18. Januar 2006 Die Umweltschutz-Organisation Greenpeace hat am Mittwoch im zweiten Anlauf einen verendeten Finnwal aus der Ostsee vor Rostock geborgen. Das 17 Meter lange und etwa 20 Tonnen schwere Tier wurde auf einen Tieflader gehievt, der es zur weiteren Untersuchung nach Berlin bringen sollte, teilte Greenpeace mit.
Der zwischen zehn und zwanzig Jahre alte Wal, der eigentlich im Nordatlantik zu Hause ist, war nach erster Einschätzung der Organisation verhungert. Auf der Jagd nach Heringen sei er vermutlich in die Ostsee gelangt, habe wegen des relativ flachen Wassers die Orientierung verloren und sei dann wohl verhungert. Der Kadaver war am vergangenen Samstag auf einer Sandbank entdeckt und nach Rostock geschleppt worden.
Wie ein Schlauchboot, aber schön
Ein erster Versuch der Bergung war am Morgen gescheitert, als der Wal zwar schon aus dem Wasser gehoben war, dann aber aus den Haltegurten rutschte. Greenpeace-Taucher befestigten unter Wasser ein weiteres Seil, womit die Bergung schließlich am Mittag gelang. Das tote Tier da unten zu sehen war schon beklemmend, sagte Thomas Schrader, der zusammen mit vier weiteren Tauchern anderthalb Stunden in dem fünf Grad kalten Wasser arbeiten mußte. Der Wal erinnerte zwar unter Wasser an ein kaputtes Schlauchboot, war aber immer noch schön.
Tatsächlich ließ der deutlich abgemagerte Meeressäuger schon allein durch seine beeindruckende Größe erahnen, wie majestätisch er vor kurzem noch durchs Meer geglitten sein muß. Als er beim Verladen auf den Schwertransporter durch die Luft schwebte, öffnete sich sein riesiges Maul und machte so seine Barten sichtbar, die feinen Borsten, durch die er Nahrung aus dem Wasser filtert. Für den Finnwal ist charakteristisch, daß ein Drittel der Barten auf der rechten Seite weiß ist, der Rest ist schwarz, erklärte Greenpeace-Meeresbiologin Stefanie Werner. Das Tier zeigte allerdings auch deutliche Spuren der Bergung: Die Haut war zerschrammt, aus mehreren Wunden lief Blut aus und färbte den Schnee am Kai rot.
Protest vor der japanischen Botschaft?
Greenpeace holte den Wal im Auftrag des Stralsunder Meeresmuseums auf eigene Kosten aus dem Wasser. Museumschef Harald Benke zeigte sich überrascht, als er von dem Transport des Kadavers nach Berlin erfuhr. Zuschauer in Rostock mutmaßten, daß Greenpeace den toten Wal als Protest gegen den Walfang vor der japanischen Botschaft in der Hauptstadt zeigen wollte. Sprecher Björn Jettka wollte dies weder bestätigen noch dementieren. Den Wal haben wir uns geliehen vom Meeresmuseum Stralsund, sagt er.
Ich vertraue Greenpeace und gehe davon aus, daß der Wal unbeschadet am Donnerstag in Stralsund sein wird, meinte Benke. Experten der Forschungseinrichtung wollen den Meeressäuger zerlegen. Im Sommer 2005 hatten sie schon einen 40 Tonnen schwerer Finnwal auseinandergenommen, der tot vor Rügen in der Ostsee gefunden worden war.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa
Bildmaterial: AP, ddp, dpa/dpaweb