auf der Ostsee - einen Pottwal?
Vor allem natürlich an der Rückenfinne. Das ist die Flosse auf dem Rücken, die sichelförmig ist und sich in kleinen Buckeln zum Schwanz fortsetzt.
Man kann ihn also leicht identifizieren?
Ja, das ist ganz einfach. Außerdem hat er eine typische Kopfform. Aber den Kopf hat bei diesem Exemplar noch niemand gesehen.
Und wie kommt nun ein solches Tier in die Ostsee?
Normalerweise jagen die männlichen Tiere im Nordpolarmeer und wandern dann um diese Jahreszeit in Richtung Karibik oder Azoren, weil die Wale dort ihre Jungen zur Welt bringen und aufziehen. Dieses Tier hat sich ganz offensichtlich verschwommen. Normalerweise schwimmen die Verbände westlich der britischen Inseln, schon die Abzweigung in die Nordsee ist also eigentlich falsch.
Aber nicht so ganz unüblich.
Das stimmt, in der Nordsee starben 1996 an der dänischen Insel Rømø sechzehn Pottwale. Und 1997 fand man insgesamt 20 tote Pottwale vor den dänischen, deutschen und niederländischen Küsten. Zuletzt verendeten im vergangenen Dezember zwei Pottwale vor Norderney. Einzigartig ist es aber, wenn ein Wal noch weiter abweicht und durch Skagerrak und Kattegat in die Ostsee kommt.
Was sind die wichtigsten Gründe für die Irrungen?
Mit ziemlicher Sicherheit der Lärm im Meer. Er hat stark zugenommen. Es ist eine regelrechte Vermüllung der Meere durch Lärm zu beobachten. Die Tiere, die mit empfindlichem Gehör und eigentlich guter Sonarorientierung ausgestattet sind, können sich dadurch nicht mehr orientieren.
Schuld sind also die Bohrinseln?
Die machen auch Geräusche. Aber auch die Marine unternimmt Versuche mit Unterwasser-Sonaren . . .
. . . die in den Vereinigten Staaten drastisch reduziert wurden.
Ja, im Oktober vergangenen Jahres einigte sich das Militär mit Tierschützern darauf, ein neues Sonarsystem zur Ortung von Unterseebooten nur noch auf dem offenen Meer in Asien zu erproben. Und das ist auch gut so: Nach Versuchen der Nato mit Unterwasser-Sonaren vor den Kanarischen Inseln sind dort zum Beispiel Wale gestrandet. Das hat man eindeutig auf diese Versuche mit hochfrequenten Sonaren zurückgeführt. Die Tiere hatten dadurch traumatische Schäden erlitten.
Bei dem Pottwal in der Ostsee scheint es sich schon wieder um ein junges Männchen zu handeln.
Ja, junge Männchen sind nicht so in den Familienverband integriert. Sie schwimmen oft einzeln oder in Schulen. Am 1. Februar 2002 sind zum Beispiel drei junge Männchen in der Melldorfer Bucht in Schleswig-Holstein gestrandet.
Ganz ungewohnt sind Wale in der Ostsee also nicht mehr?
Das ist richtig. Eine heimische Walart gibt es ohnehin, den Schweinswal, einen kleinen Zahnwal, der etwa 1,50 Meter lang wird. Und es gibt immer wieder mal Wale, die sich verschwimmen. Aber es ist jetzt das erste Mal, daß ein Pottwal so weit gekommen ist.
Gibt es keine Hinweise aus dem Mittelalter?
Es gab Strandungen in der Danziger Bucht von Zahnwalen, aber es ist nicht klar, ob es Pottwale waren. Die Aufzeichnungen waren leider nicht so genau.
Der Pottwal ist der größte aller Zahnwale und damit die größte Walart überhaupt?
Ja. Und er ist ein Tieftaucher, der durchaus 3000 Meter tief geht und dort seine wichtigste Nahrungsquelle findet: Tintenfische.
Die flache Ostsee wird ihm also nicht behagen?
Die Ostsee kann für ihn Streß und vor allem auch Überhitzung bedeuten, da er nicht in kältere Wasserschichten abtauchen kann. Es ist zu befürchten, daß er das nicht übersteht.
Zumal er schwer wieder hinausfindet?
Ja, das ist kompliziert, auch wegen des dichten Schiffsverkehrs. Die Wahrscheinlichkeit, daß er wieder hinausfindet, ist sehr gering.
Retten kann man ihn nicht?
Nein, dadurch würde so ein Tier noch stärker in Panik geraten, und Panik kann leicht den Tod bedeuten.
Sie können also nur beobachten?
Ja, wir tauschen uns mit den Kollegen in Schweden und Dänemark aus und erforschen das Verhalten. Mehr können wir leider nicht tun.
Die Fragen stellte Alfons Kaiser.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.08.2004, Nr. 188 / Seite 8
Bildmaterial: AAP