Walfang

Steaks aus dem Meer

Von Peter-Philipp Schmitt

16. Juni 2003 SVOLVÆR. Zuerst darf Bjørnar Willassens Enkel an Bord des Walfängers. Der fünfjährige Markus hat seinen Großvater, aber auch seinen Vater Bjørn Åge fast drei Wochen nicht gesehen. Nun klettert er über die Reling, seine elf Jahre alte Cousine Magda gleich hinterher. Nur die letzten hundert Meter dürfen die beiden bis in den Hafen von Svolvær mitfahren. Noch ist Markus zu klein, um in die Fußstapfen seines Großvaters zu treten und mit auf Walfang zu fahren. Der 62 Jahre alte Bjørnar Willassen war auch schon zwölf, als er 1953 erstmals Jagd auf die größten Säugetiere im Nordatlantik machen durfte. Magda hingegen wird wohl, wie die meisten Frauen der norwegischen Fischer, zu Hause bleiben und irgendwann einmal im Hafen warten - so wie ihre Tante und Großmutter, die an diesem kühlen Junitag am Ufer stehen, um ihre Männer zu begrüßen.

An Deck des kaum zwanzig Meter langen Boots mit dem Namen "Lofotværing", was soviel bedeutet wie "Ich bin ein Einwohner der Lofoten", ist wenig Platz. Eng war es für die fünf Besatzungsmitglieder schon, bevor sie vor Spitzbergen wohl 40 Tonnen Ladung an Bord genommen haben. Und das in nur wenigen Tagen, wie Bjørnar Willassen stolz berichtet. Bei bestem Wetter und vor allem ruhiger See hätten sie in kurzer Zeit zehn Zwergwale erlegen können. Und da die Sonne nördlich des Polarkreises seit Anfang Juni auch nicht mehr untergeht, konnten die Jäger beinahe rund um die Uhr arbeiten: Die Tiere wurden mit der Harpune geschossen, an Bord gezogen und in etwa 100 Kilogramm schwere Stücke zerlegt. Das Skelett warfen die Männer wieder ins Meer. Mehrere Tage wurde das warme Fleisch an der frischen Luft gekühlt und schließlich unter Deck in Eis verpackt. Eilig kehrten die Willassens dann nach Svolvær zurück, denn neun weitere Tiere dürfen sie in diesem Jahr noch jagen. Doch auch die anderen Walfänger nutzten das gute Wetter und lieferten in kurzer Zeit zuviel von ihrer Beute ab. Da das Fleisch in einer der insgesamt vier Produktionsstätten auf den Lofoten zunächst portioniert und danach auch verkauft werden muß, wird die "Lofotværing" wohl einige Tage im Hafen vor Anker gehen müssen. Die Mannschaft versorgt die Ladung Zwergwalfleisch darum mit neuem Eis, das einfach unter Deck geschüttet wird, bis der Bauch des Schiffes randvoll ist und wieder geschlossen werden kann.

Der Zwergwal hat seinen Namen eigentlich gar nicht verdient, auch wenn er der kleinste unter den Bartenwalen ist. Mit einer Länge von fünf bis zehn Metern und einem Gewicht von fünf bis zehn Tonnen ist er wesentlich größer als etwa ein Schweinswal, der kaum länger und schwerer wird als ein Mensch. Die Norweger nennen den Zwergwal meist "Minkehval", ein Name, der sich auch im Englischen und Deutschen eingebürgert hat. Tatsächlich stammt der Name aus Deutschland. Denn als der norwegische Walfänger Sven Foyn in der Mitte des 19. Jahrhunderts anfing, im großen Stil Wale zu jagen und dafür die Harpungranate erfand, reiste ein gewisser Herr Minke in den Norden, um von den Erfindungen Foyns zu profitieren. Von seinem Ausguck, so wird berichtet, habe Minke eines Morgens einen Wal ausgemacht und diesen sogleich als Blauwal identifiziert. Sehr zur Belustigung der Norweger, die sofort erkannten, daß es sich um ein verhältnismäßig kleines Exemplar eines Zwergwals handelte und nicht etwa um einen fünfmal so großen Blauwal. Fortan verspotteten die Walfänger den deutschen Herrn Minke, indem sie einfach jeden Zwergwal einen "Minkehval" nannten.

Auch heute noch glauben die Norweger, daß die allermeisten Deutschen die rund 80 verschiedenen Wale nicht auseinanderhalten können. Wie sonst, fragen sich die Walfänger auf den Lofoten, könnten sie sonst gegen die Jagd auf Zwergwale sein? Deren Bestand ist selbst nach Meinung fast aller Fachleute im Wissenschaftsausschuß der Internationalen Walfang-Kommission (IWC) nicht gefährdet, im Gegensatz zu den meisten anderen Walarten, die darum auch in Norwegen streng geschützt werden. Seit Jahren schon ist die Zahl der Zwergwale konstant, obwohl sie nicht nur im Nordatlantik, sondern zum Beispiel auch vor Grönland und von Japanern erlegt werden. In den norwegischen Jagdgründen leben geschätzte 118 000 Minkwale, mehr als eine Million Zwergwale sollen es insgesamt in den Ozeanen sein. Seit 1993 jagen die Norweger jedes Jahr weniger als ein Prozent ihres regionalen Bestands. Die von der Regierung vorgegebene, kommerzielle Fangquote beträgt für 2003 exakt 711 Tiere. Staatlich ernannte Walfanginspektoren begleiten jedes der 33 lizensierten Schiffe. Zudem wird von jedem gefangenen Wal eine Gen-Probe genommen, damit mittels "DNA-Fingerabdruck" nachvollzogen werden kann, ob das Fleisch irgendwann einmal illegal gehandelt wird.

Norwegen beruft sich auf sein legales Recht, Zwergwale zu jagen. Und das nicht nur, weil die Tiere jedes Jahr mehr Kabeljau und Hering verschlingen, als norwegische Fischer fangen können. Als Mitglied der IWC hat das skandinavische Land sich an das 1982 beschlossene und 1986 in Kraft getretene Moratorium gehalten und von 1987 bis 1992 keine Wale aus kommerziellen Zwecken gefangen und getötet. Für die norwegischen Fischer, deren Vorfahren vermutlich schon seit der Steinzeit jeden Sommer Jagd auf die großen Meeressäuger machten, bedeutete dies finanzielle Einbußen von bis zu 60 Prozent. Heute macht der Walfang noch etwa 25 bis 30 Prozent des Jahreseinkommens eines Fischers aus. Vorgesehen war, daß die Walbestände 1990 überprüft werden und das Moratorium gegebenenfalls wieder aufgehoben wird. Doch die IWC habe das Datum einfach verstreichen lassen, sagt Lars Walløe, Delegationsleiter Norwegens im Wissenschaftsausschuß. Norwegen fühlt sich seither nicht mehr an das Moratorium gebunden, auch weil die Regierung in Oslo sowieso von Anfang an Widerspruch dagegen eingelegt hatte, was die IWC-Regeln durchaus vorsehen.

Als sich die Walfangnationen in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zusammenschlossen, sollte eine Organisation geschaffen werden, die in erster Linie die Walindustrie unterstützt. Festgeschrieben in den Statuten wurde ein Recht der Staaten auf Nutzung ihrer Walressourcen, zugleich wollte man die Meeressäuger vor der Ausrottung schützen. Im Laufe der Jahre wandelte sich der Charakter der IWC grundlegend, die Zahl der Mitglieder wuchs und mit ihr die Zahl der Nationen, die den Walfang völlig ablehnen. Aus der Walfang-Kommission wurde eine reine Schutzorganisation, in der sich zwei Blöcke seit Jahren unversöhnlich gegenüberstehen. Heute zählen Länder wie Amerika, Großbritannien, Australien oder Deutschland, die früher zu den größten Walfangnationen gehörten, zu den schärfsten Gegnern des Walfangs. Und das, obwohl die Vereinigten Staaten zum Beispiel nach wie vor Walfang zulassen: Der IWC erlaubt ausdrücklich das sogenannte aboriginal whaling, die Jagd auf Meeressäuger durch Ureinwohner wie die Inuit, die in Alaska, Kanada und auf Grönland leben und dort nicht nur Zwergwale, sondern auch gefährdete Arten wie etwa den Finnwal erlegen. Und noch etwas ärgert viele Norweger: Daß ausgerechnet die größten Fleischexportnationen mit ihrer ganz und gar nicht artgerechten Massentierhaltung so vehement gegen den Walfang sind. Für den vom Außenministerium zur IWC entsandten Vertreter Norwegens, Odd Gunnar Skagestad, kann das kein Zufall sein: "Dabei gibt es in einer Welt, in der Menschen hungern, auch einen Markt für so gesundes Fleisch wie das von den Zwergwalen."

"Human" sollen die Zwergwale getötet werden. Dafür hat Egil Ole Øen eine Harpune mit einer Penthrit-Granate entwickelt. Vor zwanzig Jahren, sagt der Veterinärmediziner und Waffenspezialist, seien nur zwei von zehn Walen beim ersten Schuß sofort tot gewesen. "Der Todeskampf eines getroffenen Tiers dauerte manchmal Stunden." Innerhalb von nur zwei Dekaden aber hat Øen die Jagd auf Wale revolutioniert. Seine Penthrit-Granate dringt nach dem Schuß in das etwa 30 bis 35 Meter vom Boot entfernte Tier ein und explodiert in etwa 65 Zentimeter Tiefe. Dadurch wird unmittelbar ein Schock ausgelöst, der Druck wird über Blutbahnen zum Gehirn weitergeleitet und führt dort zu tödlichen Blutungen. Acht von zehn Zwergwalen sind augenblicklich tot, eine Quote, die Jäger zu Lande nicht immer erreichen. Der tote Wal dreht sich auf den Rücken, seine Flossen hängen herab, das Maul ist geöffnet. Sollte das Tier noch leben, folgt so schnell wie möglich ein Gewehrschuß. Diese norwegische Jagdmethode wird der "Vater des modernen Walfangs", wie Øen in Norwegen genannt wird, erstmals bei einem "Whale Killing Workshop" anläßlich der 55. Tagung der IWC in Berlin vorstellen.

Bjørnar Willassen hat 2500 Kronen (etwa 300 Euro) für jede seiner Penthrit-Granaten gezahlt. Der Veterinär an Bord kostet Geld, ebenso seine Mannschaft. Die Subventionen von der Regierung wurden vor langer Zeit schon gestrichen. Etwa 3500 Tonnen Walfleisch erlegen die Lofoter jedes Jahr, der Marktwert liegt bei rund 4,2 Millionen Euro. Walfang ist ein hartes Geschäft: Während Bjørnar Willassen etwa 30 Kronen (3,65 Euro) für ein Kilogramm Fleisch bekommt, zahlt er im Supermarkt von Svolvær für die gleiche Menge Steaks schon 120 Kronen. Noch aber verdient er mit dem Walfang gutes Geld, wie er versichert. Von der Idee, mit seinem Boot Touristen zum "whale watching" vor Spitzbergen zu transportieren, hält er genauso wenig wie seine Kollegen. "Von Zwergwalen sieht man ja fast nichts", sagt der Walfänger. So wären Touristen nur Ballast an Bord, genauer, sie wären "totes Fleisch", wie die Lofoter sagen.

Text: pps., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2003, Nr. 137 / Seite 9

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