Franziska van Almsick

Das Geheimnis ihres triumphalen Comebacks

Von Cai Philippsen, Berlin

01. August 2002 Erst setzte sie sich auf die Leine, reckte die Hände zum doppelten Victory-Zeichen in die Luft, dann hatte es Franziska van Almsick nach ihrem sensationellen Comeback mit dem ersten internationalen Einzeltitel nach siebenjähriger Leidenszeit auf einmal ganz eilig, aus dem Wasser zu kommen.

Zwei schnelle Schritte vom Beckenrand über die Werbebande zur Teilnehmertribüne, dort fiel sie dem Mann in die Arme, dem sie den unerwarteten Triumph zu verdanken hat: Norbert Warnatzsch.

Inniges Verhältnis

„Er gibt mir den letzten Kick. Ich fühle mich wohl, wenn er in meiner Nähe ist“, sagt Franziska van Almsick über den Trainer, der sie schon als 12-jährige Göre durch das Wasser scheuchte. „Wir haben schon ein sehr inniges Verhältnis. Er hat in mir wachgerüttelt, was bisher gefehlt hat. Jetzt kann ich das Letzte geben, nicht nur im Wettkampf auch im Training.“ In den letzten sieben Jahren, als es nicht so gut lief, habe es ein paar Menschen in ihrem Leben gegeben, die immer zu ihr gehalten hätten. Norbert Warnatzsch gehörte dazu.

In die Trainingsgruppe von Norbert Warnatzsch beim SC Neukölln Berlin wechselte sie nach dem Debakel von Sydney, dem erst ein Hörsturz und dann sogar noch ein Bandscheibenvorfall folgte. Sie sei in einem körperlich jämmerlichen Zustand gewesen, erinnert sich Warnatzsch. Der Mann mit der Glatze und dem grimmigen Blick nimmt kein Blatt vor den Mund.

Weitermachen hat sich gelohnt

Während sich die Schwimm-Nationalmannschaft 2001 im fernen Fukuoka für die Olympia-Schmach rehabilitierte, kämpfte der eigentliche Star der deutschen Schwimmer unbeachtet in Berlin um das Comeback. Aufhören am Tiefpunkt oder es noch einmal versuchen, das waren die Alternativen.

Das Weitermachen hat sich gelohnt. „Die Voraussetzungen sind nach wie vor vorhanden, sie ist sehr talentiert, das nimmt ihr auch keiner“, betont Warnatzsch. Er hat seiner Ausnahmeschwimmerin vermitteln können, das Talent allein nicht ausreicht. „Jetzt ist sie körperlich in einer Top-Verfassung“, sagt Warnatzsch bei der EM in Berlin.

Verehrung statt Verhöhnung

Die äußerlichen Veränderungen sind augenscheinlich. Auch wenn die „Franzi van Speck“-Verhöhnung im Jahr 2000 übertrieben waren, heute ist Franzi wieder schlank, drahtig.

Die anderen Veränderungen, die Franziska van Almsick, den Weg zurück in die Weltspitze möglich gemacht haben, sind weniger offensichtlich. Ihr Umfeld mit ihrem Trainer, ihrer Familie, ihrer Managerin und Freundin Regine Eichhorn und ihrem Freund, dem Handball-Nationalspieler Stefan Kretzschmar, harmoniert. Van Almsick: „So perfekt hat es in meinem Leben noch nie gepasst.“

Atempause am Donnerstag

Trotz der guten Form verordnete Warnatzsch seinem Schützling am Donnerstag eine Atempause. Das 100 m Schmetterling-Rennen, der Versuch den 14 Jahre alten deutschen Rekord von Kristin Otto (59,00) anzugreifen, sind gestrichen. „Ich habe mich schon nach zwei Tagen so gefühlt, als hätte mich ein Laster überfahren“, meinte sie nach ihrem Sieg in deutscher Rekordzeit von 54,39 über 100 m Freistil.

Es war ihr insgesamt 19. EM-Titel, damit ist sie die erfolgreichste EM-Schwimmerin aller Zeiten. Alle Konzentration gilt nun ihrer Paradestrecke 200 m Freistil. Und auch wenn sie es nicht offen aussprechen will, Franziska van Almsick wird versuchen, ihren Weltrekord (1:56,78) aus dem Jahr 1994 anzugreifen.

Training nur mit Männern

Wie er aus der launischen Diva wieder eine trainingsfleißige Schwimm-Arbeiterin machte, darüber verliert der 55-jährige Warnatzsch nur ungern Worte. „Wir konnten relativ störungsfrei trainieren. Offensichtlich ist es gelungen, ihr den Kopf frei zu schaufeln, sie neu zu motivieren“, sagt er.

Vielleicht liege es ja auch daran, dass sie nur mit Männern zusammen trainiert. Einer der Männer ist der Berliner Staffel-Europameister Torsten Spanneberg. Der 100 m Freistil-Spezialist findet die Aufregung um die Neuköllner-Trainingsgruppe leicht übertrieben. Bei ihrer Begabung reiche eben ein Jahr vernünftiges Training, um wieder Topzeiten zu schwimmen, meint er lakonisch.

Totaler Triumph am Samstag?

Ob die erfolgreiche Zusammenarbeit eine Zukunft hat, ist allerdings offen. Ein rauschender Abschied in ihrer Heimatstadt Berlin, das war vor dem EM zumindest eine Option im Hinterkopf. Nun ist alles noch triumphaler geworden, als die 24-Jährige es sich hätte ausmalen können.

Und das 200-m-Freistil-Rennen steht noch aus. Franziska van Almsick ist zurück in der Weltspitze, ihre Vision von Olympia-Gold auf einmal nicht mehr undenkbar. Es gibt wieder mehr Argumente für das Weitermachen, als für den Abschied. Sie ist zu schnell, um aufzuhören. Sicher über die Zukunft seiner Schwimmerin ist sich Warnatzsch dennoch nicht: „Ich hoffe, sie macht weiter.“

Text: @phi
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben

Soll Michael Schumacher sein Formel-1-Comeback geben?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche