Atomkraft

Organisationen streiten über Tschernobylopfer

Pripjat - hier lebten die Arbeiter des Kraftwerks

Pripjat - hier lebten die Arbeiter des Kraftwerks

18. April 2006 Die Atomkatastrophe von Tschernobyl ist laut Greenpeace vermutlich für den Krebstod von mehr als 90.000 Menschen verantwortlich. Die Umweltschutzorganisation übte am Dienstag harsche Kritik am Tschernobyl-Forum, das mit insgesamt 4.000 Toten rechnet.

Bislang seien lediglich 56 Todesfälle mit der Katastrophe vom 26. April 1986 in Zusammenhang zu bringen, hatte das Tschernobyl-Forum erklärt, dem unter anderem die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) angehört. Iwan Blokow vom Greenpeace-Büro in Rußland sagte im Hinblick auf diese Zahlen, es sei „empörend, daß die IAEA die Folgen des schwersten nuklearen Unfalls in der Geschichte der Menschheit schönfärbt“. Damit würden „Tausende Opfer beleidigt“.

Deutlich erhöhte Sterblichkeitsrate

Die Stadt wurde geräumt

Die Stadt wurde geräumt

Auch die Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs“ (IPPNW) hatte bereits eine Untersuchung vorgelegt, wonach die Opferzahlen wesentlich höher waren. Die Vorsitzende Angelika Claussen warf dem Tschernobyl-Forum vor, die Zahlen manipuliert zu haben. Das Interesse rühre aus der Zusammensetzung des Forum: Die Internationale Atomenergiebehörde sei schon durch ihre Satzung dazu verpflichtet, die Nutzung der Kernenergie zu fördern. (Siehe: Tschernobyl: Manipulierte Opferzahlen?)

Die niedrigen IAEA-Zahlen haben laut Greenpeace zur Folge, daß wieder mehr Menschen in den kontaminierten Regionen angesiedelt werden. Zahlen aus Weißrußland deuteten darauf hin, daß es in der Umgebung des Reaktors 270.000 Fälle von strahlenbedingten Krebserkrankungen gebe, erklärte Greenpeace. Etwa 93.000 davon dürften nach Angaben der Organisation tödlich verlaufen.

Laut einem Bericht des Zentrums für unabhängige Umwelt-Bewertung (CIEA) der russischen Akademie der Wissenschaften ist außerdem im Westen Rußlands eine deutlich erhöhte Sterblichkeitsrate zu beobachten.

Weitere dramatische Gesundheitsschäden

In den vergangenen 15 Jahren seien 60.000 Menschen mehr gestorben als laut den demographischen Daten zu erwarten gewesen wäre, heißt es in einer Erklärung des internationalen Büros von Greenpeace. Ursache sei die radioaktive Strahlung, die bei dem GAU ausgetreten sei. In der Ukraine und Weißrußland sei mit weiteren 140.000 Todesfällen zu rechnen.

Neben Krebserkrankungen habe der Unfall bei den Menschen in der Umgebung des Unglücksreaktors weitere dramatische Gesundheitsschäden verursacht, erklärten die Umweltschützer. So hätten Schädigungen des Immun- und endokrinen Systems unter anderem zu Herz-, Gefäß- und Bluterkrankungen, zu Veränderungen des Erbguts und vermehrten Fehlbildungen bei Föten und Kindern geführt. Nach Angaben des Tschernobyl-Forums gehen dagegen viele Gesundheitsprobleme der Überlebenden auf einen ungesunden Lebensstil und ein Gefühl der Ohnmacht und des Opfer-Seins zurück.

Text: FAZ.NET mit AP
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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