Forschung in China

Der gelbe Drache pulverisiert die globale Hackordnung

Von Joachim Müller-Jung

27. Dezember 2006 Auf dem Shanghaier Minhang Campus muß der wiedergeborene Drache sein Zuhause haben. Ein gigantischer Forschungspalast aus Granitplatten und Betonsäulen, dazu ein protziger Triumpfbogen, unter dem der Mensch zur Mikrobe schrumpft. Keine Studentenseele weit und breit. Dafür ein seelenlos dreischauender Sicherheitsbeamter vor der Pforte und eine ferngesteuerte Kamera in der Eingangshalle, die an der Wand im neckischen Blau den Schriftzug „Education“ führt. Der chinesische Drache mag ein Monster sein, von akademischem Stil oder studentischem Flair jedenfalls hält er nicht viel.

Doch was sind das für antike Kategorien in einem Reich, das sein Volk in diesem Jahr in einer einmaligen Dokumentarserie im Fernsehen auf die Rolle der wiedergewonnenen Weltmacht vorbereitet und die Kräfteverhältnisse auf der Weltkarte der Wissenschaft jedenfalls in ökonomischer Hinsicht eindrucksvoll gekippt hat. Vor fünf Jahren noch war China gleichauf mit Deutschland, was die Forschungsinvestitionen angeht. Heute liegt es nach einer Verdoppelung des Budgets schon vor Japan auf Platz zwei. Nur in den Vereinigten Staaten wird mehr Geld für Forschung und Innovation ausgegeben.

Karten sind neu gemischt

Die neue Statistik der OECD war vor wenigen Wochen kaum mehr als eine Randnotiz. Und doch verbirgt sich hinter den Zahlen eine gigantische Umwälzung. Denn der chineische Drache schwingt sich gerade mächtig auf, und er macht jede Menge Wind. Als vor ein paar Tagen drei chinesische Forscher und ein Franzose die Rekonstruktion eines zweiköpfigen Drachenfossils aus der Kreideformation desYixian im Nordosten Chinas in den „Proceedings“ der Royal Society präsentierten - ein Drachengesicht grinsend, das andere genießerisch ernst -, war dies fast schon Sinnbild für den Seelenzustand der chinesischen Wissenschaft.

Die Karten sind neu gemischt, und China hält das aussichtsreichste Blatt in der Hand, auf diese Botschaft läuft jede Begegnung mit den Funktionsträgern der Universitäten heute hinaus. Wie bei Lin Zhongquin, dem Vizepräsidenten der Jiao Tong University, die nach einer Verdreifachung der Universitätsfläche in fünf Jahren nicht weniger als sechs Campi in der 19-Millionen-Metropole Shanghai ihr Eigentum nennt. Darunter der grotesk-pompöse Geistercampus Minhang, auf dessen drei Quadratkilometern Fläche ein paar tausend Studenten schnell verloren gehen. Doch China baut seine Wissenschaftstempel für morgen, nicht für heute. Für seine Heere von Forschern, die aus dem In- und Ausland rekrutiert und internationales Format bekommen sollen. Mehr als 1600 Publikationen in hochrangigen internationalen Zeitschriften, „fünfmal soviele wie Anfang er neunziger Jahre“, preist Lin als eine der wichtigsten Errungenschaften seiner Hochschule - neben Programmierweltmeistern und Tischtennisassen auf dem Campus.

„Brain Gain ist ein Projekt mit staatlicher Priorität“

Chinas Aufstieg ist keineswegs nur Fassade. 926.000 Forscher füllten 2004 chinesische Labore und Hörsäle - lediglich Amerika hat mit 1,3 Millionen mehr Wissenschaftler. Das waren im Land des Drachen siebenundsiebzig Prozent mehr als vor zehn Jahren. Viele davon sind Ausländer und Rückkehrer zumal aus Amerika oder Europa, wo die jungen Chinesen systematisches wissenschaftliches Arbeiten und nicht zuletzt Kreativität einüben, die im eigenen, noch großteils verschulten System als unterentwickelt gilt. „Jetzt muß es uns mehr um Qualität statt um Quantität gehen“, sagt Chen Yiyu, der als Präsident der National Natural Science Foundation of China (NSFC) - dem Pendant zur Deutschen Forschungsgemeinschaft - selbstbewußt von einer „lange noch nicht beendeten Reform“ spricht.

Viele der Altvorderen der Chinesischen Akademie sind dem neuen wissenschaftlichen Gutachterverfahren, das Ende der achtziger Jahre mit der langsamen Öffnung der Wissenschaften begonnen wurde, zum Opfer gefallen. Fast fünfzigtausend der ehemals siebzigtausend Akademiemitglieder sind weg, Institute wurden geschlossen oder angeblich als Firmen ausgegründet, „Exzellenzprojekte“ gegründet, die leistungsabhängige Finanzierung durch das NSFC exponentiell um jeweils zwanzig Prozent und mehr pro Jahr gesteigert und die Anforderungen an Nachwuchswissenschaftler angehoben. Wer nicht in den international führenden Zeitschriften „Science“ oder „Nature“ publiziert, hat kaum Chancen auf Forschungsmillionen. Bis 2004, sagt Chen, habe man auf diese Weise an die hunderttausend oder ein Drittel der ins Ausland abgewanderten Köpfe wieder ins Land geholt. „Brain Gain ist ein Projekt mit staatlicher Priorität“, sagt Chen. Wissend allerdings, daß die Gehälter für Führungskräfte von Ausnahmen abgesehen international noch kaum konkurrenzfähig sind.

Ziel: Den Gipfel zu erklimmen

Darin ähnelt Chinas Forschung seiner Volkswirtschaft: Sie ist führend auf dem Billigpreissektor für das Personal. Auch fehlen noch gewinnträchtige, große Marken. Trotzdem scheint es den kommunistischen Kadern und mit ihnen den international und wettbwerbsorientierten Forschungsmanagern neuen Typs zu gelingen, den Drachen aufzurichten. Das Ziel ist klar: Den Gipfel zu erklimmen, der in der Tang-Dynastie (618-906) mit der Entwicklung der Seidenstraße und dem Ausbau der Hafenstädte erreicht worden war und ein beispielloses „Zeitalter des Internationalismus“ in China begründete.

In den gelegentlich euphorischen Schilderungen von Spitzenforschern wie Nanbert Zhong tauchen solche Parolen wie selbstverständlich auf: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir wieder die Besten sind.“ China sei noch wie ein Kind, ein kleiner Drache, „wahrscheinlich brauchen wir mehr als zehn Jahre, vielleicht fünfzehn bis zwanzig Jahre, aber dann sind wir auf dem selben Level wie die Harvard-Universität.“ Zhong war einer der umworbenen Rückkehrer, er war Genetiker an der State Island Universität von New York, hatte sich dann aber bald „aus Patriotismus“ und aus der Überzeugung heraus, „mit dem genetischen Reichtum in China ein ideales Forschungsfeld zu haben“, entschlossen, dem Ruf aus Peking zu folgen. Heute leitet er angeblich „ohne Sorge vor staatlichen Beschränkungen“ das Human Disease Gene Research Center am Life Science College der Bejing-Universität.

Mao und Sillicon Valley war gestern

Nicht zuletzt wegen Eliteforschern vom Schlage Zhongs läßt es sich heute kaum noch eine große Forschungsorganisation oder ein Konzern nehmen, den chinseischen Drachen zu umwerben. Die weltbekannten Schmieden des modernen Kapitalismus, angefangen von Siemens bis Microsoft, haben Forschungszentren in China aufgebaut, mehr als 700 an der Zahl mittlerweile. DFG-Präsident Winnacker, der zur Jahrtausendwende ein Deutsch-Chinesisches Zentrum für Wissenschaftsförderung in Peking installierte, spricht, wenn von Chinas Forschungsaufstieg die Rede ist, ehrfürchtig von den neuen „Windmühlen-Erbauern“ im Land des Drachen.

Die treibenden Kräfte dahinter sehen sich mit ihrem Sprung in die allererste Reihe im Plan. Spätestens 2011 sieht sich die Tsinghua-Universität im Nordwesten Pekings zum Beispiel „als eine der besten Universitäten der Welt“. Tatsächlich ist die in technisch-naturwissenschaftlichen Fächern herausragende Universität schon heute das, was man hierzulande Elitehochschule nennt. Nur die allerbesten aus jeder der 31 chinesischen Provinzen schaffen es hierher, im nationalen Ranking steht die von knapp 26.000 Studenten (inklusive 2021 Ausländern) besuchte Universität ganz oben. Die meisten Staatschefs und Minister, Chinas derzeitiger Staatspräsident Hu Jintao eingeschlossen, haben hier ihren Abschluß gemacht. Das Budget hat sich in zehn Jahren vervierfacht, und die Zahl der Publikationen in führenden Zeitschriften in fünf Jahren verfünffacht. „Nature“ und „Science“ scheinen für Repräsentanten wie Xie Weihe, dem Vizedirektor der Universität, was den Staatsgründern die Mao-Bibel gewesen sein muß. Doch Mao war gestern - wie Silicon Valley in den Augen vieler Chinesen auch.

Lockerung der Ein-Kind-Politik

Von den möglichen Hindernissen auf dem Weg nach ganz oben hört man immer nur dann, wenn die neuen chinesischen Wissenschaftstycoons auf Schwierigkeiten hinweisen, mit denen das moderne China nichts zu tun haben will. Die Luftverschmutzung in den Industriemetropolen etwa oder das Austrocknen der Provinzen. Vorzugsweise dann hört man auch das unpassende Wort vom Entwicklungsland China. Schwierigkeiten könnte den asiatischen Himmelsstürmern auch die inzwischen von allen Seiten angefeindete Ein-Kind-Politik machen, die nicht nur dazu geführt hat, daß Chinas Gesellschaft und Sozialsysteme noch größere Komplikationen erwarten als der Westen.

Sie hat auch das Geschlechterverhältnis teilwesie schon auf so grotestke Weis zugunsten der männlichen Nachkommen verschoben, daß die Familie als zukunftserhaltene Einrichtung regelrecht bedroht scheint. Mittlerweile hat die Regierungspartei die Fesseln gelockert und Ausnahmen von der Ein-Familien-Politik zugelassen. Profiteure sind nicht selten Wissenschaftler, die im Ausland arbeiten und dort ihre Kinder zur Welt bringen. Dieser Nachwuchs wird ihnen nach der Heimkehr aber oft nicht mehr angerechnet. Der neue wissenschaftliche Internationalismus könnte so auch in dieser Hinsicht zur Speerspitze des neuen chineischen Aufstiegs werden.



Text: F.A.Z., 27.12.2006, Nr. 300 / Seite N1
Bildmaterial: AFP, F.A.Z., Müller-Jung

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