Von Jörg Albrecht
11. Mai 2008 Wie wenig wir über manche Weltgegenden wissen, hat Nargis wieder einmal deutlich gemacht. Tagelang gab es keine Bilder, keine Telefonverbindungen, keine Korrespondentenberichte, nichts, was eine Vorstellung davon vermitteln konnte, wie der Zyklon im Delta des Irrawaddy-Flusses gewütet hatte. Dennoch wurde sehr schnell eine einfache Erklärung dafür gehandelt, warum Burma so hart getroffen wurde: Die Zerstörung der Mangrovenwälder habe das ganze Ausmaß der Katastrophe erst ermöglicht, erklärte der Generalsekretär der Association of Southeast Asian Nations, Surin Pitsuwan, und verwies auf Studien, die bewiesen hätten, dass es beim Tsunami vor vier Jahren nicht anders gewesen sei: Gebiete, in denen der ursprüngliche Küstenbewuchs noch vorhanden gewesen sei, hätten weit weniger Schäden erlitten.
Die Wahrheit ist: Niemand hat das je systematisch vor Ort überprüft. Eine der wenigen empirischen Arbeiten, die dazu erschienen sind, war eine kurze Notiz in Estuarine, Coastal and Shelf Science im Jahre 2005. Zwei indische Marinebiologen hatten 18 vom Tsunami heimgesuchte Fischerdörfer miteinander verglichen. Sieben davon lagen hinter einem Mangrovensaum. Das Ergebnis wurde von Fachkollegen später als statistisch hinfällig bezeichnet. Alle übrigen Veröffentlichungen, von denen jetzt wieder die Rede ist, stützten sich auf Anekdoten oder Modellrechnungen. Es gibt Vermutungen, aber keine Beweise, bestätigt der Bremer Mangrovenforscher Ulrich Saint-Paul.
Ein Ökosystem, in dem Spezialisten leben
Vielleicht sind die auch gar nicht mehr zu finden. Denn es gibt kaum noch ursprüngliche Mangrovenwälder. Jedenfalls nicht dort, wo Menschen leben. Am Beispiel Burmas wird das deutlich: Unter britischer Kolonialherrschaft besaß das Land Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts eine viertel Million Hektar unberührter Vegetation im Irrawaddy-Delta. Ein hohes Mangrovendickicht bildete eine scheinbar undurchdringliche Barriere entlang der Fluss- und Küstengewässer. Es war ein Ökosystem, das an den steten Wechsel zwischen Überflutung und Trockenheit angepasst war. Im Schlick der Mangrove überleben nur Spezialisten, die sich mit Sauerstoffknappheit und schwankendem Salzgehalt im Boden arrangiert haben. Auf Stelzenwurzeln wachsen viele Baumarten empor, in ihnen verfängt sich das Sediment und bildet bei ausreichendem Nachschub nach und nach einen Untergrund, auf dem sich später anspruchsvollere Pflanzengemeinschaften ansiedeln können. Bis dahin finden Fische, Krebse oder Garnelen ideale Laichbedingungen vor; die Fischerei war lange Zeit auch die nachhaltigste Art, Mangrovengewässer zu nutzen.
In Burma und anderswo setzte der Niedergang nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem ungehinderten Vordringen wilder Siedlungen ein. Mangrovenholz wurde in großem Maßstab verfeuert oder zu Kohle verarbeitet, die frei werdenden Flächen wurden eingedeicht und mit Reis bebaut. Ende des zwanzigsten Jahrhunderts kamen Shrimp-Farmen hinzu. Jahr um Jahr verschwanden Tausende von Hektar Wald, und was nach dem Abholzen größerer Stämme übrig blieb, hatte mit dem einstigen Zustand nicht mehr viel zu tun. Durch Satellitenaufnahmen dokumentiert ist der Verlust seit 1975: Danach schrumpfte Burmas Mangrovenbestand vor allem zwischen 1990 und 2005 noch einmal drastisch. Einzelne auch von deutschen Hilfsorganisationen unterstützte Wiederaufforstungsbemühungen konnten daran wenig ändern.
Unsicherer Lebensraum
Die Frage nach der Küstenschutzfunktion von unberührten Mangrovenwäldern kommt für Burma zu spät. Das gilt auch für alle anderen Küstenländer tropischer und subtropischer Breiten, in denen Aquakulturen und die touristische Erschließung dafür gesorgt haben, dass Menschen sich in großer Zahl in einem Lebensraum niederließen, der von Natur aus regelmäßig überflutet wird.
Mangroven sind Überlebenskünstler. Als typische Pioniergesellschaften müssen sie sich mühsam an der Schnittstelle zwischen Land und Meer behaupten. Ganze Bestände können innerhalb kürzester Zeit zugrunde gehen, wenn sich die Umweltbedingungen auch nur geringfügig ändern. Deshalb bleibt es selbst dann ein Risiko, ausgerechnet dort zu siedeln, wenn sie noch intakt sind.
Das eigentlich Erstaunliche an Mangrovenwäldern sei nicht ihre Widerstandskraft, sondern ihre Fähigkeit, immer wieder neues Terrain zu erobern, schreibt der Meeresbiologe Daniel Alongi in der jüngsten Ausgabe von Estuarine Science. Wenn ihnen der Mensch dorthin folgt, muss er zwangsläufig mit der Unsicherheit leben.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, F.A.Z.
