Karikaturenstreit

Wir schreiben Geschichte

Von Michael Hanfeld, Kopenhagen

„Jetzt ist es an den Dänen, etwas zu tun” - Tareq Al Suwaidan

„Jetzt ist es an den Dänen, etwas zu tun” - Tareq Al Suwaidan

10. März 2006 Der Karikaturenstreit läßt Dänemark nicht los. Eine Konferenz zum Dialog der Kulturen, die das dänische Außenministerium am Freitag mit dem arabischen Fernsehprediger Amr Khaled und dem Dänischen Institut für Internationale Studien (DIIS) in Kopenhagen ausrichtete, zeigt, wie sehr der Streit vor allem die muslimische Welt noch immer bewegt. Es dauerte nur eine Viertelstunde, da hatte der erste Gast aus dem Nahen Osten den Dänen nahegelegt, ihre Regierung zu stürzen. Die habe „einen schlechten Job gemacht“ und sei nicht bereit gewesen, die Botschafter der muslimischen Länder zu empfangen: „Jetzt ist es an den Dänen, etwas zu tun“, sagte Tareq Al Suwaidan, der Chef des kuweitischen Satellitensenders „Al Resalah“ (Die Botschaft). „Tut etwas dagegen“, dann werde auch der Boykott dänischer Produkte enden.

Kaum hatte er seinen Standpunkt vorgetragen, beeilte sich auch der als gemäßigt geltende Fernsehprediger Amr Khaled, der in Europa wie in den arabischen Ländern Anhänger um sich schart, um scharfe Töne. Er hoffe, daß jeder einsehe, daß durch die Mohammed-Karikaturen alle Muslime beleidigt worden seien. „Die Dänen und die dänische Regierung sollten mit einer humanitären Geste zeigen, daß sie sich distanzieren.“ Da konnten die Dänen auf dem Podium nur staunen. Doch kaum war das Gros der Presse verschwunden, wurde es moderater. Der Senderchef Al Suweidan bekundete sogar, daß er Dänemark für ein wunderbares Land halte, in das er, falls er Kuweit jemals verlassen müßte, gerne reiste.

Der Kopenhagener Imam war nicht eingeladen

Für Amr Khaled war es wichtig, so deutlich aufzutreten. Denn mit seinem Kommen allein zog er die Kritik muslimischer Gruppen auf sich. Eingeladen waren nämlich neben der Presse Referenten und Teilnehmer aus der arabischen Welt und jeweils 25 Jugendliche aus der arabischen Welt sowie aus Dänemark, nicht aber Vertreter der im Land angesiedelten muslimischen Organisationen, die den weltweiten Protest gegen die Ende September des vergangenen Jahres in der Zeitung „Jyllands-Posten“ erschienenen Mohammed-Karikaturen entfacht hatten. „Das ist die erklärte Politik“, sagte der Kopenhagener Imam Abu Laban dieser Zeitung.

Auf sein Geheiß hin war im Dezember eine Delegation dänischer Muslime nach Kairo und Beirut gereist, um dort für die Unterstützung ihres Protestes gegen die Karikaturen zu werben. Radikale Muslime oder solche, die man dafür halte, seien zu der jetzigen Konferenz explizit nicht eingeladen worden, sagte Abu Laban. Dabei seien es die dänischen Muslime, mit denen die Regierung den Dialog suchen müsse. Gleichwohl wolle er den populären Prediger Amr Khaled nicht kritisieren. „Amr Khaled ist sehr willkommen, wenn wir nicht eingeladen sind, kommen wir nicht, und wenn irgendwelche Resolutionen verabschiedet werden, fühlen wir uns nicht an sie gebunden“, sagte Abu Laban. Doch warne er jeden davor, die Konferenz zu mißbilligen oder zu protestieren. Schließlich werde hier der Dialog aufgenommen, um den allein es ihm gehe.

Dialog aus der Defensive

Die Teilnehmer der Konferenz verfolgten ihr Anliegen ernsthaft, „doch sie können das Problem nicht lösen“. Massive Kritik an Amr Khaled und der Konferenz hatte auch der einflußreiche Imam Scheich Joussef al Qardawi geübt, der regelmäßig im arabischen Nachrichtensender Al Dschazira predigt. Doch es mußte sich niemand sorgen, daß der muslimische Standpunkt nicht deutlich würde. Besonders mit Verweis auf den Holocaust wurde immer wieder angesprochen, daß auch in Europa die Presse- und Meinungsfreiheit nicht grenzenlos sei. Nun sollte es, meint der Senderchef Al Suweidan, in Europa ein Gesetz geben, das die Beleidigung von Religion unter Strafe stelle. Europa unterschätze die Macht und den Einfluß der muslimischen Welt. Die Muslime seien Teil des Westens, sagte der Scheich Al Mahib Ali Aljifi, der von einer „moralischen Weltkrise“ sprach.

Da war er also, der Dialog der Kulturen, dänischerseits mit erkennbarer Defensive geführt. Dem evangelischen Bischof Karsten Nissen blieb nicht viel mehr, als darauf hinzuweisen, daß das dänische Recht drei Paragraphen gegen Beleidigung, Blasphemie und Rassismus kenne. Nur sei es nicht die Sache der Regierung, sich um solche Angelegenheiten zu kümmern, sondern die der Gerichte. Daß dies Ausfluß des Vertrags ist, auf dem eine Gesellschaft wie die dänische gründet, ist der Punkt, an dem der gütlichste Versuch endet, sich mit den Stimmen aus dem Nahen Osten zu verständigen, die deutlich machen, daß es in ihren Ländern keine Trennung von Religion und Staat gebe.

Die Debatte als historisches Verdienst

Der Imam Abu Laban war zwar nicht auf der Konferenz, doch trotzdem präsent. Er hatte im Dezember eine Delegation von fünf Gesandten an die Al-Asra-Universität in Kairo und nach Beirut geschickt, um auf den Protest gegen die Karikaturen aufmerksam zu machen und den Beistand des geistlichen Führers Tantawi zu erhalten. Zuvor habe er, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung darlegte, wochenlang versucht, Kontakt zu den Verantwortlichen der „Jyllands-Posten“ zu erhalten und sie für ein „Mohammed-Seminar“ zu gewinnen, auf dem der Abdruck der Karikaturen und dessen Wirkung auf die Muslime diskutiert werden sollten. Darüber habe er auch mit dem Kulturchef der „Jyllands-Posten“, Flemming Rose, gesprochen. Nichts sei geschehen.

Das dieser Zeitung vorliegende Schreiben, das Abu Laban dem inzwischen von seinem Posten suspendierten Rose geschickt hatte, ist allerdings weniger als Diskussionsangebot, sondern als Polemik gegen den Abdruck der Karikaturen gehalten. Das vierzigseitige Dossier, das Abu Laban seiner Delegation für den Nahen Osten mit auf den Weg gegeben hatte, enthielt nicht nur die zwölf Mohammed-Karikaturen der „Jyllands-Posten“, sondern auch andere Abbildungen, die Abu Labans Organisation in Drohbriefen zugeschickt worden seien. Von der Gewalt, die daraus resultierte, distanziert sich Abu Laban. Doch nahmen es die Muslime in Dänemark nicht mehr hin, „wie Kindergartenkinder behandelt zu werden“. Sie wollten sich integrieren: „Wir sind dänische Bürger.“ Daß es jetzt eine Debatte über den Islam gebe, rechnet sich Abu Laban als historisches Verdienst an: „Wir schreiben Geschichte.“ Die dänischen Rechtspopulisten vermuten eine Tendenz zu Zensur und Selbstzensur. Sie kündigen Zeitungsanzeigen zum Islam an, die „bis an die Grenze gehen“.

Text: F.A.Z., 11.03.2006, Nr. 60 / Seite 45
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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