Von Heinz-Joachim Fischer
07. Januar 2008 Demonstrationen, Zusammenstöße mit den Sicherheitskräften, brennende Müllcontainer, Molotow-Cocktails gegen Räumfahrzeuge: In Neapel, der Millionen-Metropole des italienischen Südens, wird heftig und zum Teil gewaltsam protestiert. Am Montag kam es sogar zu bürgerkriegsähnlichen Szenen in Pianura, einer Vorstadt im Nordwesten von Neapel, weil dort eine Mülldeponie, die im Jahr 1997 geschlossen worden war, wieder in Betrieb genommen werden soll. Die Bewohner dort befürchten, dass von der Müllkippe Gesundheitsgefahren ausgehen könnten. Darum haben sie aus Müll, Metall und Altreifen Barrikaden errichtet, um den Zugang zu blockieren und die Wiedereröffnung der Halde zu verhindern.
Pianura liegt hoch in den Hügeln der Stadt – mit 100.000 Einwohnern im Umkreis. Als die Polizei am Montag versuchte, eine Straßensperre vor der Deponie zu räumen, warfen die Protestierenden Steine nach den Beamten. Bei der Räumung einer zweiten Straßensperre drängten die mit Knüppeln bewaffneten Sicherheitskräfte dutzende Demonstranten zurück. Viel Blut wurde dabei nicht vergossen, obwohl sich auch Linksextremisten, die eigens angereist waren, die Empörung der Einheimischen zunutze machten und mit demonstrierten.
Dichter Rauch über der Stadt
Trotz der Krawalle waren die Schulen nach den Weihnachtsferien auf Geheiß von Ministerpräsident Romano Prodi wieder geöffnet worden. Dafür mussten Ordnungskräfte mit Hilfe der Armee die Zugänge zunächst vom Müll frei räumen. Doch viele Lehrer kamen dann genausowenig wie viele Schüler – die Mütter ließen ihre Kinder aus Protest nicht in die Schulen gehen.
Staatspräsident Giorgio Napolitano sprach von einer zunehmenden Tragödie, weil mehr als 100.000 Tonnen Müll in Neapel, seiner Heimatstadt, nicht abgefahren worden seien. Prodi nannte es eine Schande für Italien“, weil die Bilder davon in der Sendung Mondovisione“ um die Welt gingen. Das staatliche Fernsehen mühte sich, auch anmutige heitere Szenen aus Neapel zu zeigen. Doch auf den Straßen der Stadt waren dann doch immer wieder die seit Wochen nicht abgefahrenen Müllberge auszumachen, aus denen kleine und größere Flammen züngelten und so eine einzigartige Umweltkatastrophe bebilderten. Denn die Bewohner verbrennen ihren Müll selbst, so dass ständig dichter Rauch über der Stadt hängt.
Es ist nicht überall dreckig
Eigentlich hatte man sich an den Müll von Neapel schon gewöhnt, die Besucher der Stadt, ihre Bewohner und die Politiker in Rom und in der Region Kampanien mit dem Gouverneur Antonio Bassolino an der Spitze. Immer wenn man in die quirlige Millionenstadt fuhr, säumten große Müllsäcke und kleine Abfallbeutel die Straßen, einige von ihnen aufgeplatzt, so dass sich ihr Inhalt über den Asphalt verteilte. Meist häufte sich der Müll besonders in der Peripherie von Neapel, gleich hinter den Ausfahrten der Autobahnen und der Stadt-Tangenten. In der Innenstadt, in der Nähe des Rathauses und des Hafens, von wo Schiffe die Touristen nach Capri und Ischia bringen, sowie bei dem Königlichen Schloss der Borbonen und dem Opernhaus San Carlo, war es sauber. Dort standen die Müllcontainer ordentlich zusammen, waren nicht übermäßig gefüllt und wurden in regelmäßigen Abständen geleert.
So war es seit Jahren, genauer, seit 1993, als der damalige Ministerpräsident Carlo Ciampi Neapel zum Tagungsort der Konferenz der sieben wichtigsten Industrienationen bestimmte. Und es blieb auch so, als Silvio Berlusconi ein Jahr später als kurzzeitiger Regierungschef in Neapel Hof hielt und der Linksdemokrat Antonio Bassolino stolz die Stadt am Vesuv repräsentierte.
Ein Schuldiger ist nicht leicht zu finden
Deshalb ist es erstaunlich, dass sich die Lage am Montag so dramatisch zuspitzte. Die geplante Wiedereröffnung der vor Jahren geschlossenen Mülldeponie hat im Grunde wenig mit dem Problem des nicht-abgefahrenen Mülls zu tun. Außer, man will den Bürgern weis machen, die Deponie in Pianura sei die einfachste, schnellste und preiswerteste Lösung für die zum Himmel stinkenden Müllhaufen entlang den Straßen Kampaniens. Die italienischen Zeitungen und Fernsehkanäle forschen derweil intensiv nach den Ursachen für den Notstand.
Fragt man die verantwortlichen Politiker, den grünen Umweltminister Pecoraro Scanio oder die in den vergangenen Jahren sechs Mal wechselnden Sonder-Kommissare für den Müll von Kampanien, so wird die Verantwortlichkeit im Kreis herum geschoben. Als Schuldiger wird letztlich meist die Camorra ausgemacht, die Banden der organisierten Kriminalität.
Mülldeponien sind Goldgruben
Auch wenn die Müllentsorgung ein Skandal für die Betroffenen ist, so ist sie zugleich, wie alle verfügbaren Zahlen belegen, ein glänzendes Geschäft für die Beteiligten: für jene, die in den Müllbetrieben arbeiten; es sind pro Kopf der Bevölkerung und pro Tonne Müll weit mehr, fast doppelt so viel wie etwa in der nördlichen Lombardei; für die Berater, die Firmen, die Sicherheitsdienste, die Auftraggeber, die Bürgermeister, die Provinz- und Regionalassessoren; für jene, die über die Klassifizierung von Müll zu bestimmen haben und aus wenig einträglichem Normalabfall Sondermüll machen können und so weiter. Nutznießer der ungenügenden Müll-Entsorgung von Kampanien sind sogar deutsche Deponien, auch wenn sie mehr als 1500 Kilometer entfernt liegen.
Vielleicht ist aber die Nicht-Entsorgung ein noch besseres Geschäft, eine Mülldeponie, ob geöffnet oder geschlossen, ist eine Goldgrube, wie ein Camorrista gesagt haben soll. Deponien und Wiederaufbereitungsanlagen sind schon lange chronisch überlastet, außerdem wurden von der örtlichen Mafia betriebene Müllhalden geschlossen. Dem organisierten Verbrechertum kann daher das Ganze gar nicht genug zum Himmel stinken, das Wehgeschrei nicht laut genug sein. Das Geschäft mit der Müllentsorgung ist nach dem Drogenschmuggel die wichtigste Einnahmequelle der Camorra, die öffentliche Gebühren für die Entsorgung unterbietet und illegale Deponien betreibt. Der Staat gab schon mehr als eine Milliarde Euro aus, um die Krise beizulegen – bislang jedoch ohne Erfolg.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
