Von Cai Philippsen
23. Dezember 2002 Das Comback von Franziska van Almsick war das alles überstrahlende Ereignis des Schwimmsportjahres 2002. In Weltrekordzeit über 200 m Freistil nach sieben Jahren voller Rückschläge schwamm sich die Berlinerin in die Herzen der Zuschauer. Bei den Männern schöpfte Thomas Rupprath endlich sein Potential aus. Nach seiner Rekordserie ist er der große Hoffnungsträger für die WM 2003 und Olympia 2004.
Nach dem Weltrekordrennen von Franziska van Almsick kommentierte FAZ.NET die überwältigenden Reaktionen:
Was macht diese Frau bloß aus? Was lässt Sportmuffel vor den Fernseher eilen, nur um sie schwimmen zu sehen? Was lässt ihre deutschen Teamkolleginnen, zu denen sie immer ein schwieriges Verhältnis hatte, auf der Tribüne Rotz und Wasser heulen, wenn sie auf dem Siegerpodest steht?
Sempre divina antwortet die italienische Gazzetta dello Sport in dicken Lettern: Auf ewig göttlich. Um eine solch eine poetische Zeile über Franziska van Almsick zu schreiben, muss man wohl Italiener sein.
Sieben Jahre Leid beendet
Aber mit deutscher Nüchternheit ist das Phänomen Franziska van Almsick nicht zu erklären. Sie ist derzeit der deutsche Star. Ihre Strahlkraft reicht weit über den Sport hinaus.
Mit ihrem sensationellen Comeback, ihrem Weltrekord (1:56,64 Minuten) über 200 Meter Freistil, den vier Goldmedaillen bei der Europameisterschaft in Berlin, hat sie sich nach siebenjähriger Leidenszeit zurückgemeldet, hat alle Zweifler Lügen gestraft.
Es ist dieses Leiden, es sind diese Brüche in ihrem Leben, die vielen Sorgen, die sie zu überwinden hatte. Das macht sie so gewöhnlich, das macht sie zu einer von Millionen und so zu einer von uns. Sie hat Liebeskummer, sorgt sich um die Eltern, ist mal zu dick, mal zu faul, raucht mal eine, ist mal zickig, mal gemein und manchmal einfach umwerfend.
Sie lässt alle teilhaben
Gleichzeitig ist sie unerreichbar. Medienstar, Werbemillionärin, Weltklasseschwimmerin - das ist der Stoff zum Träumen. Gewöhnlich und doch unerreichbar, das ist die Mischung, aus der Stars gemacht sind.
Und sie lässt uns an allem teilhaben. Sie versteckt ihre Emotionen nicht. Und obwohl sie mittlerweile auch eine begabte Schauspielerin ist, bleibt sie authentisch. Deutschland - und nicht nur die Boulevardmedien - hat sie begeleitet, seit sie als kleine Berliner Göre mit 14 Jahren bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona als erster gesamtdeutscher Sportstar auftauchte, als Symbol der Einheit. Sie war der Ossi, in den sich die Wessis verliebt haben.
Wer weint schon für Schumi?
Das ist jetzt zehn Jahre her. Zehn Jahre, in denen sie ganz oben und ganz unten war. Und Deutschland war immer dabei. Hat Franzi verstoßen, wieder in die Arme geschlossen. Hat über sie geschimpft, ihr geschmeichelt.
Sie ist kein Teflon-Star wie Michael Schumacher, am dem alle Verlockungen des Lebens offenbar vorbeigleiten. Wer hat schon eine Träne beim x-ten WM-Titel für Schumi vergossen?
Sie ist aber auch kein Skandal-Star wie Boris Becker, der, nachdem er den Tennis-Schläger beiseite legte, nur noch durch Dummheiten und Fehltritte auffällt. Und sie ist nicht so unnahbar wie Steffi Graf.
Mit einem Olympiasieg unsterblich
Mit ihrem Weltrekord rechtfertigt sie die Medienhysterie nun auch wieder sportlich. Acht Jahre nach ihrem WM-Titel und der Weltbestmarke in Rom hat sich der Kreis für Franziska van Almsick geschlossen. Es wäre ein Zeitpunkt aufzuhören. Sie ist aufgestiegen in eine Helden-Kategorie mit Schumacher, Steffi Graf, Fritz Walter oder Max Schmeling.
Doch was Franziska van Almsick fehlt, ist ein Olympiasieg. Erst dann bist du unsterblich, rief ihr der NOK-Präsidentschaftskandidat und frühere Weltklasse-Schwimmer Klaus Steinbach zu.
Franziska van Almsick: die Unvollendete?
Recht hat er. Ihr Werk wäre unvollendet. Wollte ihr jeder nach dem Debakel von Sydney noch raten: ´Mädchen, du hast doch alles, warum tust du dir das noch an´, bitten jetzt alle: ´Mach weiter, mach uns noch viel Freude´. Wie auch immer sich Franziska van Almsick entscheidet: Den Platz in unseren Herzen hat sie sicher.
Auf ewig - würde der Italiener schreiben.
Text: @phi
Bildmaterial: dpa