Freiheit für krumme Gurken

Neue Chance für angeschlagenes Gemüse

Gurken dürfen wieder krumm sein

Gurken dürfen wieder krumm sein

01. Juli 2009 Zwei Jahrzehnte fristete sie in Europa ein Schattendasein, die krumme Gurke. Jetzt wird das Gemüse mit dem Segen der Europäischen Kommission auch mit kleinen Schönheitsfehlern im Handel erhältlich sein. Ähnlich wird es auch 25 anderen Obst- und Gemüsesorten gehen, für die die EU-Auflagen für Vermarktung verschwinden. Darunter sind beispielweise: Gurken, Möhren, Zucchini, Avocados, Bohnen, Erbsen, Pilze, Zwiebeln, Aprikosen, Pflaumen oder Melonen.

EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer-Boel, hatte sich vor längerer Zeit an die Spitze der Bewegung der krummen Gurke und der schrumpeligen Karotten gesetzt: „Es ist vollkommen sinnlos, perfekte Produkte wegzuwerfen, nur weil sie die als falsch empfundene Form haben“, sagte die dänische Politikerin. Auch Deutschland stimmte damals für die Abschaffung der Norm. Die EU-Bürokraten verteidigten sich stets, dies sei ein Wunsch des Handels gewesen, da genormte Gurken besser in eine Standardkiste passen.

Schönheitsideal für Gurken

Ilse Aigner: „Ein weiterer Schritt zur Vereinfachung und Entbürokratisierung“

Ilse Aigner: „Ein weiterer Schritt zur Vereinfachung und Entbürokratisierung“

Seit zwei Jahrzehnten galt, wie in der Verordnung 1677 aus dem Jahr 1988 festgehalten, folgendes Schönheitsideal für Gurken: Sie sollten im Idealfall „gut geformt und praktisch gerade sein (maximale Krümmung 10 mm auf 10 cm Länge). Zwischen vier Klassen (“Extra“ sowie „I“ bis „III“) wurde seither unterschieden und genau definiert, welche Farb- und Formfehler Gurken haben dürfen und welchen Krümmungsgrad.

Nur für zehn Obst- und Gemüsesorten, die allerdings rund 75 Prozent des gesamten Marktvolumens entsprechen, gibt es weiterhin die EU-Vorschriften mit der Einteilung in traditionelle Handelsklassen. Dazu zählen Äpfel, Birnen, Zitrusfrüchte, Kiwi, Pfirsiche, Pflaumen, Tafeltrauben, Erdbeeren und Tomaten. Doch selbst hier wird Europa künftig fünfe gerade sein lassen: Auch Produkte, die den EU-Standards nicht entsprechen, dürfen künftig in die Geschäfte kommen. Voraussetzung ist, dass der Kunde darauf hingewiesen wird. Mit solcherlei Auflagen sollen sich aber insbesondere Gurkenzüchter, -händler und -konsumenten nicht mehr herumplagen müssen.

Kritiker befürchten „Wühltische im Supermarkt“

Das Obst und Gemüse sieht dann zwar oftmals nicht so appetitlich aus, da aber weniger in Konserven und auf dem Müll landet, könnten die Preise sinken. Schlussendlich entscheiden aber die Supermärkte und Discounter, welche Lebensmittel sie zum Kauf anbieten.

Doch was die einen als Durchbruch empfanden, stieß bei anderen auf herbe Kritik. Der Deutsche Bauernverband warnte vor „Wühltischen“ im Supermarkt und nannte die Brüsseler Entscheidung „reine Symbolpolitik“. Qualitäts- und Güteeigenschaften seien nicht mehr klar erkennbar und das staatliche Kontrollsystem werde ausgehöhlt. Der Handel kritisiert an der Streichung der Norm, dass Vergleich- und Stapelbarkeit des Gemüses nicht mehr gegeben sein. Gerade Gurken lassen sich platzsparender verpacken, so dass in eine standardisierte Gemüsekisten dann auch immer die gleiche Menge passt.

Für Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) ist das Aus für die Gurken-Verordnung „ein weiterer Schritt zur Vereinfachung und Entbürokratisierung“. Die Ministerin hat aber noch weitergehende Pläne: Aigner will auch die EU-Normen für die zehn wichtigsten Obst- und Gemüsesorten abschaffen, die vorerst weiter gelten. Damit hätten dann auch angeschlagene Äpfel und nicht ganz tadellose Tomaten eine Chance.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa

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