Interview

Potemkinsche Dörfer und dahinter das Elend

Ines Geipel: Wir bauen uns eine Scheinwelt

Ines Geipel: Wir bauen uns eine Scheinwelt

18. April 2005 Ines Geipel, 1960 geboren in Dresden, war Sprinterin, Weitspringerin und DDR-Rekordlerin mit der Staffel. Im Dopingprozeß gegen die Sportführung der DDR wurde sie zur Sprecherin der Opfer und schrieb das Buch "Verlorene Spiele". Ihre jüngsten Werke sind "Für heute reicht's - Amok in Erfurt" und der Roman "Heimspiel".

In welcher Lage befindet sich der Hochleistungssport in Deutschland?

In derselben wie die Gesellschaft - Potemkinsche Dörfer und dahinter das Elend. Nein, der ganzen Doping-Geschichte ist derart bigott nicht beizukommen. Einerseits der Schrei nach dem Saubermann, Dopinglabors und Gesetzen, andererseits der Ruf nach möglichst viel Gold, dazwischen der Athlet, der mit Erfolg viel Geld und Reputation erhaschen kann. Öffentliche Desillusionierung wäre immer noch ein Weg, knallharte Aufklärung, doch im Grunde - wer will das wirklich? Wir haben doch kein Erkenntnisproblem. Wir wissen seit langem von immer individueller werdendem Doping und daß Forschung, an den Unis etwa, auf schnellstem Wege bei den Athleten landet. Aber wir bauen uns mit Labors und dem Ruf nach Gesetzen eine nette, weil beruhigende Scheinwelt. Um so effektiver kann dahinter das Doping laufen. Und es scheint niemanden zu geben, der diesen Zirkel ernsthaft zu durchbrechen gedenkt. Irgendwann, viele Jahre später, schaut die Gesellschaft auch mal auf die Geschädigten: Mein Gott, wie konnte das bloß passieren? Und winkt, wenn sie um Gehör bitten, genervt ab. Klar, so ein Schaden macht halt nicht richtig Spaß.

Wie fühlt es sich an, gedopt zu sein?

Ob das je ein Athlet so eins zu eins beantworten kann? Vermutlich ist man erst im nachhinein in der Lage, wirklich etwas dazu zu sagen. Das gilt vor allem für den DDR-Sport, wo so ungeheuer spät geklärt wurde, was da ablief. Mein damaliges Dopinggefühl? Extremer Tonus, immerzu Krämpfe, Schlaflosigkeit, eine heftig anlaufende Suchtstruktur. Aber auch die konnte ich erst viele Jahre später benennen.

Wie fühlt man sich, wenn man realisiert, daß man gedopt worden ist?

Ja, wie fühlt man sich schon, wenn man anerkennen muß, daß man Material war. Entzogenes Wissen ist vielleicht das grausamste Wissen.

Was empfindet man, wenn man vor Gericht als Dopingopfer aussagt?

Dieser Prozeß war wichtig, weil er das DDR-Zwangsdoping öffentlich als Unrecht deklarierte, Täter und Opfer endlich trennte. Deshalb standen wir da. Für viele war es jedoch sehr hart, dort auszusagen, da die einzelne Geschichte dabei unrelevant blieb.

Wie erging es Ihnen, als Sie im Dopingprozeß Nebenklägerin waren?

Schon relativ am Anfang des Prozesses kamen die anderen Nebenklägerinnen auf mich zu und fragten, ob ich nicht ihre Geschichten aufschreiben könne. Ich zögerte, fühlte mich einfach zu involviert. Als ich es innerlich annahm, über den Prozeß zu schreiben, war meine Unmittelbarkeit weg, tat nichts mehr weh. Ich zog schöne Kleider an und beobachtete das Szenario eher unter zoologischem Aspekt. Das Glück der Schreiber.

Was erleben Sie, wenn Sie aus Ihrem Dopingbuch lesen?

Vor kurzem war ich mit dem Buch in Jena, erst in der Eliteschule des Sports, wo noch immer die Bilder der alten DDR-Stars in den Fluren hängen. Ein Junge sagte nach der Lesung: Ja, ich höre ihre Geschichten, aber ich weiß nicht, ob ich nicht doch was nehme, wenn es bei einer Europameisterschaft um die entscheidenden Zehntel geht. Das fand ich mutig, denn von dem Moment an konnten wir sprechen. Die zweite Veranstaltung war im Abbe-Gymnasium, einer Schule mit naturwissenschaftlicher Spezialisierung. Da saßen etliche Schüler und erklärten, daß Forschung ein reiner Raum sein müsse, daß es dabei nicht interessieren dürfe, was dabei herauskommt. Die Schule steht keine drei Kilometer von Jenapharm entfernt, dem Produzenten der meisten DDR-Dopingmittel.

Die Fragen stellte Michael Reinsch.



Text: F.A.Z., 19.04.2005, Nr. 90 / Seite 32
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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