Von Carl-Albrecht von Treuenfels, Frankfurt
16. Dezember 2004 Zu den Big Five, den fünf großen Wildtierarten, die früher ein Afrika-Jäger erlegt haben mußte, um als erfolgreich zu gelten, gehörte neben Elefant, Nashorn, Löwe und Leopard der Kaffernbüffel, auch als Steppenbüffel bezeichnet. Unter den mit der Kamera bewaffneten Safaritouristen haben die fünf Großen heute immer noch eine große Bedeutung. Nicht wenige Reisende, die an der afrikanischen Fauna interessiert sind, suchen das Gebiet ihres Besuches danach aus, ob dort die Möglichkeit besteht, alle fünf Tierarten zu sehen.
Die Büffel, auch heute noch in vielen afrikanischen Staaten eine begehrte Jagdbeute, machen es den Beobachtern meistens am leichtesten. Das gilt aber nur für die mächtigen Steppenbüffel, die wegen ihrer Hautfarbe auch Schwarzbüffel genannt werden. Da sie überwiegend in der offenen Savannenlandschaft und in Galeriewäldern leben und in vielen Staaten Mittel- und Südafrikas weit verbreitet sind, gehört schon viel Pech dazu, sie auf einer Safari nicht zu erblicken.
Ein verstecktes Leben
Ganz anders ist es mit dem Wald- oder Rotbüffel, der in den tropischen Urwäldern Ost-, Zentral- und Westafrikas zu Hause ist. Er führt ein verstecktes Leben und ist deshalb bisher weit weniger erforscht als der große schwarze Steppenbüffel. Lange war zwischen Wissenschaftlern der Grad der Verwandtschaft zwischen beiden Büffeln umstritten. Obwohl es im Aussehen, im Verhalten und in der Lebensweise viele Unterschiede zwischen ihnen gibt, werden sie von den meisten Zoologen in zwei Unterarten derselben Art Syncerus caffer zugeordnet.
Dafür spricht vor allem die Tatsache, daß sich Steppenbüffel und Waldbüffel in den Übergangszonen ihrer Verbreitungsgebiete erfolgreich paaren. Wer aber das seltene Glück hat, die Waldbüffel in freier Wildbahn zu erleben, kann leicht glauben, er habe eine völlig andere Tierart vor sich. Auf den ersten Blick ähneln vor allem die kleineren Kühe mit ihrem roten Fell eher Antilopen als Rindern, zumal wenn sie sich in der Nähe der großen Bongo-Antilopen aufhalten, mit denen sie den Lebensraum teilen. Aber auch die mit einer Schulterhöhe von etwa 100 Zentimetern großen dunkelbraun bis schwarz gefärbten Bullen bleiben um knapp die Hälfte und im Gewicht um fast ein Drittel hinter einem Bullen des Steppenbüffels zurück, der über 800 Kilogramm wiegen kann.
Nichts für Trophäenjäger
Einen bedeutenden Unterschied gibt es auch beim Gehörn. Während die Steppenbüffel weit ausladende, anfangs nach außen geschwungene und mit den Spitzen wieder nach innen weisende Hörner tragen, die aus einem mächtigen Stirnhelm wachsen, weisen die kurzen Hörner des Waldbüffels nach hinten und oben. Der Stirnhelm fehlt bei ihm völlig. Deshalb und weil sie schwer aufzuspüren sind, stehen die Waldbüffel bei Trophäenjägern von jeher nicht besonders hoch im Kurs.
Der Waldbüffel hat sich in seinem Verhalten gut seinem Lebensraum angepaßt, und das zeigt sich auch bei großer Hitze. Anders als viele Menschen haben Tiere ohnehin ein besonderes Verständnis dafür, wie man sich schützt. In Deutschland kann man das im Sommer auch in den Zoos beobachten: Affen essen mit Vorliebe wasserhaltige Früchte, Bären und Tiger legen sich ins Wasser, Vögel sperren den Schnabel auf, und fast alle Tiere legen sich bei Mittagshitze in den Schatten.
Die Dörfer der Tiere
Das haben Waldbüffel in freier Natur gar nicht nötig. Bei großer Hitze suchen sie nicht unbedingt den Schatten der Bäume auf, sondern ziehen auf eine Lichtung, wo sie statt der Blätternahrung des Waldes Gras äsen. Dort suchen sie auch Kühlung in einem Fluß oder einer schlammigen Wasserlache. Im zentralafrikanischen Regenwald gibt es viele Lichtungen, die meist von Waldelefanten von Bäumen freigehalten werden. Häufig fließen in ihnen kleine Flüsse oder Bäche, oder es treten sogar Quellen zutage.
An diesen Stellen sammeln sich neben anderen Tieren die Waldbüffel, setzen sich in Wasser und Schlamm und suhlen sich. Das hat gleich mehrere Vorteile: Sie können dort soviel trinken, wie sie wollen; sie vertragen auch trübes Wasser. Die Schlammkruste, die sich unvermeidlich auf ihrem Fell bildet, wehrt Insekten ab, was im an Moskitos und Stechfliegen reich gesegneten Afrika von großem Vorteil ist. Die Erdkruste hält zudem die Feuchtigkeit auf der Haut und kühlt sie ab. Außerdem erfrischen sich die Tiere in Schlamm und Wasser gut von unten. Rundum geschützt, verbringen sie so stundenlang dösend auf diesen Bais, den Dörfern der Tiere beziehungsweise der Elefanten, wie die Pygmäen diese baumfreien Plätze bezeichnen
Begehrte Beute für Pygmäen
Aber gerade beim gemütlichen Bad müssen sie aufpassen. Bei den Pygmäen, von denen noch immer einige Stämme in den zentralafrikanischen Wäldern wie ihre Vorfahren mit Netzen und Speeren auf die Jagd gehen, ist ein Waldbüffel eine begehrte Beute. Allerdings sind die Tiere außerhalb der Lichtungen schwer zu entdecken. Anders als die Steppenbüffel, die in Herden von bis zu 2000 Tieren in der Savanne zusammenleben, ziehen die Rotbüffel in kleinen Familienverbänden von sechs bis zwölf Tieren durch den dichten Wald. Werden sie außerhalb natürlicher Deckung überrascht, bauen sie sich frontal zum vermeintlichen oder wirklichen Feind nebeneinander auf. Genügt das nicht, um sich Eindruck zu verschaffen, setzen sie sich in Bewegung.
Meistens aus Neugierde oder aus Unsicherheit, denn Büffel können schlecht sehen. Doch ein Bulle, der um seine Kühe fürchtet, oder eine Kuh, die ihr Kalb verteidigen will, ist nicht zu unterschätzen. In der Regel aber ziehen die Tiere die Flucht vor. Neben dem Menschen, der zusehends durch die Rodung des Tropenwaldes seinen Lebensraum zerstört, muß der Waldbüffel nur den Leoparden fürchten. Mit den anderen großen Waldbewohnern wie Waldelefant, Flachlandgorilla, Schimpanse, Bongo und Riesenwaldschein hat er keine Probleme: Eine heiße Weihnacht begeht der Waldbüffel also nur, was das Klima angeht.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.12.2004, Nr. 295 / Seite 8