15. Mai 2004 VON MICHAEL ASHELMRespekt ist eine schöne Sache. Aber er muß sich meist hart erarbeitet werden. Das muß der afrikanische Fußball gerade feststellen. Man will, was einem zusteht, und in einem Fall ist den Afrikanern endlich die lange geforderte Anerkennung zuteil geworden. Nachdem schon im Vorfeld festgestanden hatte, daß nach der unglücklichen Wahlniederlage vor vier Jahren gegen Deutschland und einigen anderen Anläufen die übernächste Weltmeisterschaft auf dem schwarzen Kontinent stattfinden würde, gibt es seit gestern mittag ganz offiziel einen neuen gefeierten Ausrichter: Südafrika. Zum ersten Mal wird eine Fußball-WM im Jahr 2010 in Afrika stattfinden, dort, wo die Talentschmiede für den großen europäischen Fußballmarkt schon beheimatet ist. Ein schöner Triumph, doch auf anderem Feld droht ein Interessenkonflikt mit den mächtigen Machern des Fußballs zu eskalieren.
Die höchste Instanz der internationalen Sportgerichtsbarkeit muß darüber entscheiden, ob das kolossale Strafmaß gegen den kamerunischen Verband überhaupt in rechtmäßigem Verhältnis zu den geltenden Regeln steht. Grund für die Auseinandersetzung ist die kamerunische Nationalelf, die beim Afrika-Cup im Januar mit hautengen Einteilern des Herstellers Puma aufgelaufen war. Diese entsprachen nicht der traditionellen FIFA-Regel einer Trikot-Hosen-Kombination. Nachdem die Berufungskommission des Internationalen Fußball-Verbandes (FIFA) diese Woche das Urteil aus erster Instanz bestätigte und Kamerun zu einer Sechs-Punkte-Strafe in der bevorstehenden WM-Qualifikation sowie umgerechnet 125000 Euro Geldstrafe verurteilte, wollen die Betroffenen jetzt vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne um ihr gutes Recht kämpfen.
FIFA gegen Kamerun heißt auch Weltverband gegen Afrika. Hintergrund für den selbstgerechten Eingriff in das Hoheitsgebiet der afrikanischen Fußball-Konföderation ist die Sorge der FIFA um Autoritätsverlust. Präsident Joseph Blatter treiben trotz andersartiger Verlautbarungen noch immer persönliche Ressentiments gegen den einflußreichen afrikanischen Verbandschef Issa Hayatou - aus Kamerun - um, der gegen ihn bei seiner Wiederwahl im Jahr 2002 angetreten war. Zudem sehen sich Blatter und seine Gefolgsleute in der Pflicht, den langjährigen FIFA-Sponsor Adidas vor den frechen Werbeattacken des aufstrebenden Rivalen Puma zu schützen. Der Trikotstreit ist für die obersten Fußballverwalter vom Züricher Sonnenberg zu einem Machtspiel umfunktioniert worden, man darf nur hoffen, daß die neutralen Richter vom CAS wieder die Verhältnismäßigkeit im Weltfußball herstellen. Allein die Tatsache, daß die FIFA in ihrer Urteilsbegründung nach eigenen Angaben immer einrechnete, die Kameruner würden sich trotz des Punkte-Handicaps für die WM 2006 qualifizieren können, dürfte vor dem CAS kein gutes Licht auf den Weltverband werfen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.05.2004, Nr. 20 / Seite 19