Ende der Bärenjagd

„Ich bin froh, daß das Thema erledigt ist“

“Abschuß war unvermeidlich“: Landesrat Strixner (li.), Staatssekretär Bernhard

"Abschuß war unvermeidlich": Landesrat Strixner (li.), Staatssekretär Bernhard

26. Juni 2006 Braunbär „Bruno“ ist tot und die Aufregung ist groß. Bald soll er ausgestopft im Museum ausgestellt werden. Gut fünf Wochen nach seinem ersten Auftauchen in Bayern und nach zahllosen vergeblichen Versuchen, ihn lebend zu fangen, wurde das zweijährige Jungtier am Montagmorgen von Jägern mit einem einzigen Schuß aus 150 Meter Entfernung erlegt, wie der bayerische Umweltstaatssekretär Otmar Bernhard in Schliersee sagte.

Tier- und Umweltschützer reagierten empört. SPD-Politiker forderten den Rücktritt von Landesumweltminister Werner Schnappauf. Gegen den CSU-Politiker, den Tiroler Landrat Anton Steixner und gegen die Jäger gingen Morddrohungen ein.

Identität der Jäger bleibt geheim

Will ausgestopften “Bruno“ für Schliersee: Bürgermeister Scheerer

Will ausgestopften "Bruno" für Schliersee: Bürgermeister Scheerer

„JJ1“, wie das zweijährige Jungtier eigentlich hieß, wurde am Montagmorgen kurz vor fünf Uhr rund 200 Meter vor dem Ausflugslokal Rotwandhaus auf einer Almwiese oberhalb des Spitzingsees im oberbayerischen Landkreis Miesbach erschossen. Nach mehreren gefährlichen Begegnungen mit Menschen und erfolglosen Fangversuchen sei keine andere Lösung mehr geblieben, sagte Bernhard. „Wir hätten den ersten Bären seit 170 Jahren gerne in freier Natur behalten, aber er hat sich zum Risikobären entwickelt“, sagte Bernhard. Ein „normaler Bär“ sei herzlich willkommen. „Bruno“ war am 17. Mai aus Tirol und dem italienischen Trentino nach Deutschland gekommen.

Nachdem sich der Bär am Sonntag gegen 20 Uhr dem Rotwandhaus genähert habe und von den Bewohnern vertrieben worden sei, habe das von der Polizei alarmierte Landratsamt Miesbach den Abschuß in Absprache mit dem bayerischen Umweltministerium veranlaßt, erklärte der CSU-Politiker. „Bruno“ sei „schmerzlos erlegt worden - er war sofort tot“. Naturschutzleiter Christoph Himmighofen betonte: „Ein Betäubungsschuß wäre nicht möglich gewesen.“ Eine Begründung für diese Aussage wurde nicht gegeben. Wegen der Morddrohungen sollen die Identität der Jäger und der genaue Ablauf der Aktion nicht mitgeteilt werden.

„Bruno“ soll ins Museum

Der tote Bär wurde inzwischen in München von Tiermedizinern seziert. Er soll später ausgestopft und im „Museum Mensch und Natur“ am Schloß Nymphenburg ausgestellt werden. Der Schlierseer Bürgermeister Toni Scherer, der sich empört über den Abschuß äußerte und von der Todesstrafe für den Bären sprach, meldete allerdings schon die Forderung an, daß „Bruno“ im Bauernhofmuseum in Schliersee ausgestellt werde.

An dem beliebten Ausflugsziel Rotwandhaus war „Bruno“ schon am Samstagabend Mountainbikern und Wanderern begegnet. Das Risiko eines tödlichen Unfalls sei jeden Tag größer geworden: „Er läuft Wanderern nach, Wanderer laufen ihm nach - das ist äußerst gefährlich und nicht akzeptabel“, sagte Bernhard.

Tierschutzbund will klagen

Der bayerische Bärenbeauftragte Manfred Wölfl sagte, „Bruno“ sei elf Mal in Siedlungen eingedrungen, habe keine Scheu vor Menschen gezeigt und in wenigen Wochen 35 Schafe gerissen. Am vergangenen Freitag war ein finnisches Expertenteam nach zwei Wochen erfolgloser Jagd auf „Bruno“ abgereist. Am Samstag hatten Bayern und Tirol die Abschußgenehmigung für den Wochenanfang wieder in Kraft gesetzt.

Der Deutsche Tierschutzbund kündigte rechtliche Schritte gegen die Verantwortlichen an. „Wochenlang gelingt es angeblich nicht, den Bären einzufangen; kaum wird er zum Abschuß freigegeben, ist er auch schon tot“, sagte Tierschutzpräsident Wolfgang Apel in Bonn. Die Naturschutzjugend warf Schnappauf einen „Schnellschuß“ vor. Die bayerische SPD forderte seinen Rücktritt. Dagegen äußerte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) volles Verständnis für Schnappauf, wenngleich er nicht verstehe, warum „Bruno“ nicht betäubt wurde. Dies habe ihm bisher auch niemand erläutern können.

„Er ist uns ans Herz gewachsen“

Jörn Ehlers, Sprecher der Umweltstiftung WWF, bedauerte, daß der Braunbär nach wochenlanger erfolgloser Jagd schließlich getötet wurde: „Leider war das absehbar. Er ist uns ans Herz gewachsen, obwohl man auch die Gefahr sehen mußte.“

Die italienische Sektion des WWF reagierte deutlich schärfer. Präsident Fulco Partesi sagte, daß „Bruno“ Ergebnis eines Projekts zur Artenerhaltung gewesen sei - ein wieder in die Natur integriertes Exemplar aus dem Projekt „Life Ursus“ im Adamello-Brenta-Park in Südtirol. „Wir vom WWF bemühen uns um die Artenerhaltung. Andere, andernorts, schießen einfach und zerstören jahrelange Arbeit“, kritisierte Pratesi. Generalsekretär Michele Candotti sagte: „Es gibt keine Rechtfertigung für das, was heute im Morgengrauen passiert ist. Jagd auf einen Bären ist Zeichen einer Niederlage. Es gibt andere bewährte technische Maßnahmen, um Bären von bewohnten Gegenden fernzuhalten.“

„Bären der Welt, meidet Bayern!“

Der Präsident des Deutschen Naturschutzrings, Hubert Weinzierl, hat „Brunos“ Abschuß dagegen scharf kritisiert. „Das ist die dümmste aller Lösungen“, sagte Weinzierl am Montag im niederbayerischen Wiesenfelden. „Ich bin tief traurig darüber.“ Die Deutschen hätten gelassener auf den ersten eingewanderten Bären reagieren müssen, in anderen Ländern lebten Bär und Mensch friedlich zusammen. „Nur in Deutschland wird er liquidiert.“

Die gerissenen Schafe hätten ersetzt und der Braunbär mit geeigneten Maßnahmen aus den Siedlungen vertrieben werden können. Man könne nur hoffen, daß „Brunos“ Artgenossen einen Bogen um Deutschland machen, sagte der Naturschutzchef. „Bären der Welt, meidet Bayern!“ Der Freistaat, der sich gerne als führend im Naturschutz darstelle, sei damit „auf lange Zeit belastet“.

Der Jägerverband hat mit Bedauern auf den Abschuß von Braunbär „Bruno“ reagiert. „Die Stimmung in unserem Haus ist gedrückt“, sagte der Sprecher. „Wir bedauern den Abschuß, aber er war wohl notwendig“, fügte er hinzu.

Schüssel: „Persönlich tut es mir leid“

In Österreich löste die Abschußaktion unterschiedliche Reaktionen aus. „Persönlich tut es mir leid“, sagte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel in Wien. Allerdings gelte es abzuwägen, „wenn die Gefahr täglich größer wird und möglicherweise auch dem Menschen Gefahr durch den Bären droht“. Der Tiroler Landesrat Anton Steixner, der den Bären wie Bayern zum Abschuß freigegeben hatte, reagierte erleichtert: „Ich bin froh, daß das Thema erledigt ist.“

Text: FAZ.NET mit Material von AP, dpa
Bildmaterial: dpa

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