Hochseesegeln

Ein Mann am Ziel seiner Träume

Von Uwe Jansen und Jochen Rieker, Autoren der Zeitschrift YACHT

13. August 2001 Wir wollten Deutschlands bekanntesten Weltumsegler im Südwesten Englands treffen, wo ein malerisch gelegener Leuchtturm bei Start Point den Ausgang des Ärmelkanals signalisiert und den Beginn des Atlantiks - jener großen, schier endlosen Weite, in der sich Wilfried Erdmann so wohl fühlt.

Aber wo bleibt er nur? Am Eingang zum Kanal hat es in der vergangenen Nacht mit 60 Knoten gestürmt. Weiter draußen auf See waren es immer noch 40 Knoten Wind. Vor dem Festland-Schelf hat sich eine tückische, bis zu sechs Meter hohe See aufgesteilt. Auch jetzt, zehn Stunden danach, laufen noch ungewöhnlich hohe Wellen aus Südwest heran. Sie lassen kleinere Boote immer wieder aus dem Blickfeld verschwinden.

Sturmgebeuteltes Geisterschiff

Doch nach zweitägiger Suche erscheint endlich ein winziger Punkt an der Kimm - dort, wo Wilfried Erdmann herkommen müsste. Und er ist es. Wie ein Matrose auf Landgang taumelt „Kathena nui“ vorwind die Dünung herunter. Als wir näher kommen, ist von Wilfried Erdmann nichts zu sehen.

„Kathena nui“ segelt unter Selbststeueranlage. Auf dem Vorschiff ist noch die orangerote Fock festgebändselt, mit der er den Sturm der letzten Nacht abgeritten sein muss. Der Lukendeckel steht offen. Ein Geisterschiff. Die unheimliche Vermutung, dass der Skipper bei dem horrenden Wind über Board gegangen sein könnte, drängt sich auf.

Mission vollendet: Freude und Genugtuung

Aber dann schiebt Erdmann auch schon seinen Kopf aus dem Niedergang, blickt herüber und reckt unvermittelt die Faust in den Himmel. Es ist eine ungewöhnliche Geste für diesen bescheidenen Mann, der nie viel Aufhebens um seine Person gemacht hat. Doch in diesem Moment bricht auch aus ihm die Freude hervor. Geschafft! Der unmögliche Törn, den vor ihm nur vier Männer je vollendet haben - er hat ihn durchgestanden. Und erlaubt sich zum ersten Mal, das Gefühl zu genießen.

Welche Disziplin, welche Härte, welche Willenskraft dazu gehört, diese Fahrt zu Ende zu bringen, lässt sich kaum erahnen. Wilfried Erdmann spricht bei der Begegnung im Englischen Kanal nur andeutungsweise von den Entbehrungen, denen er sich fast ein Jahr lang ausgesetzt hat. Und schon das sprengt jede Vorstellungskraft.

Zwei Backpflaumen und zwei getrocknete Apfelringe zu Mittag

Als er merkte, dass er mit seinen Vorräten nicht hinkommen würde, begann er früh zu rationieren. Er markierte seine Vorräte mit einem persönlichen „Haltbarkeitsdatum“. Ein Glas Marmelade etwa musste „vom 264. bis zum 299. Tag“ reichen, mehr als einen Monat lang. Falls es vorher aufgebraucht gewesen wäre, hätte es vor dem 300. Tag kein neues gegeben.

In seinem Logbuch schrieb er zuletzt von Unterzuckerungserscheinungen, von der Sehnsucht, einmal durch einen Supermarkt zu stürmen. In schleichender Verzweiflung starrte er auf die Tausendmarkscheine, die er für alle Fälle an Bord hatte:„Wie viel Schokolade hätte ich dafür kaufen können?“ Sein Mittagessen sah zuletzt so aus:„Zwei Backpflaumen, zwei getrocknete Apfelringe, dazu eine Tasse Tee.“ Als wir ihm Nachschub für die letzten Meilen anbieten, verweigert er freundlich: „Ich will nichts, danke. Bis Cuxhaven, die paar Tage halte ich noch durch.“

„Ich hatte Angst, ich habe gezittert.“

Schwer war die Fahrt von Anfang bis zum Ende. Immer wieder muss Wilfried Erdmann mit Stürmen fertig werden, mit Erschöpfung, mit Verletzungen. Schon nach knapp zwei Monaten schreibt er:„Ich hatte mir vorgestellt, ein wenig gleichmütiger zu sein, aber nein - es ist ein stetes Auf und Ab, auch innerlich.“

An seinem 61.Geburtstag fragt er sich im Indischen Ozean:„Ob ich das alles noch schaffe?“ Wenig später gerät er in das schlimmste Unwetter, das er je erlebt hat. Zwei Tage tobt ein schwerer Sturm; die Lage ist so kritisch, dass der 61-Jährige in Gedanken mit dem Leben abschließt. Aber er kommt durch. Und als sei ihm nicht schon genug abverlangt worden, folgt kurz darauf der letzte Schwerwetter-Schlag eingangs des Kanals. „So schnell waren wir noch nie, 'Kathena und ich“, sagt Erdmann .„Im Surf 15 bis 18 Knoten, unvorstellbar!“ Noch einmal kommt er an seine Grenzen. „Ich hatte Angst, ich habe gezittert.“

Ein leiser Held

Aber er hat alles geschafft, hat diese unglaubliche Herausforderung angenommen und die Sache zu einem glücklichen Ende gebracht. Jetzt nur noch ganz zurückkehren. Das wird allerdings schwierig für den Skipper von „Kathena nui“. Ohne es zu wissen oder zu wollen, ist Wilfried Erdmann in den vergangenen elf Monaten zu einem Seehelden geworden. Ein leiser Held.

Der Trubel, die Interviews, die vielen Fragen, die Neider und Kritiker - auf all das ist er nicht vorbereitet. Aber er wird es durchstehen wie noch jeden Sturm in seinem Leben. Was er vorhat, wenn das Gröbste vorbei ist, fragen wir ihn beim Abdrehen.„Ich will mit meiner Frau Astrid nach Dänemark segeln “, sagt Wilfried Erdmann. Unweit ihres Heimatortes liegt eine kleine Insel. Da wollen sie hin, eine Woche lang. Ankern. Reden. Zusammen sein. Seglerisch wird der Törn für Wilfried sicher langweilig werden. Aber menschlich eine ganz neue Erfahrung.

Den vollständigen Beitrag sowie ein 33seitiges Special über den härtesten Törn der Welt finden Sie in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift YACHT.



Text: @nicl
Bildmaterial: Hans-Günter Kiesel

 

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