Tschernobyl

Zu Besuch am Sarkophag

Von Konrad Schuller, Tschernobyl

Tschernobyl, Reaktor vier: Der Sarkophag bröckelt

Tschernobyl, Reaktor vier: Der Sarkophag bröckelt

19. April 2006 Zuletzt ist der Zug so langsam geworden, daß man im Fahren absteigen könnte. Die Diesellokomotive hat die Leistung gedrosselt, seit sie aus der äußeren Sperrzone mit ihren sechzig Kilometern Durchmesser in die innere vorgestoßen ist.

Seit dem 26. April 1986, als kurz nach Mitternacht in Block vier des Kernkraftwerks zwei gewaltige Explosionen die tausend Tonnen schwere Reaktorabdeckung wie einen Topfdeckel wegsprengten und die größte Katastrophe in der Geschichte der zivilen Kernenergienutzung ihren Lauf nahm, fahren hier nur noch die, die müssen: Wachmannschaften für die verstrahlte Ruine und Bedienpersonal. Das Gleis ist vernachlässigt, wie alles in der Zone. Die Wagen sacken krachend in die Fugen, der Lokomotivführer fährt die Drehzahl herunter.

Nuklearer Brennstoff wurde tonnenweise in die Umgebung geschleudert

Nuklearer Brennstoff wurde tonnenweise in die Umgebung geschleudert

Zehn Tage hat das Kraftwerk damals gebrannt. Die Wucht der Explosion schleuderte von den etwa 180 Tonnen nuklearen Brennstoffes im Reaktor möglicherweise bis zur Hälfte in die Umgebung, wieviel genau, weiß bis heute niemand. Der aufsteigende Rauch griff die toxische Fracht auf, breitete sie wie schwarzen Puderzucker auf die Landschaft, trug sie von der Ukraine bis nach Skandinavien, Böhmen und Bayern.

In der Zone ist das Leben längst erloschen

Die Folgen der Verstrahlung sind bis heute kaum abzuschätzen. Eine Studie des von den Vereinten Nationen (UN) zusammen mit Rußland, der Ukraine und Weißrußland initiierten „Tschernobyl-Forums“ nimmt an, daß insgesamt etwa 9000 Menschen an strahleninduzierten Krankheiten sterben werden. Die Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs“ (IPPNW) dagegen hält allein bei den Rettungsmannschaften mindestens 50.000 Opfer für wahrscheinlich.

Hier in der Zone jedenfalls ist das menschliche Leben schon längst erloschen. Die Werksbahn zum Reaktor rollt gespenstisch langsam durch die wuchernde Vegetation des Evakuierungsgebiets, vorbei an geknickten Telegraphenmasten, versinkenden Traktoren, eingefallenen Bauernkaten. Zuletzt wird der Fahrdamm höher.

„Welcome to Hell“

Das Gleis hebt sich über den Deich eines mächtigen Flusses, der Horizont öffnet sich, und durch die Streben einer Eisenbrücke öffnet sich der Blick. Ein grauer, fensterloser Koloß thront abweisend im flachen Land, umgeben von unvollendeten Kühltürmen, Schrotthalden, zerfallenden Zäunen. Auf einer Mauer steht: „Welcome to Hell“: Tschernobyl.

Nachdem die Explosion den Reaktorblock vier des Kraftwerks zerfetzt hatte, errichtete die Sowjetmacht innerhalb von wenigen Monaten jenen Betonsarkophag, der das zerstörte Kraftwerk bis heute bedeckt. Weil jede Minute Arbeit lebensgefährlich war, nahm man sich keine Zeit für Planung, Räumarbeiten, Fundamente. Der zersprengte Schutt des Kraftwerks wurde zusammengebaggert, die gewaltigen Stahlträger und turmhohen Betonplatten, die wie ein Kartenhaus aus Stahl und Beton den gegenwärtigen „Sarkophag“ ausmachen, wurden lose und ohne ordentliche Verankerung einfach oben aufgelegt.

Das Innere kennt niemand genau

Arbeiter sollen den Sarkophag stabilisieren

Arbeiter sollen den Sarkophag stabilisieren

Das Innere dieser wackligen Grabkammer kennt niemand genau. Nur wenige Expeditionen waren nach der Detonation im Kraftwerk, die Strahlung ist in vielen Räumen tödlich, und die paar existierenden Fotos der Innenräume geben nicht viel Aufschluß. Sie zeigen ein Chaos von eingestürzten Wänden, zerfetzten Kabeln und Maschinenteilen, bedeckt von Staub und Rost.

Durch die unteren Stockwerke zieht sich eine Kaskade erstarrter, glasiger Lava - der gewesene Reaktorkern, eine Schmelze von vermutlich weit mehr als hundert Tonnen Kernbrennstoff, nuklearen Spaltprodukten und Reaktormaterial. Wie die Stalaktiten einer Tropfsteinhöhle strömt die erstarrte Glut abwärts, bildet skurrile Formen und sammelt sich schließlich in den Regenwasserlachen, die durch die Lecks der äußeren Betonverkleidung im Laufe der Jahre eingedrungen sind und die Keller des Kraftwerks als radioaktive Strahlensuppe füllen.

Die Gefahren dieser Ruine

Kurz nach der Katastrophe - Wie es heute unter dem Sarkophag aussieht, weiß niemand

Kurz nach der Katastrophe - Wie es heute unter dem Sarkophag aussieht, weiß niemand

Das Nuklearmaterial, das in diesen Trümmern liegt, wäre theoretisch genug, um die nukleare Kettenreaktion, die nach den Explosionen vor zwanzig Jahren schließlich gestoppt werden konnte, wieder in Gang zu setzen. Die Experten sind sich jedoch darüber einig, daß der Brennstoff, zerborsten und verstreut wie er ist, kaum „von selbst“ wieder aktiv werden kann.

Die Gefahren dieser Ruine sind bis heute kaum erforscht. Unbestritten ist, daß der hastig hochgezogene Sarkophag einem Orkan, einem Erdbeben oder einer Überschwemmung möglicherweise nicht standhalten würde. Schon heute fällt er an allen Ecken auseinander. Stahl und Beton bröseln und zerbrechen. Durch meterbreite Löcher und Risse dringt Regen ins Innere. Die Eisenträger verrosten, der Schornstein hat sich geneigt, und Fachleute sind sich einig, daß das Dach bald einstürzen könnte. Dann könnte der radioaktive Feinstaub, der durch die Zerfallsprozesse im Inneren immer neu entsteht, aufgewirbelt und ins Freie getragen werden.

Die Erleichterung war verfrüht

Das Verhalten der Nuklearlava unter den ehemaligen Reaktorräumen gibt den Forschern Rätsel auf. Lange galten die glasig erstarrten Ströme als kontrollierbar - hoch radioaktiv, aber mechanisch so stabil, daß eine Ausbreitung der Strahlung nicht zu befürchten schien. Mittlerweile aber hat sich gezeigt, daß die Erleichterung möglicherweise verfrüht war.

Die Reaktorschmelze ist mechanischer Erosion ausgesetzt und trägt bei zu den ständig neu entstehenden Feinstäuben im Sarkophag. Außerdem hat sich neuerdings gezeigt, daß bestimmte Uranverbindungen in der Lava wasserlöslich sind. Sie bilden gelbliche Schlieren an der Oberfläche, tropfen in die Regenpfützen der Keller und versickern im Grundwasser.

„Die Bedeutung dieses Phänomens ist unbekannt“

„Die Bedeutung dieses Phänomens ist unbekannt“, schreiben die Fachleute des „Tschernobyl-Forums“. Allerdings gibt die gleiche Studie zugleich die Auskunft, daß das Grundwasser radioaktives Material nur sehr langsam transportiere, und man deshalb erst um das Jahr 2800 damit rechnen müsse, daß die versickernde Strahlung in die Flüsse gerät.

Nach Ansicht mancher Fachleute, etwa des Briten John Large, der im Auftrag der russischen Regierung an der Bergung des verunglückten Atom-U-Bootes „Kursk“ beteiligt war und für die Umweltorganisation Greenpeace die Risiken von Tschernobyl eingeschätzt hat, gehen allerdings die größten Gefahren nicht vom Reaktor aus, sondern von seiner Umgebung.

Eines der gefährlichsten Gewässer der Welt

Das größte Risiko stellt dabei der Kühlteich des Kraftwerks dar, ein gewaltiges Wasserbecken unter freiem Himmel. Dieses Becken hat bei der Explosion vor zwanzig Jahren einen großen Teil des nuklearen „Fallouts“ aufgenommen. Während der Aufräumarbeiten wurde tonnenweise kontaminierter Abfall hineingekippt, so daß der See von Tschernobyl heute als eines der gefährlichsten Gewässer der Welt gilt.

Besonders tückisch ist dabei, daß sein Wasserspiegel seinerzeit aus technischen Gründen durch hohe Dämme sieben bis zehn Meter weit über das Niveau des unmittelbar daneben verlaufenden Flusses Pripjat hochgestaut worden ist. Heute schon sickert kontaminiertes Wasser über das Grundwasser ab, und sollte eines Tages ein Damm brechen, könnte nach Larges Befürchtung die entstehende Flutwelle die Wasserversorgung von 38 Millionen Menschen in Gefahr bringen - der Pripjat nämlich mündet knapp unterhalb von Tschernobyl in den Dnjepr und dieser wiederum versorgt die Millionenstädte Kiew und Dnjepropetrowsk.

Von einem schlüssigen Konzept weit entfernt

Die Ukraine ist von einem schlüssigen Konzept zur Beherrschung dieser Risiken weit entfernt. Kurzfristig wird zwar einiges getan. Am „Sarkophag“ sind Stabilisierungsarbeiten im Gang, die das Gebäude so lange sichern können, bis - nach gegenwärtiger Planung Ende 2008 - ein vollkommen neues, 108,39 Meter hohes Bogendach das gesamte Kraftwerk abdecken soll. Dieses „New Safe Confinement“ wird von den G-7-Staaten, der Europäischen Union und Rußland mitfinanziert und soll nach heutiger Rechnung 1,1 Milliarden Dollar kosten.

In seinem Inneren soll eines Tages die Ruine von Tschernobyl komplett abgebaut und zur sicheren Lagerung vorbereitet werden, doch sein Zweck ist umstritten. Fachleute wie John Large bemängeln, daß die neue Superhalle zum Rückbau des havarierten Reaktors technisch nicht geeignet sei und sagt voraus, daß etwa im Jahr 2110, wenn die Lebensdauer der Bogenkonstruktion ihrem Ende zugehe, das Problem „Tschernobyl“ ungelöst auf die dann lebende Generation zurückfallen werde.

Fragen bleiben unbeantwortet

Auch jenseits solcher in nuklearen Rechnungen ausgesprochen kurzer Fristen bleiben Fragen unbeantwortet. Die „Zone“ rund um die Ruine ist bis heute mit möglicherweise bis zu 1000 provisorischen Atommülldeponien bedeckt, die im Jahr der Havarie planlos als offene Gruben angelegt, mit Explosionsschutt und verseuchter Erde gefüllt und einfach zugeschüttet wurden. Um die Strahlengifte darin zu erkennen, zu sortieren und lagerfähig zu verpacken, müßte nach Larges Schätzung die unvorstellbare Menge von 21 Millionen Kubikmetern Material bearbeitet werden. Wollte man daraus einen Haufen von der Traufhöhe einer Berliner Mietskaserne aufschütten, würde dieser einen knappen Quadratkilometer bedecken.

Lagermöglichkeiten für das toxische Material des Reaktors und der Deponien bestehen nicht, und es gibt auch keine konsistente Planung für sie. Theoretisch müßten für „kurzlebige“ Abfälle mittlerer oder geringer Strahlung zahlreiche Endlager gebaut werden, die als bedeckte Betonwannen knapp unter der Erde bis zum Jahr 2400 durch technisches Personal instand gehalten und durch Wachtrupps gesichert werden müßten. In ihnen würden diejenigen Strahlengifte untergebracht, die, wie Strontium oder Cäsium, in etwa 300 Jahren den größten Teil ihrer Giftigkeit verloren haben. Allerdings ist bislang erst ein solches Lager in Tschernobyl geplant, und der Bau durch die französische Firma Framatome verzögert sich gegenwärtig.

Stoffe bleiben zum Teil viele Millionen Jahre tödlich

Die länger und intensiver strahlenden radioativen Stoffe, etwa die Lava des Reaktorkerns, müssen dagegen auf ewig mehrere hundert Meter unter der Erde gelagert werden. Da solche Stoffe zum Teil viele Millionen Jahre tödlich gefährlich bleiben, kann nicht daran gedacht werden, sie so lange zu bewachen, bis sie nicht mehr strahlen. Diese Lager sollen deshalb, sobald sie voll sind, zugeschüttet und sich selbst überlassen werden. Statt einer Bewachung soll dann die große Tiefe der Stollen etwaige Eindringlinge und auf lange Sicht auch die Wirkung neuer Eiszeiten oder veränderter Meeresspiegel fernhalten. Allerdings ist ein solches Tiefen-Endlager noch nie errichtet worden - und auch in der Ukraine haben die Planungen gerade erst begonnen.

Aus all diesen Gründen ist es umstritten, ob das Problem „Tschernobyl“ jemals gelöst werden kann. Das Tschernobyl-Forum und die IAEA sind einerseits der Ansicht, das nach etwa 300 Jahren „institutioneller Kontrolle“, wenn die kurzlebigen radioaktiven Stoffe, die den größten Teil der Verseuchung ausmachen, abgeklungen sind, die heutige „Zone“ der Menschheit wieder zurückgegeben werden kann. Large ist da skeptischer. Auch nach dem Jahr 2400 nämlich wird der Boden um Tschernobyl mit langlebigen Spaltprodukten belastet bleiben, und angesichts der ungeheuren Mengen verstrahlter Oberfläche sei die adäquate Entseuchung „fast nicht zu erreichen“. Die „Zone von Tschernobyl“ also wird bis auf weiteres ein verbotener Ort bleiben. „Vielleicht“, meint Large, „für immer.“

Text: F.A.Z. vom 19.4.2006
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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