Istanbul

Polizisten schlagen und treten Nachwuchsspieler

19. November 2003 Dem Jubel auf dem Platz über das Erreichen der Europameisterschafts-Endrunde folgte für die deutschen Fußball-Junioren die wildesten Jagdszenen in ihrer sportlichen Laufbahn.

Im Tunnel zu den Kabinen wurden die U21-Spieler nach dem 1:1 gegen die Türkei im Stadion von Fenerbahce Istanbul von Polizisten, Ordnungskräften und Sicherheitsbeamten geschlagen, getreten und übel beschimpft. „So etwas habe ich in Europa noch nicht erlebt. Hier wurde das Fair-Play mit Füßen getreten“, ereiferte sich DFB-Trainer Uli Stielike. Schon während der Begegnung waren seine Akteure am Dienstagabend in der aufgeheizten Atmosphäre mit Münzen, Feuerzeugen und anderen Gegenständen beworfen worden.

„Spieler von uns sind von Polizisten und Sicherheitskräften geschlagen worden. Der eine blutet, der andere hält sich in der Kabine ein Handtuch an den Kopf“, berichtete Stielike. Trotz des glücklichen Endes sprach Abwehrspieler Maik Franz, dem ein Ordner mit einem Walkie-Talkie aufs Ohr geschlagen hatte, vom „schlimmsten Spiel meines Lebens“.

Schiedsrichter verletzt

Während sich Stielike nach Spielende noch bitter beklagte, wurden seine Spieler von der medizinischen Abteilung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im Umkleideraum bereits versorgt. Maik Franz (VfL Wolfsburg) hatte am linken Ohr eine Platzwunde erlitten, Torschütze Benjamin Auer (FSV Mainz 05) ließ sich nach einem Tritt gegen das Bein behandeln, und selbst Schiedsrichter Michael Benes (Tschechien) mußte vom DFB-Arzt am Kopf mit zwei Stichen genäht werden.

Schon bei seiner Auswechslung war Thomas Hitzlsperger (Aston Villa) mit einer Wasserflaschen beworfen und von einer Münze am Hinterkopf getroffen worden.

Journalisten flüchten in Mannschaftskabine

Die begleitenden Journalisten aus Deutschland erhielten nach der Partie zum Schutz in der Mannschaftskabine Unterschlupf. Für den Delegierten der Europäischen Fußball-Union (UEFA) gab es derweil viel zu notieren.

Tom A. Restall (Malta) überzeugte sich in der deutschen Kabine von den Folgen der Ausschreitungen, ließ sich alles genau berichten und kündigte einen entsprechenden Schriftsatz an die UEFA an. Die eröffnete am Mittwoch ein Ermittlungsverfahren gegen den türkischen Verband und wird den Vorfall am 4. Dezember verhandeln. Das Strafmaß reicht von einer hohen Geldstrafe bis zur Platzsperre.

Lob von Rudi Völler

„Hier haben sich Dinge abgespielt, die nicht auf einen Sportplatz gehören“, meinte Restall. Rund 50.000 türkische Zuschauer und das Ordnungspersonal hatten nach Auers Tor in der Nachspielzeit und dem unerwarteten Ausscheiden ihrer Mannschaft in der Enttäuschung völlig die Fassung verloren. Die türkischen Medien verteidigten am Mittwoch nahezu einhellig die Entgleisungen. Die deutschen Spieler hätten mit „übertriebener Freude“ und „beleidigenden Gesten“ die türkischen Fans geradezu provoziert, so das Credo.

Das sportliche Geschehen geriet bei diesem Skandalspiel fast in den Hintergrund. Die Freude über den Einzug in die EM-Endrunde vom 27. Mai bis 8. Juni 2004, für die sich der DFB als Gastgeber beworben hat, und den Erhalt der Olympia-Chancen hielt sich bei Stielike deshalb auch in Grenzen: „Meine Mannschaft hat aber die Herausforderung bestanden. Das Glück des Tüchtigen war diesmal auf ihrer Seite.“ Bei der EM-Endrunde werden noch drei weitere Europa-Vertreter neben Gastgeber Griechenland für die Sommerspiele in Athen ermittelt. „Wenn du die Türken raushaust, ist bei der EM auch Rang drei und damit die Olympia-Qualifikation möglich - vorausgesetzt, wir haben keinen weiteren personellen Aderlass“, sagte Stielike.

Abwehrspieler Lahm vor Premiere in A-Team

Ein dickes Lob bekam das Team vom extra angereisten Rudi Völler: „Der Erfolg der Mannschaft war hoch verdient. In ihr steckt Substanz. Sie hat zwei tolle Spiele gegen die Türkei abgeliefert und ist dafür belohnt worden. Die Spieler werden im Hinblick auf die WM 2006 weiter Fortschritte machen.“ Er fügte hinzu: „Das war ein Highlight für den deutschen Fußball.“ Besonders Philipp Lahm (VfB Stuttgart) hatte es dem Teamchef angetan. Der Abwehrspieler dürfte schon bald seine Premiere im A-Team feiern.

Nach dem 0:1 durch Hamit Altintop (69.) vom FC Schalke 04 schien alles für die Türken zu laufen. Sie hatten damit das 0:1 von Leverkusen egalisiert und wären mit einem weiteren Treffer für die EM-Endrunde qualifiziert gewesen. Der nach einer Stunde für Mike Hanke (Schalke 04) ins Spiel gekommene Auer machte aber in der dritten Minute der Nachspielzeit mit dem 13. Treffer für diesen Jahrgang das Weiterkommen für den DFB perfekt. „Ich hätte gern von Beginn an gespielt. Die Entscheidung des Trainers mußte ich akzeptieren. Ich fühle mich aber nicht als Ergänzungsspieler“, sagte Auer.



Text: sid, dpa
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb

 

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