Sahelzone

Auf Trockenheit muß kein Hunger folgen

Von Von Karlheinz Michels, John Lamers und Christoph Studer

Schlechte Ernten sind in Niger schon immer ein Problem

Schlechte Ernten sind in Niger schon immer ein Problem

05. Oktober 2005 Seit den großen Dürren der siebziger und achtziger Jahre verbindet man die Sahel-Länder mit Trockenheit, Hunger und Wüstenausbreitung. Niemand wundert sich mehr, wenn am Rande der Sahara der Regen ausbleibt und Monate später bei uns Nachrichten über Hungerkatastrophen erscheinen.

Im vergangenen Jahr führten knappe Niederschläge und Heuschreckenplagen zu einer unterdurchschnittlichen Hirseernte. Betroffen ist besonders der Staat Niger, ein Land von der dreifachen Größe Deutschlands mit zur Zeit zwölf Millionen Einwohnern. Der Hunger in diesem Jahr hat die internationale Katastrophenhilfe alarmiert - so daß vor einigen Tagen Unicef, Welternährungsprogramm und Ärzte ohne Grenzen im Süden des Landes begonnen haben, 250.000 Kinder auf den Grad ihrer Mangelernährung zu untersuchen und vom Hungertod bedrohte Kinder zur Behandlung in Ernährungszentren zu bringen. Ist es unumgehbar, daß derartige Krisen diese Gebiete auch zukünftig beherrschen? Ist die Natur, etwa fehlendes Wasser, tatsächlich die Hauptursache für niedrige Ernteergebnisse? Gibt es realistische Strategien zur Vorbeugung?

Widrigkeiten der Natur

Perlhirse ist das Grundnahrungsmittel in Niger und den trockenen Gebieten der angrenzenden Sahel-Länder. In Jahren mit weit unterdurchschnittlichen Niederschlägen kann sie keine ausreichenden Erträge erbringen. Aber selbst in Jahren mit gut verteilten Regenfällen sind die Erträge äußerst unbefriedigend. Dabei ist Perlhirse keine empfindliche Pflanze. Sie ist hervorragend geeignet für die sandigen und sauren Böden in Südniger, die nur wenig Wasser und Nährstoffe speichern. Während der Regenzeit von Juni bis Oktober wächst sie zu einer Höhe von bis zu zwei Metern heran. Die Kolben liefern Kornerträge von 200 bis mehr als 2.000 Kilogramm pro Hektar. Die Spanne zeigt, was möglich ist. Der in den vergangenen Jahren tatsächlich erreichte Ertrag liegt nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) in Niger bei 300 Kilogramm pro Hektar. Damit ernährte sich die Bevölkerung schon in der Vergangenheit mehr schlecht als recht. Zum Vergleich: Weizen in Deutschland erbringt 8.000 Kilogramm und mehr Kornertrag je Hektar. In Jahren mit Widrigkeiten der Natur entsteht in einem Land wie Niger unausweichlich eine Nahrungsmittelkrise.

Da Niger zu den Ländern mit dem höchsten Bevölkerungswachstum und dem geringsten Pro-Kopf-Einkommen zählt, scheint in den nächsten Jahren anhaltende Nahrungsmittelknappheit und wiederkehrender Hunger programmiert, selbst bei durchschnittlichen Ernten. Das hängt unter anderem damit zusammen, daß das Überleben eines Großteils der Bevölkerung direkt vom eigenen Ackerbau abhängt und die Landbevölkerung oft nicht die Mittel hat, Nahrungsmittel zu kaufen. Wie also könnte man Ernährungssicherheit gewährleisten?

Die Realität ist nicht vergleichbar mit einer Forschungsstation

Die mageren Sandböden enthalten nur geringe Nährstoffvorräte. Die ohnehin schon geringen Phosphatmengen sind in den sauren Böden teilweise so fest gebunden, daß die Pflanzen sie nicht nutzen können. Etwas Stickstoff wird durch Pflanzenreste des Vorjahres und durch Tierdung bereitgestellt. Kalium liefert in kleinen, aber wirkungsvollen Mengen der Staub, den der Wüstenwind Harmattan während der Trockenzeit aus der Sahara mitbringt. Die Agrarforschung konnte in vielen Feldversuchen zeigen, daß unter optimalen Bedingungen ein Hektarertrag von mehr als 2.000 Kilogramm Hirsekorn möglich ist, auch wenn nur 500 Millimeter Niederschlag - das ist das langjährige Mittel der Region um Niamey - fallen.

Die Bedingungen der Bauern jedoch sind nicht so optimal wie auf einer Forschungsstation. Da Hirse fast vollständig in Handarbeit angebaut wird, kann die Saat nicht überall zum besten Zeitpunkt ausgebracht werden. Auch werden die Bauern nicht Herr über das Unkraut, das der Hirse Wasser und Nährstoffe entzieht. Oft ist der Boden ausgelaugt. Der Dung von Rindern, Ziegen und Schafen reicht nur zur punktuellen Nachlieferung von Nährstoffen. Das Verhalten der Bauern ist im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Erfahrungen meist rational. So bringen aufmerksame Bauern ihre Rinder und Schafe oft auf stark ausgelaugte Feldteile, weil dort deren Dung besonders wirkungsvoll ist. Neu ist jedoch der wachsende Bevölkerungsdruck und der Versuch, durch Nutzung marginaler Standorte und durch kürzere Brachezeiten die Nahrungsmittelversorgung der Familien zu sichern. Die fehlende Regeneration des Bodens und die Nutzung von Flächen, die für Landwirtschaft nur bedingt geeignet sind, führt zu weiter abnehmenden Erträgen. Wegen dieses Teufelskreises kann eine Ausweitung der Anbauflächen keine befriedigende Produktion gewährleisten. Zudem fordern Parasiten, Vögel, Heuschrecken und andere Insekten ihren Tribut. Sie können mangels Ressourcen kaum wirksam bekämpft werden. Überweidung hat zu einer alarmierenden Bodendegradation beigetragen. Somit werden selten großflächig mehr als 500 Kilogramm je Hektar geerntet.

Fehlende Nährstoffe begrenzen das Wachstum

Auch Sandstürme behindern den Hirseanbau. Solange Äcker, Weiden und Brachen nach dem Ende der fast achtmonatigen Trockenzeit keine ausreichende Pflanzendecke aufweisen, wirbeln die Stürme vor den Niederschlägen im Juni und Juli die oberflächlichen Bodenpartikel auf und bedecken damit die Hirsepflänzchen. Perlhirsepflanzen sind widerstandsfähig gegen Schleifschäden durch Sand, wie sich im Windkanal zeigte. Wenn sie jedoch tagelang von einer bis zu 50 Grad Celsius heißen Bodenkruste bedeckt bleiben, ist manchmal der ganze Bestand verloren. Bauern müssen Felder oft mehrfach neu säen. Dabei wissen sie nicht, ob die Regenzeit lange genug anhält, um die Pflanzen noch reif werden zu lassen. Die Hirsepflanzen, die eine Bedeckung mit Sand überleben, entwickeln sich nur verzögert und erbringen geringe Erträge. Unter optimalen Wachstumsbedingungen ist die Hirse nur in den ersten ein bis zwei Wochen durch Sandstürme gefährdet. Bei einem Mangel an Nährstoffen oder Wasser ist die kritische Wachstumsperiode erheblich verlängert. Das Risiko einer schlechten Ernte steigt.

Immer wieder plagen Heuschrecken die Länder in der Sahelzone

Immer wieder plagen Heuschrecken die Länder in der Sahelzone

Bei Feldversuchen wurden langjährige Ertragserhöhungen um 50 Prozent allein durch Phosphatdüngung erreicht. In Kombination mit Bodenbearbeitung und dem abwechselnden Anbau mit Augenbohnen, die Stickstoff sammeln, wurden die Erträge sogar im Vergleich zur traditionellen Anbauweise verdreifacht. Natürlich führt ein Jahr mit ausreichendem und gut verteiltem Regen zu höheren Ernten als ein Jahr mit längeren Trockenzeiten. Aber fehlende Nährstoffe begrenzen das Wachstum noch stärker, vor allem am Südrand der Sahelzone. Weitere erfolgversprechende Techniken sind die plazierte Anwendung von nur geringen Mengen an Phosphaten oder der vermehrte Einsatz von Leguminosen wie der Augenbohne. Die Augenbohne ist zudem ein wertvolles Viehfutter, das auf Märkten verkauft werden kann.

Bekämpfung der Winderosion

Bei der Bekämpfung der Winderosion hat sich das Bedecken ("Mulchen") der Bodenoberfläche mit Pflanzenresten dem Anpflanzen von Windschutzhecken als überlegen erwiesen. Das war selbst von Fachleuten nicht erwartet worden und wird noch heute in manchen Entwicklungsprojekten ignoriert. Baumreihen sind schwer zu etablieren, konkurrieren um die knappe Ackerfläche und sind von den Nutzungsrechten oft unattraktiv.

In wissenschaftlichen Versuchen konnten stark erodierte und verarmte Böden mit vormals sehr niedrigen Erträgen allein durch Mulchen und Düngung mit Phosphat und Stickstoff wieder regeneriert werden. Der Einsatz zum Beispiel einer von der Universität Hohenheim entwickelten einfachen Unkrauthacke, die von einem Esel gezogen wird, kann den Arbeitsbedarf beträchtlich verringern. Diese Innovation hat den Vorteil, daß sie von Dorfschmieden zu akzeptablen Preisen hergestellt werden kann.

Komplexe bäuerliche Systeme

Am grünen Tisch kann man solche Methoden nicht entwickeln - zu komplex sind die Zusammenhänge bäuerlicher Systeme. Deren Haushalte verfolgen nämlich viele Ziele, und ihre Aktivitäten bestehen neben der Land- und Viehwirtschaft auch aus Handel, Handwerk und außerbetrieblichen Beschäftigungen. Innovationen müssen daher an Standorte und deren sozioökonomische Bedingungen angepaßt werden. Generelle Empfehlungen wie für Düngermengen sind zum Scheitern verurteilt. Neben der Verbesserung landwirtschaftlicher Praktiken bedarf es weitergehender Ansätze. So bedingt der Zugang zu Produktionsgütern (wie Saatgut und Düngemittel) und Märkten gerade außerhalb der Städte eine Verbesserung der Infrastruktur: Das Straßennetz in dem riesigen Land ist nur lückenhaft ausgebaut und oft beschädigt. Bäuerliche Haushalte werden kaum Geld in Mineraldünger investieren, wenn ihre Produkte nicht verkauft werden und selbst Geld einbringen. Um den Zukauf von Produktionsfaktoren zu ermöglichen, sind Märkte und ein funktionierendes Kreditwesen erforderlich sowie die Möglichkeit zu nichtlandwirtschaftlichen Tätigkeiten wie dem Kleinhandel. Ohne starke nationale Institutionen wie einem effizienten landwirtschaftlichen Beratungsdienst ist kaum Fortschritt zu erwarten. Schulung und Bildung gerade von Mädchen und Frauen müssen verbessert und die Reformen im Bodenrecht durchgesetzt werden.

Nach der Bewältigung der Ernährungskrise dieses Jahres werden daher nur die Katastrophenhelfer Entwarnung geben können. Zur dauerhaften Verbesserung der Situation sind weitaus größere Anstrengungen vonnöten. Ein Rückgang des Bevölkerungswachstums ist kurzfristig nicht in Sicht. Vielleicht sind dennoch fruchtbare Landschaften mit verbesserten Erträgen im Sahel möglich, wenn nationale und internationale Politik richtig reagieren. Das bedeutet auch, die Ergebnisse der Forschung in die Praxis umzusetzen - Ergebnisse, die teilweise schon mehr als 30 Jahre, also seit den Dürren der siebziger und achtziger Jahre, bekannt sind.

Die Autoren haben als Agrarwissenschaftler am International Crops Research Institute for the Semi-Arid Tropics (ICRISAT) in Niger Strategien zur Verbesserung der Nahrungsmittelproduktion im Sahel erforscht. Karlheinz Michels war anschließend Wissenschaftler am Institut für Pflanzenproduktion in den Tropen und Subtropen der Universität Hohenheim und ist nun in der Privatwirtschaft tätig. John P. A. Lamers ist Agrarökonom am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn. Christoph Studer ist Professor für tropischen Pflanzenbau und Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen an der Schweizerischen Hochschule für Landwirtschaft in Zollikofen.



Text: F.A.Z. vom 6. Oktober 2005
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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