14. August 2005 Ein lauter Schrei, ein ungläubiger Blick und dann ein ausgelassener Freudentanz: Debütantin Christina Obergföll hat dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) mit Silber und Europarekord im Speerwurf einen spektakulären WM-Ausklang beschert.
Die 23 Jahre alte Offenburgerin schaffte am Schlußtag der WM in Helsinki mit 70,03 Metren eine Sensation, die zusätzlich mit einer Prämie von 30.000 Dollar versüßt wird. Nur gegen den Weltrekord-Wurf von Olympiasiegerin Osleidys Menendez hatte sie keine Chance. Die Kubanerin verbesserte gleich im ersten Versuch ihre eigene Bestmarke um 16 Zentimeter auf 71,70 Meter, ehe Obergföll den fünf Jahre alten Kontinental-Rekord der Norwegerin Trine Hattestad um 55 Zentimeter überbot.
Doppelter deutscher Erfolg
Den deutschen Triumph komplettierte die Olympiazweite Steffi Nerius, die mit 65,96 Meter Bronze gewann. Die Leverkusenerin errang damit im vierten Jahr hintereinander eine Medaille beim Saisonhöhepunkt. Bei der EM 2002 in München und Olympia im Vorjahr in Athen hatte die 33jährige jeweils Silber gewonnen, bei der WM 2003 in Paris Bronze. Menendez erhält für ihren Weltrekord neben der Siegprämie von 60.000 Dollar eine Sonderprämie von 100.000 Dollar. Es war die dritte Bestmarke von Helsinki nach den Russinen Olimpiada Iwanowa (1:25:41 Stunden über 20 Kilometer Gehen) und Jelena Isinbajewa (5,01 Meter im Stabhochsprung) und der 22. in der Geschichte von Leichtathletik-Weltmeisterschaften.
Der DLV beendet die WM von Helsinki damit mit fünf Medaillen. Vor Obergföll und Nerius hatten Franka Dietzsch mit Gold im Diskuswurf sowie Ralf Bartels (beide Neubrandenburg) und Michael Möllenbeck (Wattenscheid) mit Bronze im Kugelstoßen und Diskuswurf Edelmetall für den DLV gewonnen.
Eine Athletin der jungen Garde
Mit Obergföll sorgte eine Athletin der jungen DLV-Garde für ein Highlight, nachdem diese ansonsten vor allem von Routiniers wie Dietzsch (37), Möllenbeck (35) oder Nerius (33) gesetzt wurden. Unglaublich. Ich kann das gar nicht realisieren. Das muß jetzt erst mal sacken, jubelte ihr Heimtrainer Werner Daniels: Ich mußte zweimal auf die Bilder schauen, ob es auch wirklich die richtige Linie ist. Aber es war die richtige.
Für einen in jeder Hinsicht versöhnlichen Abschluß aus deutscher Sicht sorgte auch das Ergebnis von Nerius, nachdem sie im Vorfeld der WM mit ihrer Kritik an DLV-Präsident Clemens Prokop für Aufsehen gesorgt hatte. Zwei Tage lang war ich etwas durcheinander, weil ich falsch interpretiert wurde, gab Nerius zu, nachdem sie Prokop Profilierungssucht vorgeworfen hatte: Aber wir haben uns ausgesprochen. Ich habe von ihm gelernt, und er hat von mir gelernt. Und so konnte ich mich ganz meinem Wettkampf widmen. Während die Leverkusenerin in der Qualifikation schon im ersten Versuch mit 66,52 Metern persönliche Bestleistung geworfen hatte, mußte Obergföll bis zum dritten Durchgang warten, ehe sie mit 61,59 Metern überhaupt erst den Einzug in den Endkampf perfekt machte. Zwei Medaillen in einem WM-Finale hatten DLV-Athleten zuletzt 2001 in Edmonton gewonnen, als Möllenbeck beim fünften Triumph von Lars Riedel Bronze holte.
Marathon-Frau Radcliffe mit WM-Rekord
In Athen saß sie heulend am Straßenrand, in Helsinki lief sie lachend ins Ziel. Als Marathon-Frau Paula Radcliffe am Sonntag mit dem Union Jack im Olympiastadion eine Ehrenrunde drehte, hatte sich die Britin einen ganz großen Traum erfüllt.
Die 31jährige gewann erstmals bei Leichtathletik-Weltmeisterschaften die Goldmedaille und stellte mit 2:20:57 Stunden zudem einen WM-Rekord auf. Nur Radcliffe selbst war in dieser Saison schon schneller (2:17:42); an ihren Weltrekord von 2:15:25 kam sie nicht heran. Silber auf der klassischen Distanz von 42,195 Kilometern holte die entthronte Titelverteidigerin Catherine Ndereba aus Kenia (2:22:01) vor der Rumänin Constantina Tomescu (2:23:19).
Hartes Stück Arbeit
Das war heute ein hartes Stück Arbeit, aber es hat auch ein bißchen Spaß gemacht. Ich wußte, daß ich gut im Rennen lag - ich mußte einfach nur durchhalten. Ein großes Dankeschön an die finnischen Zuschauer, die mich das ganze Rennen über angefeuert haben, sagte die erschöpfte, aber glückliche Siegerin, die mindestens zwei Bücher in der Woche liest.
Mit dem ersten WM-Gold geht eine lange Quälerei zu Ende. Bei den Olympischen Spielen in Athen hatte Radcliffe sowohl im Marathonlauf (nach 35 Kilometern) als auch im 10.000-Meter-Rennen (nach 6.500 Metern) aufgegeben. In Helsinki war sie vor acht Tagen über 10.000 Meter nur Neunte geworden.
Kenianer Limo läuft über 5000 Meter allen davon
Der Kenianer Benjamin Limo gewann derweil den Titel über 5000 Meter gewonnen. Der 30 Jahre alte Weltmeisterschaftszweite von 1999 siegte im Endspurt in 13:32,55 Minuten vor seinem äthiopischen Rivalen Sileshi Sihine (13:32,81).
Dritter wurde am Sonntag abend der Australier Craig Mottram (13:32,96). Mottram ist seit 1987 der erste nicht in Afrika geborene Athlet, der auf dieser Strecke eine Medaille gewann. Ein deutscher Läufer war nicht am Start.
Krymarenko Hochsprung-Weltmeister
Der Ukrainer Juri Krymarenko holte sich Gold im Hochsprung. Der 22jährige meisterte als Einziger die 2,32 Meter. Silber ging an den kubanischen Außenseiter Victor Moya sowie an Europameister Jaroslaw Rybakow aus Rußland (beide 2,29). Olympiasieger Stefan Holm aus Schweden blieb der erste Freiluft-WM-Titel verwehrt; er kam nur auf Rang sieben. Ein deutscher Teilnehmer war nicht dabei.
Text: FAZ.NET mit Material von sid und dpa
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