Von Hans D. Barbier
17. August 2009 Die Finanzkrise ist dabei, ihren akuten Schrecken zu verlieren. Da kann man sich Dingen widmen, die von zeitloserer Aktualität sind. Die Zunft der Ökonomen, in Deutschland zumal, hat ein solches Thema. Es geht um die Frage: Wer leistet für das Verständnis der Wirklichkeit und für die Remedur von Fehlentwicklungen mehr: die Ordnungspolitiker oder die von den Ordnungsökonomen meist etwas über die Schulter angesehenen Rechner? Die Frage vereinfacht. Aber die Vereinfachung liefert oft auch den Schlüssel zum Zugang eines Problems. Für die Ausstattung der Hochschulen mag man die Zuspitzung wählen: Was leistet am Beispiel der Krise die Ordnungsökonomik?
Was also war, als die Krise geboren wurde, nicht in Ordnung? Wie sollte eine bessere Ordnung aussehen? In das Erkenntnisgebiet der Ordnungsökonomie fallen einige der schwerwiegenden Fehler, die gemacht wurden. In Amerika ist die Geldpolitik in den Dienst der Sozialpolitik der Regierung gestellt worden: erschwingliche Zinsen für den Hauskauf durch jedermann. Das ist ein Thema für die Ordnungsökonomen. Das Kapital wurde - zu einem nicht geringen Teil - über Verbriefungen bereitgestellt, die die Qualität der Forderungen und die Bonität der Titel absichtsvoll nicht mehr erkennen ließen. Das ist ein zweites Thema für die Ordnungsökonomen. Die Banken in Europa und Amerika durften sich mit abenteuerlichen Quoten leveragen. Ein drittes Thema für die Ordnungsökonomen. Die Finanzaufsicht hat offenbar - nicht überall, aber doch in vielen Fällen - die Missachtung der Regulierungen und das Unzureichende der Regulierungen nicht durchschaut. Ein viertes Ordnungsthema in einer Krise.
Wir wollen kein Wirtschaften im dunklen Sack
Ordnungsökonomie braucht nicht nur normative Ziele, sondern auch Informationen über Vorgänge und Tatbestände im Faktischen. Die Ordnungsökonomie braucht technische Hilfe von sachkundigen Rechnern. Aber die Antwort, wie denn die gute Ordnung auszusehen habe, ist doch eine ordnungstheoretisch gestützte, normative Aussage. Was wir wollen, ist leicht gesagt. Wir wollen eine Ordnung, die uns das Wirtschaften in einem technisch hilfreichen und unsere Stabilitätswünsche erfüllenden Geldregime erlaubt. Wir wollen kein Wirtschaften im dunklen Sack. Wir wollen wissen, welche Risiken in einer Geldordnung stecken, die über die Chancen unserer Suche nach Wohlstand entscheidet.
In der Ordnungsökonomik geht es darum, herauszufinden und darzustellen, wie bestimmte Regeln wirken - etwa nach dem Motto: An ihren Folgen sollt ihr sie erkennen und nach ihren Folgen bewerten. Das Herausfinden der Folgen von Regeln ist eine Hypothesenbildung. Es gilt, die Hypothesen zu bewerten und dann die Regeln - im Zweifelsfall vorläufig - zu installieren und sie weiter zu testen. Beim Erkennen von Fehlentwicklungen muss der Fachmann dem Ordnungsökonomen helfen. Was die meist als Technik erkannten und zunächst auch so eingestuften Fehlentwicklungen für das Finanzsystem und damit für die ganze Wirtschaft bedeuten, das sollte der Ordnungspolitiker einschätzen können.
Ordnungen zu durchschauen, Fehlsteuerungen schon in ihren institutionellen Wurzeln zu erkennen: Das leistet die Wirtschaftspolitik in ihrer Ausprägung als Ordnungspolitik. Wenn dieses Verständnis von ökonomischer Forschung und - ganz ausschlaggebend - ökonomischer Lehre in der institutionellen und personellen Ausstattung der Fakultäten fehlt, dann wird die Qualität der Empfehlungen an die Wirtschaftspolitik nachlassen. Das wiederum wird nicht ohne Folgen für die Qualität der praktizierten Wirtschaftspolitik bleiben. Die Finanzkrise und wesentliche Teile ihres Ursachenkomplexes stützen diese Vermutung. Institutionen, die ja im Wesentlichen Geschöpfe der Wirtschaftspolitik sind, setzen Fehlanreize, wenn der an den Universitäten gepflegten und gelehrten Ökonomie die Lehre der Ordnungen genommen wird.
Der Autor ist Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung.
Text: F.A.Z.
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