Von Reinhard Wandtner
27. Juni 2006 Unter allen Wipfeln ist wieder Ruh'. Bruno, der Problembär, treibt nicht länger sein Unwesen im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet. Nachdem er wochenlang die auf ihn angesetzten Häscher genarrt und sogar die hochgepriesenen finnischen Bärenhunde an der Nase herumgeführt hatte, lief er nun doch noch vor die Büchse des Jägers. Am Montag morgen gegen 4 Uhr 50 endete sein letzter Streifzug. Die einen atmen auf, die anderen trauern. Gleichgültig ist das Schicksal des zottigen Gesellen jedenfalls kaum jemandem geblieben.
Der Bär gehört hierzulande für viele - wenn nicht gar die meisten - Menschen zu den ersten Tieren im Leben, zu denen sie eine Beziehung aufbauen. Anders als Bruno ist dieser Bär allerdings garantiert harmlos und handlich. Als Teddy in schier unendlicher Artenvielfalt verkörpert er geradezu den Inbegriff des Schmusetieres. Dabei ist der Bär in Wirklichkeit keineswegs besonders anschmiegsam, wie zumindest die Leser von Karl May wissen. Andere Raubtiere genießen nicht diesen Kuschelstatus. So wird wohl kaum ein Kind bereit sein, den lieben Teddy gegen einen bösen Plüschwolf zu tauschen.
Unbequemer Tierschutz
Schon unsere wilden Vorfahren hatten zum Bären ein ganz besonderes Verhältnis, wenn auch keines, das von Kuschelgefühlen geleitet war. Einerseits nötigte der bärenstarke Herr des Waldes größten Respekt ab, was sich in einer Mischung aus Ehrfurcht und Angst niederschlug. Andererseits war die Beziehung von Konkurrenzneid geprägt, denn die Speisezettel und Lebensräume der beiden Spezies überschneiden sich. So zog man ihm nur zu gern das Bärenfell über die Ohren. Lange konnten die Bärenpopulationen das wegstecken. Die Erfindung der Schußwaffen indes brachte das Ende: Im Jahr 1835 wurde der letzte bayerische Bär erlegt, der zugleich der letzte deutsche seiner Art war. In dem Maße, wie Dörfer und Städte wuchsen und die natürlichen Wälder schrumpften, waren sich Bär und Mensch zunehmend ins Gehege gekommen. Die fatalen Folgen hat jetzt auch Bruno zu spüren bekommen.
Vom Menschen hat der Bär ohnehin nie Gutes zu erwarten gehabt, denn anders als zum Beispiel der Wolf oder die Katze ließ er sich nicht zum Haustier zähmen. Diese Widerborstigkeit ist ihm übel bekommen. Mit qualvoller Dressur hat man ihn so weit herabgewürdigt, daß er auf Jahrmärkten und bei anderen Gelegenheiten als Tanzbär vorgeführt werden konnte - eine Praxis, der etwa in Bulgarien erst vor einigen Jahren ein gesetzlicher Riegel vorgeschoben wurde. Zu schweigen von den berüchtigten Bärenkämpfen früherer Zeiten, bei denen man den Tieren die Krallen und Reißzähne zog, damit das blutige Spektakel länger dauert.
Bruno dem Braunbären drohte solches Ungemach glücklicherweise nie - sondern nur der Tod. Erstmals auffällig ist er Anfang Mai geworden, als er in Vorarlberg zwei Schafe riß. Als er Tage später nach Bayern überwechselte, sprach Umweltminister Schnappauf einen Willkommensgruß aus, den er umgehend bitter bereut haben dürfte. Denn Bruno, der aus Südtirol stammende Migrant, entpuppte sich als unangepaßt, riß bald drei Schafe, vergriff sich an Federvieh und tat sich sogar an einem Bienenstock gütlich, wobei auch eine bislang unbekannte Zahl von Insekten zu Schaden kam. Angesichts solch unzivilisierten Verhaltens und der mangelnden Scheu, in die Nähe des Menschen zu kommen, schlug die politische, also von Interessengruppen geprägte Stimmung radikal um. So unbequem hatte man sich das Bekenntnis zum Natur- und Tierschutz gewiß nicht vorgestellt. Töten oder Fangen und Wegsperren - damit war die Phantasie im Umgang mit dem Schadbären, dem eine schlechte Kinderstube attestiert wurde, offenbar erschöpft.
Ein Schuß gegen die Natur
Der Schuß im Morgengrauen des gestrigen Montags, der Bruno tötete, galt nicht nur dem aufsässigen Bären. Er richtete sich gegen die unangepaßte Natur allgemein. Denn auf wenigen Gebieten triumphiert die Scheinheiligkeit mehr als im Natur- und Artenschutz. Im dichtbesiedelten Mitteleuropa wird das Wiedererstarken einst vertriebener Tiere wie Biber, Kranich und Bartgeier gefeiert. Die Spezies lassen sich hervorragend als Belege für eine bessere Qualität der Umwelt verwenden. Aber wehe ihnen, wenn sie den Menschen belästigen, wie der Braunbär aus Südtirol das nun gewagt hat. Er hat sogar Mountainbiker beunruhigt, eine Ungeheuerlichkeit.
Am liebsten ist dem zivilisierten Menschen die gezähmte, risikofreie Natur. In Vollendung findet sie sich auf dem Fernsehbildschirm. Eine auch noch vertretbare Form bieten ihm Natur- und Nationalparks, wo Zäune und andere Barrieren für die gebotene Distanz zur Wildnis sorgen. Da dürfen durchaus auch Braunbären, Wölfe und Luchse im Gehege herumtollen, fast wie im wirklichen Leben. Wenn es darum geht, dem Besucher unberührte Natur vorzugaukeln, überläßt man schon mal, wie im Bayerischen Wald geschehen, ganze Höhenzüge dem Borkenkäfer zum Fraß. Der Borkenkäfer ist, anders als Bruno, ungefährlich für den Menschen, und der Wald ist, anders als die Beute des Bären, staatlich, was gern dahin gehend interpretiert wird, er gehöre niemandem.
Da läßt sich Natur genießen, ein Hochgefühl stellt sich ein, als habe man an der Arche Noah mitgezimmert. Aber schon die Wanderung am nicht weit entfernten Waldesrand dämpft die Stimmung. Denn dort lauern vielleicht wilde Zecken, und die sind mindestens so gefährlich wie wilde Bären. Natur, die sich der Zähmung widersetzt, ist dem zivilisierten Menschen zuwider. Ihr rückt er unnachsichtig auf den Pelz.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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