11. Juli 2008 Die Reise beginnt mit einer Nachbildung des Stralsunder Hafenbeckens, in dem Rotaugen und kleine Rotfedern um ein entsorgtes Fahrradgestell schwimmen. Und die Reise endet am Grönlandbecken, das die Tierwelt unter Eis zeigt. Im Ozeaneum, dem neuen Meeresmuseum, das an diesem Freitag in Stralsund eröffnet wird, können die Besucher hinter Glas über die Ostsee bis in den Atlantik tauchen. Harald Benke, Museumschef in Stralsund, sagt nicht ohne Stolz: Wir stellen mit 14 Großbecken die Lebenswelt der verschiedenen Meeresgebiete dar.“
Die 39 Aquarien haben - wenn sie denn alle in Betrieb sind - ein Gesamtfassungsvermögen von 40.000 Badewannenfüllungen, das entspricht sechs Millionen Liter Wasser. Darin sollen rund 7000 Tiere leben, der Großteil davon sind Fische. Für das große Schwarmfischbecken allein sind 2500 Heringe vorgesehen. Dessen Scheibe misst zehn mal fünf Meter und ist 30 Zentimeter dick. Mit einem speziellen Gezeitenbecken sollen Ebbe und Flut erlebbar werden - freilich hier im Wechsel von nur einer halben Stunde.
600.000 Besucher jedes Jahr
Schon allein das neue Museumsgebäude lohnt den Abstecher nach Stralsund. Im Architektenwettbewerb für das Ozeaneum hatte sich das Stuttgarter Büro Behnisch durchgesetzt. Die Aufgabe war nicht einfach: ein Neubau zwischen historischen Speichern in einer Altstadt, die zum Weltkulturerbe der Unesco gehört. Die Behnisch-Gruppe baute vier miteinander verbundene Häuser, nicht höher als 25 Meter, die wie vom Meer umspülte Steine aussehen sollen oder wie geblähte Segel - manche fühlen sich freilich auch an ein Tanklager erinnert. Die weithin leuchtende Fassade wurde mit geschwungenen Stahltafeln verkleidet. Ärger mit der Unesco gab es nicht. Im Gegenteil: Der Welterberat fand den Entwurf großartig. Einer der alten Speicher wurde einbezogen. Dort wird es ein Restaurant, einen Saal und Büros geben. Ein außergewöhnlicher Bau, eine außergewöhnliche Ausstellung.
Zur Eröffnung des Museums ist auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Stralsund gekommen. Damit sei eine der größten kulturellen Attraktionen in Ostdeutschland entstanden, sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann beim Festakt in der Hansestadt. Die Stadt gehört zu Frau Merkels Wahlkreis, im September 2006 hatte sie auch schon den Grundstein für den Neubau gelegt. Der Bund unterstützte den Bau im Stralsunder Hafen mit 30 Millionen Euro. Die anderen 30 Millionen Euro teilten sich das Land Mecklenburg-Vorpommern, die Stadt Stralsund und die Stiftung Deutsches Meeresmuseum. Die laufenden Kosten muss das Haus selbst aufbringen. Eine halbe Million Besucher im Jahr sind dafür notwendig. Allerdings dürfte das leicht gelingen. Denn das Stralsunder Meeresmuseum zählt seit Jahrzehnten zu den am besten besuchten Museen in Norddeutschland. Es ist vor allem bei Kindern beliebt. In der jüngsten Vergangenheit kamen jedes Jahr 600.000 Besucher in das frühere Katharinenkloster mitten in der Stadt, wo 1951 das Museum mit seiner damals noch bescheidenen Sammlung einzog. Das Ozeaneum erweitert nun das bestehende Museum.
Schätze aus dem Depot
Das Meeresmuseum kann dank der Erweiterung durch den Neubau viele Stücke zeigen, die bislang aus Mangel an Platz ins Depot verbannt waren. Etwa den präparierten Anglerfisch, ein etwas unheimlich wirkendes Tier aus der Tiefsee, das aussieht, als trüge es eine Angel auf seinem Rücken. Das Tauchboot Geo“ zog ebenfalls in das neue Ozeaneum um. Es ist das erste bemannte deutsche Forschungs-U-Boot. Mit ihm hat der Forscher Hans Fricke 1987 vor den Komoren Quastenflosser beobachtet, die man bis dahin für ausgestorben hielt. Aus dem alten Meeresmuseum zog auch der dort ohnehin etwas versteckte Riesenkalmar mit in das neue Haus. Am Schluss des Ozeaneum-Rundgangs trifft der Besucher in einer 20 Meter hohen Ausstellungshalle auf die Riesen der Meere“.
Auf seiner Sponsorensuche hatte das Meeresmuseum auch Greenpeace angesprochen. Die Umweltschutzorganisation, auf der ganzen Welt im Kampf gegen die Waljagd unterwegs, stellte knapp 1,5 Millionen Euro zur Verfügung, um Wale im Maßstab eins zu eins nachzubilden. Darunter ist ein 26 Meter langer Blauwal, das größte Tier, das es je gegeben hat. Aber auch Riesenalgen sind dabei in ihrem natürlichen Lebensraum, dem Kelpwald“, ein Mantarochen und ein Riesenhai. Ein Buckelwalweibchen wird gezeigt, wie es fünf Jungtiere säugt. Der 15 Meter lange Pottwal im Kampf mit einem Riesenkalmar fehlt leider zur Eröffnung. Die Plastik ist noch in Arbeit und wird nachgereicht.
Warnrufe und Gesänge
Der Besucher sieht die Riesen nicht nur von verschiedenen Etagen aus, er hört dabei auch ihre Warnrufe und Gesänge. Im Gegenzug für seine Hilfe setzte Greenpeace Umweltauflagen beim Bau des Ozeaneums durch, zum Beispiel PVC-freie Rohre. Versorgt werden Meeresmuseum und Ozeaneum künftig durch Öko-Strom“, den die Stadtwerke Stralsund anbieten. Der Strombedarf ist erheblich, vor allem für die Kühlung: Im Ostseebecken muss das Wasser zwölf Grad Celsius warm sein, im Polarmeerbecken aber darf es nur null Grad betragen.
Die Kinder bekommen ein eigenes Reich, in das sie das Maskottchen Walfred“ führt. Sie können durch meterhohes Seegras laufen und auf einem Ergometer testen, ob sie so schnell wie Delphine sein können. Auch haben sie im Ausstellungsteil Ein Meer für Kinder“ ihr eigenes Labor. Das Meeresmuseum im Katharinenkloster mit seinem vor einigen Jahren eröffneten großen Schildkrötenbecken will sich künftig vor allem den tropischen Gewässern widmen. Auch das Nautineum am Fuß des alten Leuchtturms mitten im Urwald auf der Halbinsel Darß bleibt als Außenstelle bestehen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, ZB