Von Jasper von Altenbockum
26. März 2008 Fred Bruemmer starb am 19. Juni 1984 um 10.42 Uhr vormittags. Er lag auf einem Operationstisch des Montreal General Hospital, sein Herz stand still. Die Ärzte hatten gerade einen Test gemacht und darüber beraten, wie sie seine Herzrhythmusstörungen in den Griff bekommen könnten. Bruemmer, der Naturforscher, Abenteurer, Fotograf, litt an ventrikulärer Tachykardie, die verhängnisvolle Herzattacken nach sich zog. Der Test war tödlich. Bruemmer starb eine Woche vor seinem 55. Geburtstag. Tot zu sein war erstaunlich angenehm, schrieb Bruemmer später. Glückselig schwebte er in eine andere Welt voller Licht. Das Licht war wie ein Vorhang, hinter dem ich etwas oder jemanden sah, zunächst nur vage, aber dann deutlicher.
Nach zwei Minuten und sieben Sekunden war es vorbei mit dem Blick ins Paradies. Mit einem stechenden Schmerz meldete sich das Leben zurück. Bruemmer war mit einem starken Elektroschock wiederbelebt worden. Heute ist Bruemmer einer der ältesten Überlebenden einer Herztransplantation. Mit dem neuen Herz verlor sich die Vision, die er hatte, als er klinisch tot war. Die Vision von dem, was oder wen ich hinter dem Licht gesehen hatte, blieb ausgelöscht, und alle meine Versuche, sie wieder hervorzuholen, blieben erfolglos.
Ich hasste niemanden, ich liebte niemanden, ich traute niemandem
Die alten Visionen waren stärker. Im September 1946 schaute Fred Bruemmer in das Gesicht seines Lebens. Es war nur noch eine blutige Masse, die Nase ein rotgefärbtes Loch, der Mund eine einzige Wunde mit Zähnen, die Augenhöhlen waren leer und blutrot. Das Gesicht gehörte einem Mann, der in einer Kohlegrube im Donezbecken aus Versehen mit seiner Spitzhacke auf eine nicht gezündete Sprengladung geschlagen hatte. Die Explosion zerfetzte seinen Oberkörper, doch er wurde zusammengeflickt und blieb am Leben. Er kam aus Ostpreußen, hatte dort einen Hof gehabt. In den letzten Kriegstagen musste er wieder und wieder mit ansehen, wie sowjetische Soldaten seine Frau vergewaltigten. Dann wurde er in die Kohlegrube verschleppt, ein Straflager. Wenn er Fred Bruemmer davon erzählte, starrte er ihn mit seinen blutigen Augenhöhlen an. Manchmal weinte er, und seine Tränen tropften aus den blutroten Höhlen, in denen einst Augen gewesen waren.
Bruemmer war selbst gerade erst aus einem sowjetischen Straflager im Donezbecken entlassen worden. Er traf den Mann in Frankfurt an der Oder. Bruemmer ärgerte sich über ihn. Er störte ihn. Er hatte sich Gefühle abgewöhnt, hatte Liebe und Hass verloren, hatte sich in einer Eiswüste aus Abgebrühtheit und Gleichgültigkeit eingerichtet. Ich hasste niemanden, ich liebte niemanden, ich traute niemandem. Und nun wimmerte dieser Mann um Mitleid. Mitleid war für Bruemmer ein Wort aus einer anderen Welt.
Die Natur als irdisches Paradies
Knapp zwanzig Jahre später sollte Fred Bruemmer eine Fotografie machen, die der ganzen Welt ein Gefühl von Mitleid gab. Er lag in der Eiswüste des Sankt-Lorenz-Stroms flach auf dem Boden vor einem Robbenbaby. In der Hand hielt er seine Kamera mit einem 35-Millimeter-Weitwinkelobjektiv, das ihm erlaubte, auf dem Eis bis ein paar Zentimeter vor das Junge zu kriechen und doch ein ganzes Universum einzufangen. Die kleine Sattelrobbe war gerade erst zur Welt gekommen. Ihr flaumiges Fell hatte noch eine leicht gelbe Färbung, fruchtwassergelb. Und mittendrin die Stupsnase und große schwarzbraune Augen.
Es muss zwischen dem 28. Februar und dem 2. oder 3. März gewesen sein. Dann bringen die Robbenweibchen auf den Eisschollen im südlichen Sankt-Lorenz-Strom ihre Jungen zur Welt, wenn genug Eis da ist. Wenn es kein Eis gibt, kommen die Robben im Wasser zur Welt und ertrinken. Drei Wochen nach ihrer Geburt bleiben die Jungen einsam und verlassen auf dem Eis zurück. Sie suchen schreiend nach ihren Müttern, die nie wieder zurückkehren werden. Bruemmer nahm das Bild 1965 auf. Es war einer jener Augenblicke, deretwegen er später, nach seiner Herzoperation, schreiben sollte, dass die Natur für ihn das irdische Paradies sei.
Forscher-Poet des Lebens am Ende der Welt
Die Fotografie machte ihn weltberühmt. Ein Jahr zuvor war die Protestbewegung gegen die Robbenjagd ins Leben gerufen worden, ihr Propagandafilm Die Robben rief Entsetzen über die Methoden der Robbenjäger hervor. Bernhard Grzimek zeigte 1965 und 1966 Ausschnitte des Films im deutschen Fernsehen, in dem gezeigt wurde, wie Robbenjäger den Jungen das Fell bei lebendigem Leib abzogen und sie als blutige Masse auf dem Eis liegenließen. Grzimeks Magazin Das Tier gehörte zu den ersten, die Fred Bruemmers Fotografie auf die Titelseite stellten. Auch andere Magazine wie Paris Match, Epoca und der Stern folgten, schließlich druckte es alle Welt. Das Life-Magazin zählte es später zu den hundert Fotografien, die die Welt verändert hatten. Das Motiv wurde zum Klassiker, tausendfach nachgeahmt. Bruemmer hatte dem Feldzug gegen die Robbenjagd, hatte dem Artenschutz und der jungen ökologischen Bewegung eine Ikone geschaffen. Es war nicht Bruemmers Feldzug. Doch wenn er sein Foto hauswandgroß irgendwo auf der Welt sah, konnte auch er sich der Wirkung nicht entziehen. Es hatte einfach ein ungeheures baby-appeal.
In jedem Frühjahr kam Bruemmer in die Gegend, wo er das Robbenbaby fotografierte. Sein Jahresrhythmus richtete sich mehr als dreißig Jahre lang nach der arktischen Kultur: im Frühjahr die Robben, im Sommer bei den Inuit in Kanada, Grönland, Sibirien oder Alaska, im Herbst mit der Kamera auf Eisbärpirsch. Warum die Arktis? Warum dieser Rhythmus? Weil hier eine Kultur unterging. Das musste unbedingt festgehalten werden, sagt der Fotograf. Er wurde, so nannte ihn ein Magazin nach seinen ersten Veröffentlichungen zum Forscher-Poeten des Lebens am Ende der Welt. Eines der vielen Bücher, die er im Laufe der Jahre über die untergehende Inuit-Kultur veröffentlichte, nannte er 1979 Kinder des Nordens. Mit dem Titel umarmte er eine andere Kultur, die untergegangen war, die seiner eigenen Kindheit.
Es begann die Zeit, in der er verlernte, was Mitleid ist
Immer im Mai ging es für Bruemmer als Kind in die Freiheit. Damals, in den dreißiger Jahren, hieß er noch Friedrich von Bruemmer. Aus Riga fuhr er aufs Land, wo seine Eltern den Quellenhof gekauft hatten, ein sogenanntes Restgut, das die lettische Bodenreform nach der Revolution von 1918 übriggelassen hatte. Dort blieben die Bruemmers bis in den September. Wir hatten keine Elektrizität, kein Radio, kein fließendes Wasser, nicht weit vom Esszimmer entfernt war in einem innerhäuslichen Verschlag das duftende Klosett untergebracht, schreibt Bruemmer in seinen Erinnerungen. Es war das autarke Leben schlechthin. Nichts hatten die Kinder von niemandem nötig. Doch die baltendeutsche Kultur, in der Bruemmer erzogen wurde, genoss, wie sich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs schnell zeigen sollte, die letzten Züge einer ländlichen Genügsamkeit, die seit langem dem Untergang geweiht war. 1939 kam die Umsiedlung aus Lettland in das von Deutschland besetzte polnische Gebiet, 1944 die zweite Vertreibung.
Bruemmer sollte es nicht viel anders ergehen als dem verkrüppelten Mann aus Ostpreußen, vielleicht mit dem Unterschied, dass er noch ein Kind war, dass er seine Haut retten konnte und dass er nicht mit ansehen musste, was mit seiner Mutter und seinem Vater passierte. An einem Tag Ende Januar 1945 sah er sie in einer Stadt westlich von Posen zum letzten Mal. Er wurde von seinen Geschwistern getrennt, deportiert. Es begann seine Zeit in Gefängnissen, Straflagern, Kohlegruben, schließlich im Todeslager im Osten der Ukraine, es begann die Zeit, in der er verlernte, was Mitleid ist.
Bruemmer überlebte, weil er Schutzengel hatte
Der Kommandant des Todeslagers nahm sich mehrere Male in der Woche eine Eisenstange und erschlug damit vor den angetretenen Lagerinsassen einen vor ihm knienden Gefangenen. Der hatte seit Tagen im Karzer des Lagers auf seine Hinrichtung gewartet und war deshalb halb wahnsinnig. Der Mann brach schließlich unter den Hieben zusammen, nur noch ein wimmerndes Häufchen zerschlagenen Fleisches und gebrochener Knochen. Du schaust zu, wie jeden Tag jemand erschlagen wird, wie die Leichen auf einen großen Haufen geworfen werden, gleich neben der Lagerküche, sagt Bruemmer. Da stehst du jeden Tag an, um Essen zu holen.
Bruemmer hatte Glück. Er entkam, weil er Schutzengel hatte. Einsam, verloren, ausgestoßen zu sein - es machte Bruemmer seither nichts mehr aus. Bis er bei den Eskimos erlebte, was es heißen kann, wirklich ausgestoßen zu werden. Eines Tages wollte er einen Jäger auf seinem Schlitten begleiten, um ihn bei der Robbenjagd zu beobachten. Nichts Ungewöhnliches, zahllose andere Male hatte er das schon getan. Doch dieser Jäger wollte nicht, nicht an diesem Tag. Bruemmer insistierte. Da brach der Jäger seine Vorbereitungen ab. Was dann folgte, war die zweitschlimmste Strafe, die es für Bruemmer gab: Die schlimmste war die Todesstrafe, die zweitschlimmste die Ächtung. Er hatte gegen eine Grundregel der Inuit verstoßen: Man darf nicht einem anderen Menschen seinen Willen aufzwingen und ihn dadurch in seiner Freiheit beschränken. Bruemmer nahm an den Mahlzeiten des Inuit-Lagers weiter teil. Doch die Erwachsenen ignorierten mich, die Kinder mieden mich, die Hunde knurrten mich an. Für die Inuit war er tot.
Bei den Mahlzeiten durfte er mitessen, keiner redete mit ihm, aber er durfte teilnehmen. Das Leben war wie ein permanenter stechender Schmerz. Eines Tages holte sich Bruemmer wieder sein Essen. Ekalun, der Älteste des Camps, schaute ihm zu. Dann sagte er: Du gehst den ganzen Tag allein herum wie der Wolf. Und jetzt frisst du auch wie ein Wolf. Alle lachten. Das war die Wiederaufnahme. Der Wolf mit dem Fotoapparat durfte wieder leben.
Text: F.A.Z., 03.03.2008, Nr. 53 / Seite 7
Bildmaterial: Fred Bruemmer, Fred Bruemmer/Frederking & Thaler, Fred Bruemmer/NorthWord Press, Fred Bruemmer/Optimum Publishing Company Limited, Frederking & Thaler
