Schuhtüftler Eckhard Hermstedt

„Meine Schuhe schießen mehr Tore“

Schuhtüftler Eckhard Hermstedt: “Ich würde mir gerne mal die Füße von Ronaldo oder Messi genau anschauen“

Schuhtüftler Eckhard Hermstedt: "Ich würde mir gerne mal die Füße von Ronaldo oder Messi genau anschauen"

13. Juli 2009 Seit zwanzig Jahren beschäftigt sich Eckhard Hermstedt in seiner Freizeit intensiv mit dem perfekten Schuss. Er hat Hunderte Trainingseinheiten in der Bundesliga gesehen und mit Trainer-Größen wie Ottmar Hitzfeld, Christoph Daum, Udo Lattek oder Otto Rehhagel gefachsimpelt. Der promovierte Chemiker entwickelte spezielle Fußballschuhe für eine höhere Schussgenauigkeit und ließ diese mit Erfolg in der Bundesliga ausprobieren. Dafür besitzt er ein Europa-Patent. Doch bei den Sportartikelkonzernen fand er keine gemeinsame Basis.

Wie viele Torchancen braucht durchschnittlich eine Erstligamannschaft für einen Treffer?

Statistisch sind vier bis fünf Chancen für ein Tor notwendig. Dieses Verhältnis ist seit Jahrzehnten konstant. Zudem sind viele Tore Zufallsprodukte.

Was sagt Ihnen das?

Wäre das mit Hermstedts Schuh nicht passiert? Mario Gomez bei der Euro 2008 gegen Österreich

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Daraus abgeleitet gibt es scheinbar keine Möglichkeit, eine bessere Chancenverwertung zu erreichen, was auch die bekanntesten Trainer, daraufhin befragt, genauso sehen. Es gibt jedoch konkrete Möglichkeiten, die problemlos kurzfristig umsetzbar sind. Aber leider ist es wie folgt: Gesicherte Erkenntnisse über Ursache-Wirkungs-Beziehungen sind im Fußball - im Gegensatz zu den allermeisten anderen Sportarten - Mangelware, was dem Aberglauben Vorschub leistet und die Stagnation bezüglich technischer Verbesserungen erklärt.

Wir kennen doch alle die Begründungen: Wenn der Ball mal wieder danebengegangen ist, dann „fehlte die Konsequenz im Abschluss“. Flog der Ball ins Tor, ist dem Schützen dieses Können „in die Wiege gelegt“ worden. Ihm wird der notwendige „Killerinstinkt“ zugesprochen, den dieser aus unbekannten Gründen zeitweilig verliert. Aus alledem spricht die pure Ratlosigkeit. Trainer, Spieler, Manager und Experten halten sich an Mutmaßungen und stehen einer logischen Analyse der Zusammenhänge skeptisch bis ablehnend gegenüber. Das jedoch wäre zwingend notwendig.

Wie ist Ihre Analyse?

Es spricht sehr viel dafür, dass das Talent für Spielgenauigkeit seine Ursache in der günstigeren Fußform hat. Wenn man sich klarmacht, dass die Fußformen der Spieler so unterschiedlich wie Fingerabdrücke sind, dann erklären sich die Unterschiede in der Spielgenauigkeit zwangsläufig - vom großen Einfluss guter Schusstechniken abgesehen.

David Beckham ist oft wegen seiner gefährlich angeschnittenen Freistöße gerühmt worden. Hat er einen besonderen Fuß?

Natürlich, als ich seinen nackten Fuß in englischen Gazetten sah, wurde mir alles klar. Seine innere Fußform gleicht in gewisser Weise einer Innenhand, dadurch ist der Ball besser zu kontrollieren. Denn warum fallen beim Handball zehn bis 20 Mal mehr Tore als im Fußball? Oder warum ist die Zahl der je Basketballspiel erzielten Körbe so hoch? Die Antwort ist einfach: Die Hand ist für diese Spiele funktionell gestaltet - der Ball ruht in der Wölbung der Hand. Mit dem Handrücken wären kaum Tore zu werfen oder Körbe zu erzielen. Die anatomischen Voraussetzungen der Fußballer sind zwangsläufig ungünstig. Der Spann ist dem Ball gegenüber entgegengesetzt gewölbt und macht das Spiel nur bedingt kalkulierbar. Und wie der Fall Beckham zeigt, bietet die Natur den Spielern keine Chancengleichheit, weil Füße und Spannformen in ihrer technischen Unzulänglichkeit auch noch erheblich voneinander abweichen. Ich würde mir gerne mal die Füße von Ronaldo oder Messi genau anschauen . . .

Welche Lösung steckt hinter der Entwicklung Ihrer Fußballschuhe?

Die verblüffend einfache Lösung des Problems besteht darin, die Form der Fußballschuhe im Spannbereich funktioneller zu gestalten. Das Ballgefühl darf nicht beeinträchtigt werden, und die individuellen Unterschiede der Spieler bei Spannform und Fußhaltung sind zu berücksichtigen. Jeder Spieler, der bisher meine Schuhe getestet hat, war von ihnen überzeugt. Zum ersten Mal trug der damalige Kölner Olaf Janßen ein von mir verändertes Paar in einem Bundesligaspiel. Es war der 26. November 1994, im Heimspiel gegen 1860 München, als ausgerechnet er um 17.12 Uhr mit einem präzisen Distanzschuss zum 2:1 die Partie entschied. Ich garantiere mit meinen Schuhen Minimum 30 Prozent mehr Schussgenauigkeit, mehr Tore, bessere Zuspiele. Für jeden Spieler.

Ist das nicht etwas übertrieben? Die Sportartikelkonzerne beschäftigen Heerscharen in ihren Entwicklungsabteilungen und haben noch keinen Wunderschuh hervorgebracht. Warum ist Ihre Erfindung nicht längst zum Kassenschlager geworden?

Ich habe immer wieder versucht, den großen Firmen meine Entwicklungen nahezubringen. Ohne Erfolg. Hier greift meistens das Not-Invented-Here-Syndrom - was nicht im eigenen Hause entwickelt ist, schiebe ich weg, sonst fragt mich irgendwann der Chef, weshalb er mir so viel Geld zahlt. Die großen Firmen haben doch keine Ideen. Wo sind denn deren Entwicklungen? In der Werbung werden große Dinge versprochen, da gab es Schuhe mit spektakulären Rippen wie den Adidas Predator, mit denen aber kein Tor mehr gefallen ist. Das ist alles nur teures Marketing-Geschwätz. Es gibt viele simple Möglichkeiten, es muss nicht immer Hightech sein.

Man könnte ja auch die Schusstechniken der Spieler verbessern. Was haben Sie bei Ihren vielen Besuchen auf den Trainingsplätzen der Bundesliga da beobachtet?

Ich konnte keine innovativen Trainingsinhalte erkennen. Meistens heißt es da am Ende der Übungseinheit: „Haut noch ein paar Bälle rein!“ Der Trainer kann von seiner Position aus die Bewegungsabläufe nicht genau genug sehen, weil er meistens seitlich des Geschehens steht und nicht hinter dem Tor, von wo er genau erkennen kann, was zu Fehlschüssen führt. Geht der Ball ins Tor, ist es Können, wird er verzogen, war es Pech. In welche Ecke des Tores gezielt werden soll, wird selten gesagt. Es wird so nie eine Reproduzierbarkeit überprüft. Ein bekannter Trainer erklärte mir, dass für die Verbesserung der Schusstechniken gar keine Zeit verfügbar ist. Niemand in der Branche glaubt daran, aus schlechten Freistoßschützen gute machen zu können. Ich beweise es jederzeit. Es geht nicht um Kunst - auch das Fußballspiel gehorcht einfachen physikalisch-technischen Gesetzmäßigkeiten. Die Vereine beschäftigen keine Trainer, die gezielt die Schusstechniken der Spieler verbessern - weil es diese gar nicht gibt.

Das Gespräch führte Michael Ashelm.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP

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