Zeitmanagement

Die Entdeckung der Gleichzeitigkeit

Von Jan Friedmann

06. Oktober 2002 Vor langer Zeit tauschten Bürokollegen Tipps darüber aus, wie sie durch bestimmte Kniffe ökonomischer arbeiten konnten. Das war einmal: Zeitökonomie, auf neudeutsch "Time-Management", ist zu einer handfesten Industrie angewachsen: Großfirmen schicken ihren Führungsnachwuchs auf Zeitmanagement-Seminare. In den Buchhandlungen biegen sich die Regalbretter unter Ratgebern zum Thema.

Agendaplaner und elektronische Taschenkalender gehören zur Alltagsausstattnng. Zeitmanagement hält Einzug in den Kanon der Soft Skills, reiht sich in Stellenanzeigen zwischen Teamfähigkeit und Flexibilität ein. Und selbst die Langsamkeit wird der Zeitökonomie unterworfen. Da bleibt nur die Frage: Welcher Zeitmanagement-Strategie folgen?

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Ratgeber und Seminare propagieren einen effektiveren Umgang mit Zeit. Sie liefern Einsparwilligen ein Instrumentarium, mit dem sie den eigenen Zeitverbrauch kontrollieren können. Tages- und Wochenpläne sollen Aufgaben in kleine Häppchen unterteilen, Logbücher verborgene Zeitfresser aufdecken. Die einschlägigen Rezepte des klassischen Zeitmanagement lauten "Leitbilder entwickeln", "Schlüsselaufgaben definieren" und "Tagesarbeit effizient erledigen".

So hat das Zeitmanagement etwa die Wichtigkeits-Dringlichkeits-Regel erfunden. Sie besagt: Ordne alle Aufgaben nach Wichtigkeit und nach Dringlichkeit. Gehe zuerst die wichtigen dringlichen Aufgaben an und lasse die unwichtigen, nicht dringlichen Aufgaben liegen. Ziehe im Konfliktfall die wichtigen, nicht dringlichen Aufgaben den dringlichen, nicht wichtigen Aufgaben vor.

Bevorzuge etwa Strategieplanung und Weiterbildung vor Terminen und Briefverkehr. Der geschulte Zeitoptimierer weiß also, wie er eine Aufgabe angeht: Erst kategorisieren, dann terminieren und schließlich delegieren oder selbst erledigen.

Der neue Müßiggang

Doch Zeitmanagement bleibt hier nicht stehen. Wer sich auf das Thema einlässt, muss sich auch fragen, was er mit seiner freien Zeit anfängt, beziehungsweise ob er diese sinnvoll nutzt. Freiräume stehen im Zeitmanagement nämlich neuerdings hoch im Kurs. Private Termine rangieren im Kalender gleichberechtigt neben Geschäftsterminen, als "Verabredung mit sich selbst" oder als "Stunde zum Nachdenken". Statt von Zeitfressern und Logbüchern ist nun von kreativer Langeweile und schöpferischen Pausen die Rede.

Der neue Trend zum Müßiggang kommt aus dem Lager der Zeitoptimierer selbst: Zeitmanagement-Trainer haben die Langsamkeit entdeckt. Den Anfang machte der Zeitmanagement-Papst Stephen Covey, der Amerikas Top-Manager betreut und vom Time Magazine zu einem der 25 einflussreichsten Männer der Welt gekürt wurde.

Die Lizenz zum Trödeln

Nachdem er 13 Millionen Exemplare seiner Zeitspar-Bibel "Die sieben Wege zur Effektivität" verkauft hatte, verkündete er in seinen Seminaren: "Schreiben Sie Ihre eigene Grabrede!". Was weniger drastisch ausgedrückt heißt: Werden Sie sich zuerst über ihre langfristigen Lebensziele klar, bevor Sie sich abhetzen.

Coveys Pendant in Deutschland, der Sachbuchautor Lothar J. Seiwert, tat es dem Amerikaner nach und erteilte seinen Lesern die Lizenz zum Trödeln. Sein jüngstes Werk heißt "Wenn du es eilig hast, gehe langsam." Sein alter Bestseller "Das 1x1 des Zeitmanagement" sah im Zeitsparen noch das "Fundament eines umfassenden Systems der Erfolgsverursachung". Die harte Tour ist nun passé, ganzheitliches Zeitmanagement angesagt.

Bummeln oder Powern?

Nach der Softie-Welle sieht sich der Lernwillige jedenfalls mit dem Problem konfrontiert, wie er so viel Lässigkeit überhaupt planen soll. Die mittlerweile über 100 deutschsprachigen Ratgeber erleichtern die Entscheidung zwischen Sonnenmilch und Terminkalender nicht. Glaubt man den Zeitsparern, dann lässt sich viel Zeit durch effektives Arbeiten gewinnen, folgt man den Propheten der Langsamkeit, dann gewinnt man Zeit durch Nichtstun. Die Zeitmanagement-Lehrer sprechen mit gespaltener Zunge: Powern, um dann zu bummeln, oder doch lieber umgekehrt?

Eine Antwort könnte lauten: Gleichzeitig powern und bummeln. Verschiedene Zeitformen wie Beschleunigung, Entspannung und Leerlauf in das eigene Leben integrieren und fruchtbar machen. Für jeden Bereich ein eigenes Zeitmanagement entwickeln. Nach der Entdeckung der Gleichzeitigkeit hätten alle Strategien ein bisschen recht, je nachdem von wem sie wann angewandt werden. Ganz postmodern: Jedem sein Zeitmanagement.

Eine andere Antwort könnte sein: Das Zeitmanagement sein lassen und sich die dafür nötige Zeit sparen. Denn anders als die Arbeitswelt kennt das individuelle Leben keine Konten, auf denen Zeit angespart und abgefeiert wird. Und dass sich einsame Berghütte und hektischer Geschäftsalltag kombinieren lassen, darauf kann man auch ohne Zeitmanagement kommen.

Die nächste Runde

Vielleicht verhält sich ein Zeitplan zur eigenen Zeit wie der Schiedsrichter zum Fußballspiel: Er ist am besten, wenn man ihn gar nicht bemerkt. Auch ohne Schiedsrichter können sich schöne Spiele entwickeln. Dazu sollten die Spieler aber die Spielregeln kennen. Regeln oder laisser-faire? Es sind schon aus weit geringerem Anlass Ratgeber geschrieben worden. Prognose: Auch im Zeitmanagement werden noch einige Halbzeiten gespielt werden.

Literatur zum Thema Zeitmanagement

Stephen R. Covey: Die sieben Wege zur Effektivität. Ein Konzept zur Meisterung ihres beruflichen und privaten Lebens, München 1996 ISBN 3453091744 DM 19,90

Karlheinz A. Geißler: Zeit. "Verweile doch, du bist so schön!" Freiburg 2000, ISBN 3451048752, DM 19,90

Karlheinz A. Geißler: Vom Tempo der Welt. Am Ende der Uhrzeit, Freiburg 1999, ISBN 3451269775, DM 36,00

Robert Levine: Eine Landkarte der Zeit. Wie Kulturen mit Zeit umgehen, München 1999, ISBN 3492229786, DM 17,90

Axel Schlote: Zeit genug! Wege zum persönlichen Zeitwohlstand,
Weinheim/Basel 2000, ISBN 3-407-36365-6, DM 39,80.

Lothar J. Seiwert: Das 1x1 des Zeitmanagements, München 2001, ISBN 3478812534, DM 9,90



Text: @gf
Bildmaterial: FAZ.NET

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