Von Stefan Fuhr
28. Mai 2001 Im niedersächsischen Vechta rollt der städtische Beamte in der Mittagspause die Isomatte auf dem Büroboden aus und döst ein Viertelstündchen zwischen den Aktenschränken.
Nörgler fühlen sich bestätigt: Im öffentlichen Dienst verdienen Nichtstuer ihr Geld im Schlaf. Doch das Nickerchen am Arbeitsplatz soll die Aufmerksamkeit erhöhen und die Leistungsfähigkeit steigern. In den USA liegt das so genannte Power Napping bereits seit einigen Jahren im Trend.
Arbeit und Freizeit verschmelzen
Nach der industriellen und der technologischen Revolution kündigt sich nun ein weiterer Umbruch in der Arbeitswelt an, glaubt zumindest Professor Peter Wippermann, Chef des Hamburger Trendbüros. In den Zeiten von Handy und Internet verschmelzen Arbeit und Freizeit, sagt Wippermann. Für den hochmobilen Menschen des 21. Jahrhunderts werde das Wohnzimmer zum Büro und umgekehrt.
Die Dienst-Siesta sei nicht nur leistungsfördernd, sondern entlaste auch die geplagten Rücken der Büroarbeiter. Durch Bandscheibenschäden entsteht in Deutschland ein volkswirtschaftlicher Schaden von 35 Millionen Mark im Jahr, weiß der Trendforscher. Im Liegen würden die Bandscheiben am besten entlastet.
Schlafpause erhöht die Motivation
In zahlreichen US-Unternehmen hat sich Power Napping bereits durchgesetzt. Amerikanische Schlafforscher wollen den wissenschaftlichen Beweis für die Wirksamkeit des Büroschlafes erbracht haben. So zeigt unter anderem eine Studie der Cornell- University, dass eine 20-minütige Schlafpause die Motivation erhöht und Fehler verhindert.
In Vechta wird Power Napping seit einem halben Jahr praktiziert und von der AOK unterstützt. Die teilnehmenden Mitarbeiter der Stadtverwaltung sind mit Eifer bei der Sache, wie der städtische Pressesprecher versichert. 153 von insgesamt 180 Angestellten und Beamten seien Power Napper. Die notwendigen Isomatten hat ein Sponsor bezahlt.
Büroschlaf: Der Öffentlichkeit schwer zu vermitteln
Ob der Dienstschlaf auch die Zufriedenheit der Bürger mit der Verwaltung erhöht, soll jetzt ein Team von Arbeitswissenschaftlern feststellen. Der Sächsische Beamtenbund indes hat das Schlaf-Experiment von Vechta von Beginn an kritisiert. Es bediene das Klischee von den arbeitsscheuen Beamten. Während im ostdeutschen Freistaat der öffentliche Dienst mit immer weniger Personal auskommen müsse, werde anderswo im Büro geschlafen, erregt sich der Sprecher des Beamtenbundes Dieter Köhler. Möglicherweise sei der Büroschlaf gesund - der Öffentlichkeit sei das jedoch schwer vermittelbar.
Viele Deutsche finden die Aussicht auf die Siesta im Dienstzimmer jedenfalls verlockend. Laut einer Emnid-Umfrage träumt jeder Dritte vom erholsamen Nickerchen in der Mittagspause. Und fünf Prozent der arbeitenden Bevölkerung geben bereits jetzt dem erhöhten Schlafdruck am Arbeitsplatz nach und dösen ein Viertelstündchen am Bürotisch. Das Bedürfnis nach Ruhephasen am Schreibtisch will der Büromöbelhersteller Sedus jetzt mit einem multifunktionalen Liegestuhl bedienen. Anstatt sich rückenschädigend in den Stuhl zu lümmeln, befördert ein rascher Handgriff den Büroarbeiter in die Siesta-Position. Vom Leistungsschlaf erhofft sich das Unternehmen ein glänzendes Geschäft.
Text: @ad
Bildmaterial: dpa