Drittes Reich

Basteln an Hitlers Bombe

Von Ulf von Rauchhaupt

14. März 2005 Außergewöhnliche Behauptungen verlangen außergewöhnliche Beweise. Mit diesem Grundsatz versuchte der amerikanische Astronom Carl Sagan einst ein heikles Problem forschungslogisch in den Griff zu bekommen: Sagan war einerseits ein angesehener Wissenschaftler (und wollte das auch bleiben), interessierte sich aber andererseits brennend für mögliche Radiosignale außerirdischer Lebewesen. Kein Signal, so Sagan, dürfe aber als echt gelten, das sich auch weniger spektakulär interpetieren läßt.

Ein laufender Kernreaktor im Dritten Reich, ein Kernwaffentest der SS - so etwas hat für nüchterne Zeitgenossen durchaus den Rang kleiner grüner Männchen. Dies um so mehr, als die Wunderwaffen-Propaganda des Hitlerreiches bis heute in einer Art Nazi-Esoterik nachwirkt, die munter über unterirdische SS-Labors, fliegende Untertassen mit Hakenkreuz-Emblemen oder eben deutsche Atombomben schwadroniert.

„Hitlers Bombe“ ist irreführend

Damit möchte Rainer Karlsch sicher nichts zu tun haben. Der Berliner Privatgelehrte ist immerhin ein anerkannter Wirtschaftshistoriker. Dennoch war es wohl kaum zu vermeiden, daß die Ankündigung seines Buches „Hitlers Bombe“, das bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen ist und morgen in den Handel kommt, teilweise heftige Entrüstung auslöste.

Dabei ist der Titel irreführend. Karlsch behauptet an keiner Stelle, das Dritte Reich hätte das Rennen um die Nutzung der Kernspaltung doch gewonnen oder die Wehrmacht habe über eine Kernwaffe verfügt. Er sagt nicht, daß es „Hitlers Bombe“ gab. Er sagt nur, daß an ihr gebastelt wurde. Aber schon das ist starker Tobak.

Nun geht Karlsch noch ein Stück weiter, indem er behauptet, jene Bastelei sei erschreckend weit gediehen gewesen. Demnach wurde um die Jahreswende 1944/45 im Dorf Gottow bei Kummersdorf südlich von Berlin ein Kernreaktor zum Laufen gebracht.

Außerdem habe es Anstrengungen gegeben, Fusionsreaktionen - wie sie in Wasserstoffbombenexplosionen stattfinden und dort mit Atombomben gezündet werden - durch sogenannte Hohlladungen auszulösen. Das sind speziell geformte konventionelle Sprengladungen, wie sie etwa in einer Panzerfaust verwendet werden.

Schließlich seien im Oktober 1944 auf Rügen und im März 1945 auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf in Thüringen Explosionen gezündet worden, bei denen zumindest in einem Fall Kernenergie frei wurde. Dabei sollen Hunderte ums Leben gekommen sein.

All dies steht ziemlich quer zu dem, was man bis dato über die Kernforschung im Hitlerreich zu wissen glaubte. Das hört sich so an: In dem Land, in dem Otto Hahn 1938 die Kernspaltung entdeckt hatte, arbeitete man zwar an einem Reaktor, brachte ihn aber nie so weit, daß er „kritisch“ wurde, daß also eine selbsterhaltende Kettenreaktion zustande kam. Die Idee, noch zu Kriegszeiten eine Kernwaffe zu entwickeln, habe man bald beerdingt. Niemand habe ernsthaft eine Bombe bauen wollen.

Außergewöhliche Beweise?

Wirklich nicht? „So ein Schmarrn“ - dieser oder ähnliche Ausrufe dürften so ziemlich jedem entfahren sein, der in den letzten Wochen von Rainer Karlschs Buch hörte. Und es ist keineswegs so, daß dieser Eindruck bei der Lektüre sofort verfliegt. Wer mit einschlägigen Veschwörungstheorien vertraut ist, trifft im Buch auf gute Bekannte: Auch in der Nazi-Esoterik kursieren Ohrdruf und die Ostsee als Schauplätze von Atomwaffentests der SS.

Und etliche der von Karlsch zitierten Augenzeugen kamen schon in so manch halbseidenem Werk zu Worte. Das gilt insbesondere für die Passagen, wo von angeblichen Tests auf Rügen die Rede ist und Karlsch den anerkannt fragwürdigen Erinnerungen des italienischen Journalisten Luigi Romersa breiten Raum gibt.

Abseits der Rügen-Episode kann Karlsch allerdings auch etliche Indizien aus sauberen Quellen beibringen. Besonders interessant, zuweilen geradezu sensationell, sind Dokumente aus bislang unzugänglichen russischen Archiven. Von manchen dieser Akten ahnten die Historiker etwas - beispielsweise von einer Patentanmeldung Carl Friedrich von Weizsäckers aus dem Jahr 1941, in der zum ersten Mal das Prinzip einer Plutoniumbombe beschrieben ist.

Andere werfen ein neues Licht auf die kernphysikalischen Aktivitäten im Dritten Reich. Diese Dokumente ausgegraben zu haben ist mit Sicherheit ein Verdienst, mit dem Rainer Karlsch ohne weiteres ein gutes, vielleicht sogar auch ein gut verkäufliches Buch hätte schreiben können.

Geschrieben hat er aber „Hitlers Bombe“. Und die Frage, die er sich jetzt gefallen lassen muß, lautet: Haben seine neuen Indizien die Qualität außergewöhlicher Beweise für die vorgebrachten Thesen?

„Neues Kapitel der Geschichte“

Im Moment kann das am ehesten Mark Walker beurteilen - auch, weil er einer der wenigen Historiker ist, die das Buch bisher ganz lesen konnten. Walker ist Professor am Union College in Schenectady, New York, und hat mit seiner Dissertation, die auf deutsch 1992 unter dem Titel „Die Uranmaschine“ herauskam, das maßgebliche Werk zum Thema vorgelegt.

Im Mittelpunkt stehen die Physiker um Werner Heisenberg, was viel mit der Datenlage zu tun hatte: Heisenberg war der prominenteste deutsche Physiker, der nicht vor den Nazis geflohen war, und einer der besten Theoretiker seiner Zeit. Für die Sieger war er der Kopf der deutschen Kernforschung, sein letztes Reaktorlabor im württembergischen Haigerloch fiel 1945 den Amerikanern in die Hände.

Bei Rainer Karlsch geht es aber nicht um Heisenberg, sondern um Aktivitäten, von denen dieser wohl kaum etwas wußte. Und was der Berliner da herausgefunden hat, beeindruckt Walker: „Karlsch hat eine neues Kapitel der Geschichte der Kernwaffenforschung im Dritten Reich geschrieben.“

So kann Karlsch klar belegen, daß auch andere, bisher als randständig angesehene Gruppen handfeste Kernforschung betrieben und daß eine davon deutlich weiter kam, als man bisher dachte: die Physiker der Heeresversuchsanstalt in Gottow unter der Leitung von Kurt Diebner.

Ereignisse werden nun schriftlich greifbarer

An der wissenschaftlichen Qualifikation der Diebner-Truppe ließen die meisten anderen deutschen Kernphysiker nach dem Krieg kein gutes Haar. „Die haben da im Oberlaborantenstil herumexperimentiert“, sagt noch heute Ulrich Schmidt-Rohr, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg.

Andererseits ist schon länger bekannt, daß Diebners Reaktoranordnung in Gottow besser lief als die Heisenbergs und daß dieser nur zögerlich auf Diebners Konzept umschwenkte. Ein Brief, den Karlsch in Moskau fand, zeigt, daß Diebner noch im November 1944 erfolgreich experimentierte und seine Versuche mitnichten schon im Frühjahr 1944 einstellte, wie man bisher dachte.

Auch die Ereignisse im thüringischen Ohrdruf im März 1945, von denen es bislang nur Augenzeugenberichte mit, gelinde gesagt, fragwürdigem Quellenwert gab, werden nun schriftlich greifbarer - vor allem durch einen sowjetischen Geheimdienstbericht vom 23. März 1945, der von zwei starken Explosionen in Thüringen erzählt, bei denen Kriegsgefangene umkamen. „Entwicklung hoher Temperaturen“ sowie „ein starker radioaktiver Effekt“ seien beobachtet worden.

Neues Material fand Karlsch auch über die historiographisch bisher reichlich unterbelichteten Aktivitäten im Bereich hohlladungsgezündeter Kernfusion. „Hier hat Karlsch etwas gefunden, was mir vorher fast völlig unbekannt war“, sagt Walker, den es nicht stört, daß eine Hauptquelle dafür erst nach dem Krieg von einem Herrn aufgezeichnet wurde, von dem seine Forscherkollegen ähnlich wenig hielten wie von Diebner: vom Forschungschef des Heereswaffenamtes, Erich Schumann.

„Der war politisch skrupellos, aber ein hervorragender Organisator“, sagt Mark Walker. Daß er und Diebner nach dem Krieg so lächerlich gemacht wurden, war nach Ansicht Walkers Teil einer wohlüberlegten Strategie, die deutschen Kernphysiker säuberlich in zweitklassige Naziforscher und fähige, aber unpolitische Wissenschaftler zu unterteilen.

So etwas wie ein deutsches Kernwaffenprogramm

Einer, der immer klar der zweiten Kategorien zugerechnet wurde, war Walther Gerlach. Der Münchner Ordinarius war seit 1944 offizieller Leiter der deutschen Kernforschung. Als bloßer Koordinator war er für die Historiker bislang keine zentrale Figur. Karlsch zeigt nun, in welch heftige Aktivität Gerlach in den letzten Kriegsmonaten verfiel.

Sollten die viele Reisen sowie Treffen mit Vertretern von Militär und SS einzig den Sinn gehabt haben, dem Regime etwas vorzugaukeln, um die Physiker von dem Fronteinsatz zu bewahren? Das Netz der Indizien, das Karlsch mit Hilfe der neuen Dokumente knüpft, weist eher darauf hin, daß Gerlach sich deutlich mehr für Waffenentwicklung interessierte und seine Aufgabe in der Dämmerung des Dritten Reiches engagierter und effektiver wahrnahm, als bisher vermutet wurde.

Die Frage, ob die Bemühungen Diebners, Gerlachs und anderer einer kerntechnischen Waffe galten, beantwortet Karlsch mit einem klaren „Ja“. Unter der Ägide der SS gab es im letzten Kriegsdrittel so etwas wie ein deutsches Kernwaffenprogramm. Das ist, wie gesagt, eine außergewöhnliche Behauptung.

Aber nicht nur Mark Walker akzeptiert das vorgebrachte Beweismaterial. „Es haben offenbar viele Leute an einer Atombombe gebastelt“, sagt auch Dieter Hoffmann vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Hoffmann hat die Abhörprotokolle herausgegeben, die entstanden, als die führenden Köpfe der deutschen Kernphysik, darunter Hahn, Heisenberg, von Weizsäcker, Diebner und Gerlach, 1945 auf dem englischen Landsitz Farm Hall interniert waren.

Aus diesen ist bekannt, daß die Nachricht von der Zerstörung Hiroshimas bei Gerlach einen Nervenkollaps auslöste. „Dieser Zusammenbruch war bislang völlig unverständlich“, sagt Hoffmann. „Vor dem Hintergrund dessen, was Karlsch über Gerlach herausgefunden hat, ist er jetzt verständlicher.“ Er brach zusammen, als er hörte, daß den Amerikanern gelungen war, was unter seiner Verantwortung in Deutschland nicht zustande kam.

Eine ganz andere Frage freilich ist, ob Gerlachs und Diebners Bemühungen überhaupt Erfolg haben konnten. Kam es in Gottow und Ohrdruf wirklich zu nuklearen Kettenreaktionen? Hier wechselt die Perspektive von der Geschichtswissenschaft zur Physik.

Kommentare, die ins Bild paßten?

Rainer Karlsch stützt sich in seinem Buch „Hitlers Bombe“ auch auf physikalische Indizien. Als Laie auf diesem Gebiet hat er sich von einer Reihe von Fachleuten beraten lassen, die auch Auszüge des Manuskriptes zu sehen bekamen. Das hat leider nicht verhindert, daß hier der eine oder andere Fehler stehenblieb.

Besonders ärgerlich ist, daß Karlsch es grundsätzlich für möglich hält, mittels Hohlladungen Fusionsreaktionen zu zünden. Offenbar hat er einige seiner physikalischen Berater tatsächlich so verstanden, daß eine sogenannte „Trägheitsfusion“ allein mit konventionellem Sprengstoff nicht ausgeschlossen ist.

Zumindest einer dieser Berater aber, Ulrich Schmidt-Rohr aus Heidelberg, hat Karlsch nach eigener Aussage ausführlich erklärt, daß das schlicht und ergreifend nicht geht: „Mit einer Panzerfaust erreichen Sie Drücke von einer halben Million Bar, mit heutigen konventionellen Hohlladungen höchstens 10 Millionen Bar - doch für eine Fusion brauchen Sie eine Milliarde Bar, also noch einmal das Hundertfache.“

Auch Detlef Lohse von der Universität Twente in den Niederlanden, ein bekannter Theoretiker auf dem Gebiet der Implosionsphysik, ist sich sicher: „Das konnte und kann nicht funktionieren.“

Der Verdacht ist nicht völlig von der Hand zu weisen, daß Karlsch hier nur solche Kommentare wahrgenommen hat, die ihm in sein Bild paßten. Dabei war das völlig unnötig: Die Kernreaktionen, von denen er spricht, waren höchstens Spaltprozesse, niemals reine Fusionen. So muß bei der Testexplosion in Ohrdruf - die einzige, die reale Spuren in Dokumenten hinterlassen hat - Uran zum Einsatz gekommen sein.

Dafür spricht nicht nur die Erwähnung des spaltbaren Uranisotops U-235 in dem sowjetischen Geheimdienstbericht, sondern auch die zweite Indizien-Säule, auf die Karlsch sich stützt: Messungen radioaktiver Isotope in Bodenproben aus Gottow und Ohrdruf.

„Mißverständnisse und physikalische Fehler“

Denn schon die Tatsache, daß der Gottower Reaktor kritisch wurde, kann Karlsch aus keinem einzigen Dokument schließen. Das gleiche gilt für die Frage, ob die Explosionsenergie in Ohrdruf zu einem meßbaren Teil aus Kernreaktionen stammte. Hier muß Karlsch sich ganz auf die Experimentalphysiker verlassen, die die Bodenproben auf Gamma- und Alphastrahlung der für Kernspaltungsprozesse charakteristischen Isotope hin untersucht haben.

Auf den ersten Blick sind ihre Ergebnisse beeindruckend: In Gottow fanden sich Reste von Uran mit einem höheren als in Natururan enthaltenen Anteil an U-235. Das könnte bedeuten, daß Diebner mit angereichertem Uran experimentierte, wobei der Anreicherungsgrad allerdings nicht mehr als 12 bis 15 Prozent betragen haben kann, denn höher konnte man Uran in Deutschland damals nicht anreichern.

Das ist aber viel zu gering, um damit eine Atombombe zu bauen, die diesen Namen verdient. Zumindest einige hundert Gramm Uran dieses Anreicherungsgrades standen den deutschen Physikern zur Verfügung - das war bekannt. Neu an den Befunden aus Gottow ist, daß Diebner damit hantiert haben soll. Es könnte bedeuten, daß er seinen Reaktor tatsächlich zum Laufen brachte.

Doch das läßt sich nach Einschätzung der Wissenschaftshistorikerin Cathryn Carson von der University of California in Berkeley nicht belegen - auch durch die Messungen nicht. „Das paßt nicht so zusammen, wie Karlsch es suggeriert“, sagt Carson, „da gibt es Unstimmigkeiten, Mißverständnisse und physikalische Fehler.“

Karlsch kann zwar nachweisen, daß Diebner Experimente machte, von denen bislang nichts bekannt war. Doch die außergewöhnlichen Beweise dafür, daß der Gottower Reaktor wirklich lief, bleibt er schuldig.

Kernreaktionen mit Energiefreisetzung

Das macht den Leser nicht gerade gewogen, Karlschs Argumenten für einen erfolgreichen SS-Kernwaffentest in Ohrdruf zu folgen. Immerhin, auch dort fanden sich Uran, Plutonium und zudem das Spaltprodukt Cäsium-137.

„Dabei können wir ausschließen, daß es sich um den Fallout des Reaktorunfalls von Tschernobyl handelt“, sagt Dirk Schalch von der Universität Gießen, der an den Messungen beteiligt war. „Das Bundesamt für Strahlenschutz hat Erhebungen über die Verteilung von Tschernobyl-Cäsium gemacht, und da liegen wir an einigen Stellen eben drüber - und zwar deutlich.“

Aber die Forscher stießen noch auf etwas anderes: Kobalt-60, das bei der Einwirkung von Neutronen aus Spaltreaktionen auf Eisen oder Stahl entsteht. Zusammen mit den Cäsium-Werten läßt das für den Kernchemiker Reinhard Brandt von der Universität Marburg nur einen Schluß zu: Es kann sich nicht einfach nur um eine „schmutzige Bombe“ gehandelt haben, also um einen Sprengsatz, der neben Splittern auch radioaktives Material durch die Gegend schleudert.

„Während der Explosion sind auch deutlich Kernreaktionen mit Energiefreisetzung abgelaufen“, wird Brandt von Karlsch zitiert - eine Einschätzung, die der Marburger Wissenschaftler auf Nachfrage bestätigt.

Radioaktives Material aus der Nachkriegszeit?

Für einen außergewöhnlichen Beweis reicht das freilich nicht. „Die Physiker sollten ihre Daten veröffentlichen, damit andere Physiker sie nachprüfen können“, empfiehlt Cathryn Carson. Das hätte vermutlich sehr viel länger gedauert, als Karlsch als freischaffender Historiker mit der Veröffentlichung seines Buches hätte warten können. Immerhin muß man ihm zugute halten, daß er sich nicht mit Messungen eines Labors zufriedengegeben hat.

Tatsächlich wurden die Gießener Ergebnisse durch separate Messungen der Gruppe um Uwe Keyser von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig bestätigt. Keyser verfügt über Meßgeräte zum Nachweis geringster Spuren gammastrahlender Isotope, die zu den besten der Welt zählen. „Es kann sich nicht um Unsinn handeln“, sagt Keyser, „da sprechen die Isotope eine klare Sprache. Wie und wann die dahingekommen sind, kann ich derzeit natürlich nicht sagen.“ So kann er nicht ausschließen, daß das radioaktive Material aus der Nachkriegszeit stammt.

„Die Russen könnten dort Kontaminations- und Dekontaminationsexperimente durchgeführt haben.“ Denn Ohrdruf war, wie übrigens Gottow auch, später sowjetisches Militärgelände. Heute übt dort die Bundeswehr das Mörserschießen, weswegen direkt am vermuteten Explosionsort bislang keine Bodenproben entnommen werden konnten. Gaukelt uns hier der laxe Umgang der Roten Armee mit strahlenden Stoffen einen Kernwaffentest der SS vor?

„Diese Frage läßt sich ohne Vorurteile wissenschaftlich beantworten“, sagt Keyser und verkündet damit etwas recht Ungewöhnliches: die Klärung einer historischen Frage mit Mitteln der Naturwissenschaft. Der Braunschweiger Professor hat nämlich vor, die Bodenproben aus Ohrdruf und Gottow einer sogenannten Prompten-Gamma-Analyse zu unterziehen.

Dabei werden sie in den Neutronenstrahl eines Forschungsreaktors gehalten, wodurch sämtliche Atomkerne - also nicht nur die radioaktiven - zur Emission von Gammastrahlen angeregt werden. Daraus kann man dann auf geringste Mengen stabiler Zerfallsprodukte aus früheren Kernreaktionen schließen. So lassen sich nicht nur nähere Einzelheiten über diese Reaktionen in Erfahrung bringen, sondern man kann auch zurückrechnen, ob sie tatsächlich schon im März 1945 stattgefunden haben.

„Geboostete“ Spaltbombe oder ein „fizzle“?

Sollten die Messungen das Datum bestätigen und damit ausgerechnet Karlschs außergewöhnlichste Behauptung beweisen, dann hätten die Physiker allerdings ein Problem.

Denn die wenigsten können sich vorstellen, daß Diebner und Co. mit dem damals vorhandenen Material, insbesondere dem bißchen niedrig angereicherten Uran, „deutliche Kernreaktionen mit Energiefreisetzung“ bewerkstelligen konnten.

Karlsch glaubt, daß es sich bei der Ohrdrufer Versuchsanordnung um eine Abart einer sogenannten „geboosteten“ Spaltbombe handelt, bei der gegeneinander gerichtete kegelförmige Hohlladungen das Material zweier Uranplatten zusammenschießen, zwischen denen Fusionsstoff plaziert ist, um die Neutronenproduktion zu steigern. Eine Atombombe im eigentlichen Sinn ist das nicht, auch keine taktische.

Allenfalls ist vorstellbar, daß man so mit viel Glück eine kurze Kettenreaktion auslösen kann, die aber gleich wieder abbricht - etwas, das amerikanische Kernwaffentechniker einen „fizzle“ nennen. Die Explosionsenergie der Hohlladungen könnte damit gesteigert werden, und es entstünde Neutronenstrahlung, die die Kobalt-60- Messungen in Ohrdruf erklären würde.

Im Promillebereich der Hiroshima-Bombe

Wie stark die Explosion gewesen sein könnte, ist aus den bislang bekannten Daten nicht zu ermitteln. Sie kann aber, nimmt man die Augenzeugenberichte und die sowjetischen Geheimdienstpapiere ernst, höchstens im Promillebereich der Hiroshima-Bombe gelegen haben.

Selbst wenn die SS personell und materiell in der Lage gewesen wäre, solche Anordnungen zu Hunderten in V-2-Raketen zu packen und auf die vorrückenden alliierten Truppen abzuschießen - es hätte den Untergang des Dritten Reiches höchstens um einige Tage hinausgezögert und dem vielen Grauen dieser Zeit nur weiteres hinzugefügt.

Allerdings ist es keineswegs sicher, daß dergleichen mit dem schwach angereicherten Uran, das Diebner zur Verfügung stand, auch nur grundsätzlich möglich gewesen ist - selbst wenn ihm davon viel größere Mengen zur Verfügung standen als bekannt.

Genauer wissen dürften das aber, wenn überhaupt, nur praktisch erfahrene Kernwaffenspezialisten - und die hat es in Deutschland zum Glück nie gegeben. Auch Kurt Diebner und Kollegen dürften keine Ahnung gehabt haben, ob sie mit dieser Anordnung Erfolg haben würden.

Klarheit können hier wohl nur die Prompte-Gamma-Messungen bringen. Deren Ergebnisse sollen noch in diesem Jahr vorliegen. Uwe Keyser wird sie wohl nach Begutachtung durch andere Physiker in einer Fachzeitschrift publizieren. Als öffentlich bestallter Forscher ist er den Mediengesetzen der Wissensgesellschaft ja nicht ganz so ausgeliefert wie Karlsch.

Rainer Karlsch: „Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche“. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005. 415 S., geb., 24,90 €.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.03.2005, Nr. 10 / Seite 69

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