Von Thorsten Winter
13. März 2007 Auf die Spezialisten für Pflanzenbau an der Universität Gießen ist Wulf Feinhals nicht gut zu sprechen. Der Grund: Das Institut will unter der Leitung von Wolfgang Friedt noch im Frühjahr am westlichen Stadtrand mehr als 60 Maissorten ausbringen, darunter acht gentechnisch veränderte Varianten des amerikanischen Herstellers Monsanto. Dies schmeckt Hobby-Imker Feinhals nicht, da seine Bienen auch Pollen von Gen-Maispflanzen sammeln werden - und den Honig verderben, wie er meint. Vorsorglich droht er der Universität, die im Auftrag des Bundessortenamtes in Hannover wesentliche Abbau- und Verwertungseigenschaften des Korns feststelen soll, mit einer Schadenersatzklage. Auch andere Kritiker der geplanten Freilandtests auf einer Fläche von rund 700 Quadratmetern erheben ihre Stimme.
Feinhals nennt acht Bienenvölker sein Eigen. Die Jungvölker stehen nach seinen Angaben nur 300 Meter vom Versuchsfeld entfernt, andere Bienenstöcke gut anderthalb Kilometer. Da die Insekten im Umkreis von rund drei Kilometern unterwegs sind, werden sie auch auf dem Gen-Maisfeld nach Nektar und Pollen suchen. Genau das kann Feinhals aber nicht gebrauchen. Denn er stellt Honig nach den Richtlinien von Bioland her. Der Verband wiederum zieht regelmäßig Proben und prüft, ob die angelieferte Ware seinen Vorgaben entspricht. Sobald Bioland Pollen von gentechnisch veränderten Pflanzen findet, wird der Honig unverkäuflich, wie der Hobby-Imker zu bedenken gibt. Bioland steht schließlich für gentechnikfreie Landwirtschaft, wie auf der Internetseite des Verbandes nachzulesen ist.
Pflanzen resistent gegen Schädling
Nun wäre der wirtschaftliche Schaden, den Feinhals zu tragen hätte, überschaubar. Auf rund 500 Euro im Jahr beziffert der Zahnarzt aus der Gießener Kreisgemeinde Wettenberg die Erlöse mit Honig. Doch steht er nicht einsam dar. Alleine in Wettenberg müssten acht Imker befürchten, dass sich Gen-Maispollen in ihrem Honig wiederfinden werden. Angesichts dessen hat die Kreisimkerschaft am Sonntag eine Resolution gegen die Versuche mit diesen Pflanzen verabschiedet, wie er berichtete. Zudem verweist Feinhals auf mögliche Nachteile zu Lasten von Maisbauern. Es sei nicht auszuschließen, dass sich Pollen von gentechnisch veränderten Pflanzen mit herkömmlichem Mais kreuzen und neue Mischformen entstehen werden.
Nun haben sich die Gießener Pflanzenbauexperten um Friedt nach Angaben der Universität mit dem Bundessortenamt geeinigt, die mänlichen Blütenstände der gentechnisch veränderten Pflanzen zu entfernen - ein Vorgang, der in der Fachsprache Kastration genannt wird. Doch das genügt Kritikern wie Feinhals nicht. Denn sie glauben nicht, dass im Zuge dessen ungewollte Auskreuzungen tatsächlich wirksam unterbunden werden könnten. Außerdem sei unklar, inwieweit Bienen unter dem Gen-Mais der Variante Mon 810 von Monsanto leiden werden. Diese Variante ist aufgrund eines giftigen Stoffes, die der Mais erzeugt, gegen den Schädling Maiszünsler resistent. Diese nach Angaben der Universität Gießen von der Europäischen Union schon genehmigte Eigenschaft erlaubt es, auf chemischen Pflanzenschutz zu verzichten.
Sie sollen die Versuche in der Halle machen
Gegner führen eine Studie aus den Vereinigten Staaten an, nach der außer dem Maiszünsler auch andere Insekten geschädigt würden. Im Gegensatz zur Medizin, in der Gentechnik ihre Bedeutung habe und in der entsprechende Versuche im Zweifelsfall abgebrochen werden könnten, kann der Flug von Gen-Maispollen nicht rückgängig gemacht werden, wie der Hobby-Imker meint. Er fordert deshalb von Pflanzenbauexperte Friedt und dessen Forscherkollegen: Sie sollen die Versuche in der Halle machen.
Solche Vorschläge weist Friedt jedoch zurück. Das ist völliger Unsinn, denn wir müssen ja unter Freilandbedingungen prüfen. Aus seiner Sicht kommen die Uni-Forscher den Kritikern schon durch die Kastration der männlichen Blütenstände entgegen. Dadurch wird auf jeden Fall sichergestellt, dass kein Pollen mehr freigegeben wird, hebt Friedt hervor. Doch ist er sich bewusst, eingefleischte Gegner der sogenannten grünen Gentechnik mit solchen Hinweisen nicht zu überzeugen: Einer hat mir gesagt: Das ist der Einstieg in die industrielle Landwirtschaft, und das muss verhindert werden.Wie weit der Protest gehen kann, hat Friedt in den neunziger Jahren gemerkt. Seinerzeit versuchte er im Auftrag der EU auf einem Gut der Universität gentechnisch veränderten Raps anzubauen und den Bürgern näherzubringen - drei Jahre hintereinander wurde das Feld zerstört. Erst im Juli 2006 wurde auf einem Gelände der Universität ein Feld mit genmanipulierter Gerste verwüstet. Auch beim neuen Feldversuch, für den das Amt rund 10 000 Euro zahlt, rechnet Friedt mit Übergriffen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa