Wildtiere

Der Wolf ist kein Wellensittich

Von Eckart Lohse

Wolf in der Lausitz

Wolf in der Lausitz

18. Januar 2008 Der Kellner bringt Schweinefilet, den fleischgewordenen Triumph des Menschen über das Tier. Es ist Donnerstagabend. Die Mitglieder des Rotary-Clubs Kleinmachnow sind zu ihrem allwöchentlichen Treffen zusammengekommen. Vorstandsmitglied Peter Braun hebt eben Messer und Gabel, als sein Mobiltelefon klingelt. Nach kurzem Gespräch verschwindet er kommentarlos. Eine halbe Stunde später ist er zurück. Seinem tadellosen Äußeren ist nicht anzumerken, wo er war. Braun ist leidenschaftlicher Jäger. Er gehört zu den wenigen, die eine Sondergenehmigung zum Jagen in dem knapp 20.000 Einwohner zählenden Städtchen Kleinmachnow im Südwesten Berlins haben. Auf die Frage der jungen Clubpräsidentin, wo er gewesen sei, gibt er zur Antwort, er habe ein Wildschwein erschossen.

Städte sind für die Jagd tabu. Doch im vorigen Jahr war der Druck so groß geworden, dass die Untere Jagdbehörde erstmals den Abschuss von Wildschweinen im dichtbesiedelten Kleinmachnow erlaubte. Waren die Tiere vor zwei, drei Jahren noch ausschließlich nachts gekommen, um das breite Nahrungsangebot der Ziergärten zu durchpflügen, verloren sie allmählich auch tagsüber jede Scheu. Immer öfter geschieht es, dass das Wildschwein am Sonntagmittag nicht mehr auf dem Teller liegt, sondern auf der Terrasse steht oder an der Ampel. Mal allein, mal als zehnköpfige Rotte.

Reale Bedrohung des Menschen durch das Wildschwein

Von wegen scheu: Elch in einem kanadischen Garten

Von wegen scheu: Elch in einem kanadischen Garten

Auch wenn die Jäger noch sagen, es handele sich mehr um eine Belästigung als um eine Bedrohung, ist klar, wer bei einer Kollision zwischen Schwein und Mensch den Kürzeren zöge. Im vergangenen Sommer hat eine Wildschweinbache in der Oberlausitz sogar eine Wölfin getötet. Cord Riechelmann, Autor des Buches „Wilde Tiere in der Großstadt“, bezeichnet es als „real“, dass sich der Mensch mittlerweile vom Wildschwein bedroht fühlt - in Berlin leben inzwischen einige tausend. Ein Beleg für das Gefühl des Bedrohtsein ist, dass sich zwei Wildschweine bis auf das Gelände einer Kindertagesstätte nahe dem Alexanderplatz vorgearbeitet haben.

Das Phänomen ist aber weder auf Berlin noch auf Deutschland beschränkt und ebensowenig auf die Wildschweine. Marder waren mit die ersten in die Städte vordringenden wildlebenden Säuger. Noch sichtbarer als sie gehören Füchse zum selbstverständlichen Inventar europäischer Großstädte. Das erste massenhafte Auftreten von Füchsen erlebte London schon im Zweiten Weltkrieg, als die bis dahin zur Regulierung der Bestände unerlässlichen Fuchsjagden kaum noch stattfanden. Kojoten werden in Chicago oder in New York angetroffen. Es gibt Städte in den rumänischen Karpaten, in denen sich nachts Wölfe und Bären um den Inhalt von Müllcontainern streiten und bei Anbruch des Tages auf dem Rückweg in die Wälder den Menschen auf deren Weg zur Arbeit begegnen.

In Berlin leben mittlerweile fünfzig Säugetierarten

Der Biologe Josef H. Reichholf kommt in seiner 2007 veröffentlichten Untersuchung zu dem Schluss, dass auf den hundert Quadratkilometern Fläche Münchens nahezu dieselben Arten „in fast derselben Artenzahl“ vorkommen wie im mehr als fünfmal so großen benachbarten Landkreis Dachau. In Berlin leben mittlerweile fünfzig Säugetierarten. Das sind zwei Drittel aller in der ländlichen Umgebung der Hauptstadt auftauchenden Säuger. Ähnlich ist das Verhältnis bei den Vogelarten.

Die eine, weltumspannende Erklärung dafür, dass immer mehr Tiere ihren Erstwohnsitz in die Stadt verlegen, gibt es nicht, immerhin aber einige flächendeckend geltende Motive. Das wohl entscheidende ist das für Wildtiere großzügige Nahrungsangebot in den Städten. Die Pflanzenvielfalt ist oft größer als zumindest in den landwirtschaftlich monokulturell genutzten und stark gedüngten Flächen außerhalb der Städte. Zudem haben viele Tiere sich an das Fressen des von den Menschen hinterlassenen Mülls gewöhnt - samt Verpackung. Auf der Speisekarte der alljährlich in das kanadische Städtchen Churchill einfallenden Eisbären haben Styroporverpackungen einen festen Platz. Die Städte sind zumindest im Winter wärmer als das Umland, trockener zudem und bieten unterschiedlichste Kleinstklimata. Vor allem aber haben die lernfähigen Tiere schnell herausbekommen, dass sich der Blick des Menschen auf sie verändert hat. Der landwirtschaftspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, der CDU-Politiker Peter Bleser, sagt, das breite Vordringen der Tiere in die Städte sei eine Entwicklung der vergangenen Jahre und auch eine Reaktion der Tiere darauf, wie der Mensch mit ihnen umgehe. Habe er sie lange als Konkurrenten angesehen, so betrachte er sie mehr und mehr als „Mitgeschöpfe“.

Hupen ist sinnlos

Zwar ist die Zahl der Jäger in Deutschland von etwa 225.000 im Jahr 1970 auf heute annähernd 350.000 gewachsen. Doch haben sie durch die steigende Bedeutung von Umwelt- und Tierschutz einen schwierigeren Stand. Als eine der ersten europäischen Städte verhängte Genf im weiteren Umland ein Jagdverbot, um die Rebhühner zu schützen. Doch das begriffen auch die Wildschweine schnell und marschierten Richtung Stadt. Gerade die Wildschweine sind enorm lernfähig. Ihnen ist klar, dass der Mensch nur in der freien Wildbahn (nämlich als Jäger) eine Gefahr ist, nicht aber in der Stadt. Reicht im Wald das Knistern einer Jacke, um die scheuen Tiere zu verscheuchen, gelingt das in der Stadt oft nicht mal mit einer Autohupe.

Manche Wissenschaftler, wie etwa Reichholf, sehen im städtischen Lebensraum viele Vorteile für die Tiere. Die naturschutzpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Undine Kurth, hat zwar nichts dagegen, den Tieren städtischen Lebensraum zu überlassen, sieht sie jedoch durch die moderne Landwirtschaft aus ihrem ursprünglichen Lebensraum verdrängt: „Wir haben nicht mehr die typische Situation mit Feldern, Ställen und Scheunen, sondern einen industriell landwirtschaftlichen Komplex.“ Der sei für die Tiere nicht sehr attraktiv. Von daher ist ihr Urteil über das neue, städtische Lebensumfeld vieler Tiere nicht so positiv: „Mir tun diese Kreaturen unendlich leid, weil sie in eine Umgebung kommen, für die sie nicht vollständig ausgerüstet sind.“

Wildtiere mit Migrationshintergrund

Die meisten Wildtiere mit Migrationshintergrund integrieren sich für den Menschen weitgehend problem- und gefahrlos in den Städten. Von daher ist es erst einmal erfreulich, dass Stadtkinder Füchse nicht mehr nur als Gänse jagende Tollwutüberträger kennenlernen, sondern als den tierischen Normalfall neben Amsel und Eichhörnchen. Doch seit jeher hat das Vordringen von Tieren in seinen Lebensraum auch die Angstphantasien des Menschen beflügelt. Das reicht von Rotkäppchen über Hitchcocks Vögel bis hin zu Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“, in dem krebsähnliche Tiere New York erobern. Und so nett ein junger Fuchs auch anzusehen ist, in manchen Regionen Deutschlands überträgt er eben doch noch die Tollwut oder den Fuchsbandwurm. Wölfe oder Wildschweine sind nun mal keine Wellensittiche.

Vor zwei Monaten fiel ein zumindest regional prominenter Politiker der Attacke wilder Tiere in seinem Haus zum Opfer. Sawinder Singh Bajwa, stellvertretender Bürgermeister der indischen Hauptstadt Delhi, wurde von den seit langem immer dreister in die Städte eindringenden Affen auf seinem Balkon bei der sonntäglichen Zeitungslektüre gestört. Bei dem Versuch, sich der Tiere zu erwehren, stürzte er vom Balkon und erlag wenig später seinen Verletzungen. Nicht nur in Delhi schlug die Angelegenheit Wellen. Die Zeitung „International Herald Tribune“ widmete dem Thema eine große Kolumne - auf einem Platz, auf dem es sonst um den Irak-Krieg oder die Weltkonjunktur geht.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.01.2008, Nr. 2 / Seite 12
Bildmaterial: AP, Körner

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