Von Joachim Müller-Jung
31. August 2007 Der griechische Feuersturm gehört jetzt zu jenen Tragödien, deren Zwangsläufigkeit einem fast den Atem nimmt. Und zwar nicht nur, weil Regierung und Behörden in der Brandbekämpfung versagt haben, sondern weil, weit über die Landesgrenzen hinaus, offenbar niemand und nirgendwo an verantwortlicher Stelle in Europa gemerkt haben will, wie dramatisch sich in Südeuropa das Blatt inzwischen gegen die Menschen gewendet hat. Als sollte uns der schöne Glaube gelassen werden, der Mensch, dieses unvergleichliche Kulturwesen und als Pyromane auch einzigartige Geschöpf, beherrsche unerschütterlich das Feuer.
Auf der Halbinsel Peloponnes haben wir das Umgekehrte erlebt. Die Flammen haben die Menschen vor sich hergetrieben - und verschlungen. Die Verzweiflung war grenzenlos, die Empörung ebenso, und die Anteilnahme war selten so groß. Was aber folgt daraus? Demonstrationen in Athen sind das eine. Aber das Nachdenken über griechische Löschkommandos, über organisatorisches Versagen und die technischen Defizite des Brandschutzes, über Feuerteufel und Bauspekulanten könnte die Perspektive einseitig auf die nationale Krisenbewältigung lenken, statt den Blick zu weiten. Denn das haben bisher alle mehr oder weniger konsequent verweigert, wir Touristen eingeschlossen.
Zunehmende Trockenheit und Hitzeperioden
Wir sehen Griechenland, Portugal, Spanien, Südfrankreich oder Italien immer noch als perfekte Ferienparadiese, die man uns in den Katalogen anpreist und die wir an den Küsten ja auch Jahr für Jahr erleben. Es sind Quellen reiner Lebensfreude. Was wir nicht sehen und selten wahrnehmen, das sind die schleichenden sozialen und ökologischen Veränderungen: Die Länder sind in den vergangenen Jahrzehnten buchstäblich von Grund auf verändert worden. Die Entwurzelung der ländlichen Bevölkerung hat die Städte wachsen lassen, auf dem Land aber Brachen zurückgelassen, die zunehmend verbuschen und im Falle eines Brandes kaum noch zu beherrschen sind. Gleichzeitig wachsen die Siedlungen an ihren Rändern in Landschaften hinein, die wenig Schutz vor den Flammen bieten.
Dass die mediterranen Landschaften austrocknen, spürt der Urlauber so gut wie nie am eigenen Leib; ökologische Szenarien wie Verwüstung sind für viele Worthülsen. Doch zunehmende Regenarmut und Hitzeperioden zählen zu jenen klimatologischen Veränderungen, die den ohnehin feuergefährdeten Mittelmeerraum vor langfristige Existenzfragen stellen - und den Katastrophenschutz zu einer Überlebensfrage machen.
Bald ganzjähriges Feuerrisiko?
Kürzlich haben Wissenschaftler gezeigt, dass sich die Länge der Hitzewellen in ganz Europa, aber insbesondere im Süden verdoppelt und die Zahl der extrem heißen Tage sich in den vergangenen 120 Jahren verdreifacht hat. In wenigen Jahrzehnten könnte das Feuerrisiko das ganze Jahr über bestehen. Die Vereinten Nationen registrieren in den Mittelmeerländern mittlerweile im Durchschnitt mehr als fünfzigtausend Brände. Rund eine Million Hektar, das entspricht etwa der Fläche Kretas, fällt den Flammen zum Opfer, viermal so viel wie in den sechziger Jahren. Zunehmend wüten Großfeuer. In Spanien hat sich die Zahl der registrierten Brände kontinuierlich auf das nun Zehnfache gesteigert, ebenso in Portugal, wo vor zwei Jahren mehr als 35.000 Brände wüteten und mehr als elf Prozent der Waldfläche zerstört wurden.
Mit anderen Worten: Die statistische Wahrscheinlichkeit unbeherrschbarer Waldbrände ist in den vergangenen Jahrzehnten so sehr gestiegen, dass das Feuer längst als veritabler Feind der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung hätte ernst genommen werden müssen. Stattdessen meinen Altmitglieder der EU wie Griechenland, es sich offenbar leisten zu können, ihren Löschtrupps mitten in der Brandsaison unbrauchbares Ausrüstungsmaterial zu überlassen und bei der Brandverhinderung offensichtlich die Zügel vollkommen schleifen zu lassen. Als falle das Feuer vom Himmel. In der Frühgeschichte der Menschheit mag das so gewesen sein. Da wurden die Brände von Blitzeinschlägen und Vulkanausbrüchen verursacht. Heute gehen mehr als 95 Prozent der Waldbrände auf das Werk von Menschen zurück: Brandstiftung - auch zur Baulandgewinnung - gehört ebenso dazu wie Nachlässigkeit bei Waldspaziergängen.
Menschliche Komponente
Katastrophen, Naturkatastrophen eingeschlossen, haben fast immer eine Vorgeschichte, an der der Mensch beteiligt ist. Das gilt erst recht für Waldbrände. Von der gezielten Raumplanung und Landnutzung bis zur umsichtigen Aufforstung, die das Feuerrisiko verringert, vom Anlegen resistenter Brandschneisen an Siedlungsrändern bis zum Kauf von Wasserbombern hätten die gefährdeten Länder längst Mittel und Möglichkeiten zur Katastrophenvorsorge an der Hand. Doch konsequent genutzt hat man sie in der ganzen Breite offensichtlich bisher nicht. Das gilt genauso für die Abschreckung: Das Verfolgen und Bestrafen der Brandstifter ist eher die Ausnahme als die Regel. Vor sieben Jahren war auf der griechischen Insel Samos der gesamte Kiefernwald den Flammen zum Opfer gefallen - kurz darauf ging die Zahl der Urlauber um die Hälfte zurück. Der wirtschaftliche Schaden war immens.
Verantwortung dafür hat niemand übernommen. Und wie damals, so scheint auch diesmal die Prognose nicht gewagt, dass nach der verheerenden Brandperiode möglichst schnell zur Tagesordnung übergegangen wird. Diesem Schweigegelübde könnte Europa etwas entgegensetzen. Eine Rothelm-Armee europäischer Löschtrupps wäre keine Lösung. Warum aber sollte Europa nicht bei der gezielten Aufforstung helfen und strategische Fehler ausmerzen? Europa wird an seinem schönsten Ende immer verwundbarer. Das kann uns Teilzeitmediterraner nicht kaltlassen.
Text: F.A.Z., 01.09.2007, Nr. 203 / Seite 1
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, F.A.Z., REUTERS