Rio - „Hauptstadt des Klimaschutzes“

Schwarze Zungen am weißen Strand

Von Roberta Pennafort, Rio de Janeiro

04. Mai 2007 Das wirkliche Rio de Janeiro sieht anders aus als das Rio de Janeiro der Postkarten. Der Haupteingang zur Stadt mit ihren vier Millionen Einwohnern, die Bucht von Guanabara, ist stark verschmutzt. Ein funktionierendes Müllentsorgungssystem gibt es in der Stadt nicht. Und die Küste, die jedes Jahr fast zwei Millionen Touristen anzieht, sieht an vielen Stellen verheerend aus.

An vier von 14 Hauptstränden herrscht Badeverbot. Wenn es regnet, wird das Baden an allen Stränden verboten, weil die Abwässer der Favelas, der Armenviertel, in denen ein Drittel der Einwohner lebt, vom Regen ins Meer gespült werden. Die Schmutzstreifen, die man nach Regentagen an allen Stränden sieht, heißen „linguas negras“, schwarze Zungen.

Fünfzehn Jahre nach „Rio 92“

Aber nun will Rio „Hauptstadt des Klimaschutzes“ werden. Fünfzehn Jahre nach dem UN-Umweltgipfel „Rio 92“ hat die Regierung des Bundesstaates Rio de Janeiro entschieden, die Stadt zur ökologischen Vorzeigestadt Brasiliens zu machen. Ein neu eingerichtetes „Amt für Klimaveränderung und Emissionsvorschriften“ soll darauf hinwirken, dass der Ausstoß von Treibhausgasen gesenkt wird - obwohl Brasilien nach dem Kyoto-Protokoll dazu nicht verpflichtet ist. Dennoch will der seit Januar amtierende Umweltstaatssekretär und vormalige Umweltaktivist Carlos Minc Unternehmen dazu bewegen, ihre Emissionen zu verringern, und ihnen Ausgleichslasten aufbürden, wenn sie die Umwelt belasten.

Busse sollen auf Erdgas und Ethanol umgestellt, die weitverbreitete Brandrodung landwirtschaftlicher Flächen soll verboten werden. Brasilianische Ökologen freuen sich über den Ehrgeiz der Staatsregierung, bleiben aber skeptisch, ob sich die guten Absichten verwirklichen lassen. Umweltstaatssekretär Minc ist dennoch optimistisch und sagt im Gespräch: „Wir wollen, dass Rio beim Umweltschutz eine führende Rolle in der Welt spielt.“

Kein Baden in „Baía de Guanabara“

Eine seiner größten Aufgaben ist die „Baía de Guanabara“. Mit 380 Quadratkilometern ist die Bucht die zweitgrößte Brasiliens. Baden kann man in ihr schon lange nicht mehr. Jeden Tag werden 400 Tonnen Hausabwasser, 64 Tonnen Industriemüll, sieben Tonnen Schweröl und 300 Kilogramm Schwermetalle in sie eingeleitet. Raffinerien, Schiffswerften, Häfen und Tankstellen - alle tragen zur Verschmutzung bei. Umweltunfälle sind keine Seltenheit. Einer der schlimmsten ereignete sich im Januar 2000: 1,3 Millionen Liter Öl liefen in die Bucht, weil ein Kanalrohr des staatlichen Ölkonzerns Petrobras undicht geworden war. 12.000 Fischer konnten nicht mehr arbeiten, weil die Fische verendet waren.

Erst in mehr als zehn Jahren wird sich das Ökosystem von dem Unfall erholt haben. Die Ölpest warf auch das „Sauberkeitsprogramm Baía de Guanabara“ zurück, das die Staatsregierung seit 1994 vorantreibt. Ursprünglich war es auf fünf Jahre terminiert und sollte 800 Millionen Dollar kosten. Das Geld stammte von der Interamerikanischen Entwicklungsbank, der japanischen Bank für internationale Zusammenarbeit und vom brasilianischen Staat. Inzwischen läuft das Programm seit dreizehn Jahren und hat mehr als eine Milliarde Dollar gekostet - aber die Bucht ist immer noch nicht sauber.

Die Politik in Rio tut heute weniger

Mindestens drei weitere Jahre seien erforderlich, sagt die Ökologin Dora Hees, Vorsitzende des „Instituto Baía de Guanabara“. Die Politik in Rio tue heute weniger für die Umwelt als noch in den siebziger und achtziger Jahren, glaubt sie. Damals, so Hees, traf der Staat schon einige Vorkehrungen zum Schutz der Natur, obwohl das Thema in Brasilien noch nicht viel Aufmerksamkeit fand. Rio habe einen der ersten Staatssekretäre für Umwelt gehabt und sei eine der ersten brasilianischen Städte gewesen, die sich um die Mata Atlantica kümmerten, den Regenwald, der sich über die Ostküste Brasiliens erstreckt, einen der am meisten bedrohten tropischen Wälder der Welt.

Der Weg zur Umwelthauptstadt sei für Rio noch weit, glaubt Dora Hees. Die schlechte Organisation der staatlichen und städtischen Umweltbehörden sei berüchtigt. Außerdem fehle es an Geld und an Personal: „Aber es ist eben kein Luxus, sich um die Umwelt zu kümmern.“ Auch der Urbanistik-Professor Elmo Amador von der Universität von Rio hat Zweifel, dass sich die Pläne des Umweltsekretariats verwirklichen lassen. Neben der „Baía de Guanabara“ sei die Müllbeseitigung die dringendste Aufgabe, sagt Amador. Eine neue Deponie ist zwar im Bau, ein Eröffnungstermin steht aber noch nicht fest. Immerhin gibt es Hoffnungszeichen: Petrobras darf zwar in der Nähe Rios einen neuen petrochemischen Komplex bauen - zum Ausgleich aber muss das Unternehmen 3,6 Millionen Bäume pflanzen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche