Vordenker Paul Krugman

Was uns arm gemacht hat

Von Frank Schirrmacher

Geehrter Blogger: Paul Krugman

Geehrter Blogger: Paul Krugman

14. Oktober 2008 „Uns stehen sehr, sehr harte Jahre bevor“, notierte er Ende letzter Woche in seinem Blog. Doch die Tatsache, dass Paul Krugman jetzt den Nobelpreis bekommt, ist ein gleißendes Licht am Ende des Tunnels. Diese Krise wird zu einem fundamentalen Durchdenken unserer Gesellschaften führen, sie wird Finanzökonomie wieder zu einer gesellschaftlichen und Globalisierung zu einer sozialen Angelegenheit machen, oder sie wird uns nirgendwohin führen.

Als Krugman vor einigen Monaten in der „American Academy“ in Berlin über sein neues Buch „The Conscience of a Liberal“ diskutierte, beschrieb er das Entstehen neuer sozialer Ungerechtigkeit anhand eines liebgewordenen Vorurteils. Erziehung und Ausbildung, so der gängige Slogan, entschieden über die Chancen in der Gesellschaft. Gute Ausbildung, so Krugman, entscheide aber in Wahrheit über gar nichts mehr, außer der Chance, nicht zu untersten Unterschicht zu gehören: der bestbezahlte Hedge-Fund-Manager der Vereinigten Staaten verdient in einem Jahr soviel wie sämtliche Lehrer des Bundesstaates New York in drei Jahren verdienen. Heute wissen wir, dass solche ökonomischen Superlative nicht nur zu einer völligen Abspaltung der Wall-Street-Eliten geführt, sondern die gegenwärtige weltweite Wertevernichtung ermöglicht hat.

Eher Armut als Reichtum

Es könnte sein, dass das System solche Ungerechtigkeiten noch eine Weile erträgt. Die Frage ist nur, wann die letzten Loyalitäten zu seinen Wohlstandsversprechungen zusammenbrechen werden. Nach Lage der Dinge würde das passieren, wenn das System für alle erkennbar eher Armut als Reichtum produziert.

Paul Krugman ist ein Kritiker der Bush-Ära. Das sind viele. Aber keiner findet systematischere Gründe für ihr moralisches und soziales Scheitern. „Die Finanzkrise“, so sagte er vor wenigen Tagen, „ist nicht allein die Schuld dieser Administration. Aber sie ist die Frucht der Philosophie dieser Regierung“.

Das er nun den Wirtschafts-Nobelpreis bekommt, ist - nach dem Medizin-, und dem Literatur-Nobelpreis - der dritte Schlag gegen Bushs Amerika. „Schlechte Moral, schlechte Ökonomie“, hat er lakonisch letzte Woche in einem Kommentar vermerkt. Das ist, nebenbei bemerkt, nicht nur ein Preis für einen großen Theoretiker. Es ist der erste Nobelpreis für einen Blogger. Krugmans Blog in der „New York Times“ hat ihn zu einer öffentlichen Institution gemacht, so sehr, dass ein Teil der amerikanischen Wirtschaftselite über Bushs Rettungspaket erst das Urteil fällen wollte, als Krugman es in seinem Blog rezensierte. Die öffentliche Wirkung Paul Krugmans zeigt allen Verächtern des Geistes: Globalisierte Gedanken sind ein echter Feind der gedankenlosen Globalisierung.

Was geschah mit den Babyboomern?

Krugman stellt eine einzige Frage: Wie kann es sein, dass die modernen ökonomischen Verhältnisse im Begriff sind ein paar sehr Reiche, viele Arme und eine große Schicht, der ständig um ihre Existenz fürchtende Mittelschicht produzieren? Was geschah mit der Gesellschaft, „in der wir Babyboomer aufgewachsen sind“ - jene fünfundzwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, die einen historisch einzigartigen Wohlstand für die Mittelschicht brachten?

Krugman weist nach, dass die neuen soziale Ungleichheit in Amerika politisch gewollt und dirigiert wurde. Die hochelaborierte wissenschaftliche Debatte darüber, ob es den Menschen heute besser gehe als vor fünfundzwanzig Jahren konterte er mit einer seine Fachkollegen sprachlos machenden Antwort: „Ist es nicht bezeichnend, dass wir das überhaupt debattieren? Damals gab es kein Internet, keine Computer, keine Handys, kein Bar-Code-Scanner, und trotzdem wissen wir nicht, ob es den Menschen heute ökonomisch besser geht? Wo sind die Rationalisierungeffekte denn hingegangen?“ Handy und Internet sind für Krugman nur die materiellen Symbole der Globalisierung: es wird, wenn wir nicht einschreiten, den breitesten Schichten in fünfundzwanzig Jahren noch schlechter gehen.

Roosevelt als Held

Krugmans Held ist Franklin D. Roosevelt. Sein Amerika fordert er zurück. Und liest man seine Bestandsaufnahme jener Jahre, dann wird man erkennen, dass das Ideal dieses Ökonomen in jener sozialen Marktwirtschaft besteht, die in Deutschland unter den aus dem Bush-Amerika importierten Theorien des Neoliberalismusverschüttet zu werden droht. Die einzigartige ökonomische Verfallsgeschichte der amerikanischen Mittelschichten ist gewiss härter als die vergleichbaren sozialen Einbußen hierzulande. Krugman lässt auch keinen Zweifel daran, dass das Ausmaß der Ungleichheit in Amerika weitaus größer ist als in Deutschland. Aber wir holen auf, Richtung Abgrund. Die Indikationen sind da. Wer könnte bestreiten, dass die ökonomische Bedrohung der Mittelschichten und der noch bedrohtere ökonomische Aufstieg der unteren Schichten, das große Thema unserer nächsten Jahre ist?

Wer könnte bestreiten, dass sich die Wohlstandsversprechen des letzten Jahrzehnts umzukehren beginnen? Nicht lange, und eine jetzt noch in Schockstarre befindliche Gesellschaft, wird ausrechnen was nur eine Promille des augenblicklich in der Finanzkrise vernichteten Kapitals in der Bildung bewirkt hätte. Sie wird dieses Geld zurückfordern.

Krugman fordert von der Bush–Regierung das wahre Amerika zurück. Sein modus operandi ist die Rückbesinnung.

Ein deutscher bürgerlicher Liberalismus, der auf sich hielte, sähe in diesem Nobelpreisträger seine Zukunft.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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