Landwirtschaft Reichenau

Tomaten mit Tigermuster

Von Rüdiger Soldt, Reichenau

25. August 2006 Einige Tomaten sind gelb, manche rot, wieder andere haben sogar ein dunkelgrünes Tigerstreifenmuster. Süßer als die normalen Supermarkttomaten sind sie zudem. „Gemüse Reichenau“ steht auf den kleinen weißen Pappschildern, die der Gemüsegärtner Gerhard Uricher auf die oberste Tomatenlage der Kartons legt. Offenbar muß ein Gemüsebauer auf der Insel Reichenau heute genausoviel von Marketing verstehen wie von Veredelungsschnitten.

Gerhard Uricher ist einer von den etwa 70 Gemüsegärtnern auf der Reichenau, deren Gewächshäuser die im Jahr 2001 zum Weltkulturerbe erhobene Landschaft nicht gerade schmücken. Auf der Insel nennen sie Uricher den „Tomatenkönig“. Zwei Kilogramm Tomaten erntet Uricher pro Erntewoche und Quadratmeter. „Der Druck der Verbraucher, mit sowenig Chemie auszukommen wie möglich, war sehr groß“, sagt Uricher. „In Konstanz bekommen die Grünen 22 Prozent, wir mußten Anfang der neunziger Jahre unbedingt etwas tun, und das hat sich bewährt.“

„Inseltomate“ klingt einfach besser

Die Genossenschaft begann, den umweltschonenden „integrierten Anbau“ zu fördern. Gegen die weiße Fliege, den größten Schädling für Tomaten, sprühten die Gemüsebauern nun nicht mehr Insektizide, sondern setzten Schlupfwespenlarven aus, die wiederum die Larven der weißen Fliege auffressen. Die Böden der Gewächshäuser werden auf der Klosterinsel mit 75Grad heißem Dampf gereinigt, und zur Bestäubung von Tomatenblüten setzen die Bauern Hummeln in den Gewächshäusern aus.

Die Kunden in den Supermärkten sollen sich für das teurere Reichenau-Gemüse entscheiden, weil es „integriert“, also mit weniger Spritz- und weniger Düngemitteln angebaut wird, weil es besser schmeckt und weil „Inseltomate“ einfach besser klingt. Grauschimmel und Mehltau müssen aber weiterhin mit Fungiziden bekämpft werden. Im April zahlen Stuttgarter Hausfrauen für die ersten Gurken von der Reichenau Liebhaberpreise, in der Haupterntezeit ist das Insel-Gemüse fünf bis zehn Prozent teurer als das spanische im Discount-Markt. Zu kaufen ist das Gemüse größtenteils nur in Bayern und Baden-Württemberg - die Genossenschaft will vor allem die regionalen Märkte beliefern.

40 Hektar unter Glas

Zertifizierte Öko-Gemüsebauern sind auf der Klosterinsel in der Minderheit geblieben, auch diese Betriebe leiden unter dem Preisdruck: Die Erträge fallen bis zu 25 Prozent geringer aus als bei den „integriert“ wirtschaftenden Betrieben; die Verbraucher wollen das Öko-Gemüse aber immer häufiger zu Niedrigpreisen kaufen. Die Genossenschaft hilft den Ökobetrieben, ihren Salat oder ihre Gurken zu vermarkten.

Wenn sich der „integrierte Anbau“ auch bewährt hat und es den Gemüsebauern sogar gelingt, die Qualität durch etwa 1600 Rückstandskontrollen im Jahr und neue umweltfreundliche Verfahren zur Schädlingsbekämpfung weiter zu verbessern, ist der Wettbewerbsdruck in den vergangenen Jahren weiter gewachsen. Vor allem die hohen Energiepreise machen den Bauern zu schaffen. Zwar gibt es auf der Insel das größte zusammenhängende Anbaugebiet für Freilandtomaten in Deutschland mit einer Größe von fünf Hektar, die Gesamtanbaufläche für Gemüse auf der Insel ist aber 150 Hektar groß. Hiervon liegen etwa 40 Hektar unter Glas, das heißt, der Großteil der Tomaten reift in Gewächshäusern.

Schenkung von Karl Martell

Fallen die Verkaufspreise für ein Gemüse wie zum Jahresbeginn etwa die für Salate und steigen gleichzeitig die Heizölpreise, macht sich das in der Kasse der Bauern gleich bemerkbar. Ein Ausweg sind der Bau neuer, größerer Gewächshäuser und eine Flurbereinigung. Das ist aber auf lange Sicht nur schwer in Einklang zu bringen mit dem kulturellen Erbe der Insel - auch wenn der stellvertretende Geschäftsführer der Gemüsegenossenschaft, Christian Müller, darauf hinweist, daß nicht nur die berühmten Kirchen die Kulturlandschaft prägen. „Erst wenn der letzte Gemüsebauer die Insel verlassen hat“, sagt Müller, „werden die Leute spüren, welchen Beitrag wir zur Pflege der Kulturlandschaft geleistet haben.“

In den vergangenen Jahren ist die von Gewächshäusern bedeckte Anbaufläche auf der Insel um etwa einen Hektar gewachsen. Der baden-württembergische Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) hält ein begrenztes Wachstum der Anbaufläche noch für vertretbar. Irgendwann ist aber auch hier die Grenze des Wachstums erreicht. Denn etwa eine Million Tagestouristen kommen jährlich auf die Insel Reichenau, die mit einer Länge von vier Kilometern und einer Breite von anderthalb Kilometern die größte Bodenseeinsel ist. Sie interessieren sich vielleicht auch für das Bewässerungssystem auf den Gemüsefeldern, wollen aber eigentlich die drei Kirchen des 724 von dem Missionar Pirmin gegründeten Benediktinerklosters sehen. Pirmin hatte die Insel als Schenkung von Karl Martell bekommen. Im neunten und zehnten Jahrhundert war das Kloster eines der wichtigsten Zentren der ottonischen Kultur in Europa.

Rebstöcke ausgerissen, um Gemüse anzubauen

Die Gemüsebauern geben sich viel Mühe, das historische Erbe respektvoll zu würdigen: Ein Motiv, mit dem die Genossenschaft wirbt, ist ein auf einem Salatfeld vor der Stiftskirche St. Georg in Oberzell knieender Erntehelfer. In dem Gemüsekochbuch der Genossenschaft wird an den berühmten Kräutergarten des Abts Wahlafrid Strabo vor dem Münster in Mittelzell erinnert.

Bis Ende der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts wurde auf der Reichenau vor allem Wein angebaut. Dann zerstörte der Frost 1929 alle Rebstöcke; die Winzer konnten nicht eine einzige Flasche Wein produzieren und rissen die Rebstöcke aus dem Boden, um Gemüse anzubauen. Sie wollten nicht mehr von nur einer Kulturpflanze abhängig sein. Im Jahr 1928 ließ ein Gemüsebauer das erste gläserne Gewächshaus auf der Insel aufstellen. Mittlerweile gedeiht auf 17 Hektar wieder Wein - vor allem der Sorten Gutedel, Müller-Thurgau und Kerner.



Text: F.A.Z., 25.08.2006, Nr. 197 / Seite 8
Bildmaterial: picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche