Interview

Franziska van Almsick: „Mich überrollt gerade das Glück“

“Zufriedenheit, Erleichterung, Stolz“: Franziska van Almsick

"Zufriedenheit, Erleichterung, Stolz": Franziska van Almsick

05. August 2002 Franziska van Almsick ist die erfolgreichste Schwimmerin bei der Europameisterschaft in Berlin: fünf Starts, fünf Mal Gold. Und mit dem Weltrekord über 200 Meter Freistil hat sie sich einen großen Traum erfüllt. Der „Goldfisch“ von einst ist zurückgekehrt.

Im Interview spricht Franziska van Almsick über Momente des puren Glücks in Berlin, ihrer Heimatstadt: „Die vielen Komplimente berühren mich. Ich habe noch nie so viele Menschen erlebt, die hinter mir stehen. Ich könnte immer wieder raus in die Halle rennen und mich da vorn vor das Publikum stellen.“

Ihre Rückkehr gilt als das Comeback des Jahres. Nach schweren Jahren sind Sie wieder da - wie fühlen Sie sich jetzt?

Da ist Zufriedenheit, Erleichterung, Stolz - von allem etwas. Auf jeden Fall ist mir ein großer Stein vom Herzen gefallen. Nach den vielen schwierigen Situationen der vergangenen Jahre überrollt mich gerade das Glück. Ich fühle mich manchmal ein bisschen, als ob mir die Luft wegbleibt. Und ich spüre Dankbarkeit gegenüber meinen Ärzten, meinem Trainer, meinem Verein.

Es gab aber Menschen, die nicht mehr mit Ihrer Rückkehr gerechnet haben.

Ja, aber ich habe immer gewusst, dass ich noch einmal rankommen kann, wenn ich nur daran glaube und hart arbeite. Und ich habe - verdammt noch mal - Recht gehabt.

Denken Sie mal acht Jahre zurück an die WM in Rom. Können Sie sich daran noch erinnern?

Daran kann ich mich heute nur noch schwer erinnern. Da hatte ich das Finale über 200 Meter Freistil verpasst, aber Dagmar Hase hat extra für mich auf ihren Startplatz verzichtet. Ich habe gewonnen und bin Weltrekord geschwommen. Ich weiß nur noch, dass es mir damals vor dem Finale nicht gut ging.

Und wie ging es Ihnen vor dem Finale 2002 am Sonnabend?

Ich bin am Morgen aufgestanden, mit Kopfschmerzen, mir war schlecht; außerdem habe ich gedacht, dass ich Fieber habe. Ich habe mir nur überlegt, wie sage ich den ganzen Menschen, dass ich krank bin? Ich hatte wirklich übelste Wahnvorstellungen.

Kurz vor dem Start wirkten Sie dann aber ganz ruhig, fast entspannt. Stimmte der Eindruck?

Das schien nur so. Zehn Minuten vor dem Wettkampf wollte ich spazieren gehen, einfach nur weggehen.

In der Schwimmhalle in Berlin tobt die Begeisterung, wenn Sie schwimmen.

Das ist einfach unglaublich hier, es ist auch ein bisschen nervenaufreibend. Zum ersten Mal war meine ganze Familie dabei, außerdem die vielen Freunde und die vielen Berliner. Am Anfang war das fast beängstigend. Der Vorteil ist, dass es schon eine Woche hier so geht. Das hat mir sicher die Flügel verliehen, von denen ich schon nach dem ersten Staffel-Gold gesprochen habe.

In den vergangenen Jahren mussten Sie auch mit Häme und Schadenfreude leben. Genießen Sie den Jubel der Fans jetzt ganz besonders?

Die vielen Komplimente, die vielen Schulterklopfer berühren mich schon. Ich habe noch nie so viele Menschen erlebt, die hinter mir stehen. Ich könnte immer wieder raus in die Halle rennen und mich da vorn vor das Publikum stellen.

Sie haben von der Sehnsucht nach dem perfekten Rennen gesprochen: Weltrekord über 200 Meter Freistil - das hört sich schon ganz perfekt an.

Ob das Rennen wirklich perfekt war, weiß ich noch nicht. Es fühlte sich aber schon ziemlich gut an.

Am letzten Tag der EM standen Sie wieder ganz oben - mit der Staffel. Ist der Traum damit endgültig wahr geworden?

Ich kann das hier alles noch gar nicht fassen. Wir haben einfach alle unser Bestes gegeben.
Sie sind jetzt ganz oben. Was kann in der Zukunft jetzt noch kommen?

Laufen hier schon irgendwelche Wetten und Spekulationen über meine Zukunft?

Vielleicht...

Das einzige, was ich weiß, ist, dass ich jetzt Urlaub habe, und darauf freue ich mich. Dann habe ich auch Zeit, um nachzudenken. Ich habe hier die Leistung schon ziemlich hochgeschraubt. Da muss ich jetzt natürlich überlegen, wie es weiter geht. Solange können Sie ja alle noch spekulieren.

Aufgezeichnet von Stefanie Kneer, Berlin



Text: @cris
Bildmaterial: AP

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche