Franziska van Almsick

Unsichere Zukunft nach dem Weltrekord

04. August 2002 Franziska van Almsick wollte die ganze Welt umarmen. Sie konnte es nicht fassen, als sie auf die Anzeigetafel schaute: Weltrekord. Endlich am Ziel, endlich frei geschwommen. In 1:56,64 Minuten allen Frust der vergangenen Jahre abgestreift.

„Ich bin unheimlich zufrieden und unheimlich stolz“, sagte sie nach dem schnellsten Rennen über 200 m Freistil. „Ich wusste ganz tief in mir drin, dass ich es drauf habe. Es haben nicht viele an mich geglaubt, einige haben es gehofft. Und das ist die tiefe Zufriedenheit in mir, dass ich verdammt noch mal Recht behalten habe.“

„Es hat mir Flügel verliehen“

Bundestrainer Manfred Thiesmann sagte nach dem EM-Höhepunkt in Berlin: „Das ist für sie der Aufbruch zu neuen Ufern für Olympia. Das Team wartet darauf, dass sie jetzt weiter macht.“

4.500 Besucher in der Halle an der Landsberger Allee tobten, trieben sie nach vorn. Ihre Eltern und ihre Großeltern saßen auf der Tribüne. „Es war einfach unglaublich. Es hat mir Flügel verliehen. Ich habe noch nie so viel Leute erlebt, die mich unterstützen, die mich siegen sehen wollen und die an mich glauben. Ich könnte gleich wieder rausrennen und mich einfach nur hinstellen“, sagte Franziska van Almsick.

„Das Glück überrollt mich“

Als sie wieder am Land war, war ihr die Tränen die Wangen runtergelaufen. Sie kniete für einen Momente nieder und verbeugte sich anschließend vor den Fans. So schön kann es sein, sich selbst zu schlagen. Die Vergangenheit ist endlich wirklich Vergangenheit. Der Kopf ist frei für eine neue Zukunft. Dabei hätte sie sich vor dem Rennen am liebsten aus der Halle gestohlen. „Mir war schlecht und schwindelig, ich hatte Kopfschmerzen. Ich hatte schon übelste Wahnvorstellungen. Ich wollte zehn Minuten vor dem Rennen aus der Halle gehen und so tun, als würde mich das Ganze nichts angehen.“

Nach dem Rennen wollte sie am liebsten alleine sein. „Ich bin nicht so in Feierlaune. Ich habe im Moment das Gefühl, das Glück überrollt mich, dass mir die Luft wegbleibt.“

Der ständige Kampf macht sie stark

Acht Jahre war sie ihrem Weltrekord hinterher geschwommen. Kaum jemand hatte ihr nach der Olympia-Pleite von Sydney zugetraut, je wieder auch nur in die Nähe dieser Bestmarke zu kommen. Aber sie selbst hat an sich geglaubt - und ihr Trainer Norbert Wandratsch, der sie in einem Jahr wieder auf den Gipfel zurück führte. „Ihr Talent kann ihr niemand nehmen“, sagte er. Nach dem Rennen wusste er: „Sie ist wieder aufgestanden.“ Europameisterin Jana Henke musste „einfach heulen“.

Der ständige Kampf in einer reinen Männer-Trainingsgruppe hat Franziska van Almsick wieder stark gemacht. Und ihr Freund, der Handball-Nationalspieler Stefan Kretzschmar. „Das Puzzle passt“, hat „Franzi“ gesagt. Zudem habe sie „alle meine Glücksbringer ausgetauscht“.

Überlegen im Urlaub

Jetzt kann sie nach Barcelona 1992, Atlanta 1996 und Sydney 2000 in zwei Jahren in Athen ihre vierten Olympischen Spiele in Angriff nehmen. „Mit einem Olympiasieg würde sie unsterblich“, sagte der NOK-Präsidentschaftskandidat und frühere Weltklasse-Schwimmer Klaus Steinbach. „Man kann sich nur wünschen, dass sie bis Athen weiter macht und uns allen noch viel Freude bereitet“, forderte Europameister Thomas Rupprath die Kollegin zum Weitermachen auf.

Franziska van Almsick geht erst Mal in Urlaub - und will überlegen.



Text: dpa
Bildmaterial: dpa

 
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